Zwölfter Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
zur
Augsburger Pojheitung.
21. März M- 12. 185s.
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Hirtenbrief deS Hochwnrdigsten Herrn Wilhelm Emmanuel,Bischofs von Mainz , znr Fastenzeit 18S2.
(Fortsetzung.)
Ich gehe nun, Vielgeliebte, von unserm Heiland JesuS Christus zu seiner Kircheüber, — ein Gegenstand, dessen richtige Erkenntniß besonders in unserer Zeit vonder größten Wichtigkeit ist.
Wir besitzen Christus wahrhaft und ganz nur in und durchjene Kirche, die Er selbst auf Erden gestiftet und der Er die Ver-heißung gegeben hat: „Siehe ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende derWelt" (Matlh. 28, 20.). Diese Kirche nennt der Apostel PauluS : „DaS HauSGotteS, die Kirche deS lebendigen GotteS, eine Säule und Grundfeste der Wahr«heit" 1. Tim. 3, 15.). In ihr besitzen wir „daS Geheimniß der Gottseligkeit, wel-cheö geoffenbart wird im Fleische, gerechtfertigt im Geiste, geschaut von Engeln, gepre-digt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in Herrlichkeit" (1. Tim. 16.).Christus hat sie gegründet auf Petrus, wie auf einen Felsen: „Du bist PetruS und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle wer^den sie nicht überwältigen" (Matth . 16, 13.). Diese Kirche sollen wir hören undihr folgen: „Wenn er die Kirche nicht hört, so sey er dir wie ein Heide und öffent-licher Sünder" (Matth . 18, 17.).
Wenn uns aber der liebe Gott in der Kirche so große Schätze der Gnadenund der Wahrheit niedergelegt hat, so ist eS nicht zu wundern, daß der Geist derLüge Alles aufbietet, um Euch von dieser Säule und Grundfeste der Wahrheit zutrennen und daß dagegen die Kirche ihre ganze mütterliche Sorge verwendet, um dieihr anvertraute Heerde Jesu Christi vor diesem Seelenmördcr von Anbeginn zu bewah-ren und sie immer inniger mit sich zu vereinen.
Da ich nun die gesammle Lehre von der Kirche nicht in einem Hirtenbriefeabhandeln kann, so wähle ich nur einen Theil dieser Lehre, der in der Gegenwartzu unaufhörlichen Angriffen gegen die Kirche benützt wird, nämlich das Verhält-niß der Kirchengewalt zur Staatsgewalt und die Forderung derKirche nach einer größern Freiheit.
Die Kirche Christi hat die Pflicht, auf der einen Seite ihren Kindern zu sagen:„Jedermann unterwerfe sich der obrigkeitlichen Gewalt; denn eS gibt keine Gewaltaußer von Gott, und die, welche besteht, ist von Gott angeordnet" (Rom . 13, I.);und auf der andern Seite denen, die diese Gewalt ausüben, zuzurufen: „Wenn ihrals Diener Gottes nicht recht richtet, daS Gesetz der Gerechtigkeit nicht bcobachiet,und nach dem Willen GotteS nicht handelt, so wird er schnell und plötzlich über euchkommen; denn daS strengste Gericht ergeht über die, so andern vorstehen"....Gott wird Niemandes Person auSnehmen, weil er den Kleinen wie den Großengemacht hat und auf gleiche Weise sür Alle sorgt.... An euch also, ihr Könige,