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Zweitens sehen wir, daß der Heiland in dieser seiner Machtvollkommenheitdreierlei vollbrachte. Er lehrte den ganzen Inhalt seiner Wahrheit ohne Rück-sicht auf Heiven und Juden, auf Pharisäer, Sadducäer oder Herodianer, auf Pi«latus oder HerodeS , Annas oder Kaiphaö. — Er spendete die Sacramente. —Endlich lenkte und leitete er seine Heerde, und bestellte Jene zu Aposteln undPriestern, die er dazu erwählte.
Drittens unterwarf sich der Heiland im Uebrigen der weltlichen Gewaltund forderte auch seine Jünger auf, sich ihr zu unterwerfen. ES ist DaS höchstbemerkenSwerth, wenn wir die öffentlichen Zustände näher inS Auge fassen, diedamals im Judenlande bestanden. Die Römer, seit längerer Zeit Bundesgenossen derJuden, hatten etwa sechzig Jahre vor Christus, einen Bruderzwist benutzend, diehöchste politische Gewalt über das Judenvolk an sich gerissen. Diese Gewalt bestandgegen alleS göttliche und welche Recht, und gewiß ist nie eine unrechtmäßigere Herr-schaft ausgeübt worden. Die Juden ertrugen diese Herrschaft großen Theils nur mitIngrimm. Auch der Heiland erkannte gewiß das Unrecht derselben vollkommen an,und hat eS natürlich nie gerechtfertigt. Dennoch unterwarf sich der Heiland derrömischen weltlichen Herrschaft und mischte sich nicht in die weltlichen Händel.Schon seine gnavenvolle Mutter, als sie den Gottessohn unter ihrem Herzen trug,gehorchte dem Befehle des römischen Kaisers und zog selbst den beschwerlichen Wegvon Nazareth nach Bethlehem hinauf. AIS man aber den Heiland eben über dieseAngelegenheit befragte, um ihn entweder den Juden oder bet den Römern verhaßt zumachen: „Ist eS erlaubt, dem Kaiser Zins zu geben oder nicht?" da antwortete erausdrücklich: „Gebet dem Kaiser, waS deS Kaisers ist und Gott, was GotteS ist"(Matth . 22, 17. 21.).
Viertens aber unterwarf sich der Heiland keiner irdischen Gewalt, wound in so fern sie in das Bereich seiner göttlichen Sendung und geistlichenGewalt eingriff. Nie und nirgends ließ er sich von der' Vollziehung seinesgöttlichen Amtes abhalten, und wo man dieß versuchte, da widerstand er bis zumTode, bis zum Tod am Kreuze. Weil aber die Welt diese Stellung deS Heilandesin ihrer Leidenschaft und Verblendung nicht anerkennen wollte, so geschah eS, daßsie ihn zwischen zwei Schächern kreuzigte unter der Beschuldigung: „Er ist ein Auf-wiegler veö Volkes, er verbietet, dem Kaiser Steuer zu geben" (Luc. 23, 2.), —und: „Er hat Gott gelästert" (Matth . 26, 65.).
Diese vier Grundsätze finden sich so ausgeprägt in dem Leben deS Heilan-des, daß es eine wahre Schamlosigkeit ist, Christus, wie eS jetzt so vielfach aufallen Seiten geschieht, zu einem politischen Parteigänger machen zu wollen.Seine Lehre führt freilich unfehlbar, wenn sie befolgt wird, auch zur größtmög-lichen irdischen Wohlfahrt. Ein Tag auf Erben, an dem das Gebot deS Herrn vonAllen erfüllt würde: „Liebe Gott über Alles und deinen Nächsten wie dich selbst,"würde die ganze Welt umgestalten in der Familie, in der Gemeinde, im Staate,in der Beziehung der Völker untereinander, würde den größten Theil der Thränentrocknen, die täglich in Strömen die Erde benetzen, die wir bearbeiten. Christusallein vermag es, jnie sittliche Grundlage im Herzen der Menschen wieder herzustel-len, die die Sünde zerstört hat, uud ohne welche auch zeitliches Wohl nimmermehrgedeihen kann. Aber das Endziel Jesu Christi ist nicht die Zeit, sondern die Ewig-keit, Er ist nicht im Dienste eines irdischen Königs gekommen, um dessen Herr-schaft auf Erden zu befestigen; er ist eben so wenig im Dienste der s. g. politischenFreiheit gekommen, um hier Menschensysteme auszuführen; er ist im Gehorsam gegenden König der Könige vom Himmel zur Erde herabgestiegcn, um GotteS Willenzu vollbringen, um alle Menschen dem Willen GotteS zu unterwerfen, um sie vonder Knechtschaft der Sünde zu befreien und sie zur Freiheit der Kinder GotteSzurückzuführen. Obenan in Allem, waS er für den Menschen gethan, steht derGrundsatz: „WaS nützt eS dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aberan seiner Seele Schaden leidet."
Es ist deßhalb schamlos, wenn man aus der Lehre Jesu Christi den einen