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nen Talentes, und natürlicher, ich möchte sagen, kunstschöpferischer Gewalt des Ge-sanges hervorgehen kann, der hat keine Vorstellung von den Empfindungen, die sichdeS menschlichen Innern bemächtigen, wenn man auf und nieder wandelt durch diewunderbaren Wölbungen dieser Kirche und den himmlischen Tönen lauscht. Zuweilenziehe ich mich in einige Entfernung zurück, und die ernsten, feierlichen Klänge dringenwie daS Brausen der Lüfte auS fernen Welten zu mir herüber; dann nähere ich michwieder allmälig dem Eingang der Kapelle und lasse die volle Kraft der Harmoniemich durchschauern. Alle Opern, alle Concerte, alle Conservatorien verschwinden inNichts gegen die erhabene Vereintwirkung dieses KirchenbaueS und eines solchen gottes-dienstlichen Gesanges. Denn beide scheinen den höchsten Gipfel menschlicher Kunsterstrebt zu haben, so weit solches durch irdische Mittel möglich ist.
Um den Eingang zu dieser Kapelle pflegen ganze Schwärme von Fremden sichzu versammeln. ES thut mir leid, daß ich nichts Besseres von ihnen sagen kann;hier plaudern sie und lachen, führen müßige Reden und treiben allerlei Kurzweil, wiesolches wohlerzogene Leute höchstens in einer lustigen Abendgesellschaft anderswo sicherlauben würden. Sie machen zwar keinen sonderlichen Lärm, ben man aber auchsonst nicht von wohlerzogenen Leuten erwartet; aber eS ist auch keine stille Andacht,nicht einmal schonende Rücksicht gegen gottesdienstliche Bräuche bei ihnen zu finden.Mag man noch so viel der Verschiedenheit der katholischen von den protestantischen Re-ligionSmeinungen zuschreiben, so ist doch diese Nichtachtung eines christlichen Tempels,eines christlichen Gottesdienstes durchaus nicht zu entschuldigen. Glücklicher Weisehabe ich bis jetzt keinen einzigen Amerikaner einem solchen Leichtsinn stöhnen gesehen.Dieses einzige Factum beweist mehr als ganze Bände, die man wider unsere Nationschreiben mag, als ermangle sie aller Religion. Es gibt größere Gemeinden in Amerika ,die vor einer Kirche, sofern sie solche bloß als Gebäude betrachten, keine sonderlicheEhrfurcht beweisen, die in ihren Kirchen politische Versammlungen halten, ja selbstMusikstücke und Oratorien aufführe», was ich Alles als unziemlich und tadelnSwerthbetrachte; sobald aber irgend Etwas, das auf gottesdienstliche Handlungen Bezug hat,vorgenommen wird, dann herrscht andächtige Stille und würdevolles Benehmen durchdie ganze Versammlung. Dieses Gefühl begleitet unsere Landsleute auch in fremdeLänder; aber die Protestanten anderer Nationen, besonders die Engländer, welche dochin ihrer Heimath so streng auf geziemendes Betragen achten, scheinen solche Gefühlehier ganz zu verläugnen. Doch muß ich auch zugeben, daß die Katholiken selbst nichtimmer ein gutes Beispiel geben.....
Die Verglcichung zwischen Rom , wie eS jetzt ist, und einer unserer großenStädte, hat sich mir fast bei jeder Veranlassung wiederholt aufgedrungen. DaS heutigeRom und Newyork sind in moralischer Hinsicht einander geradezu entgegengesetzt undphysisch ebenfalls. Die eine ist eine Stadt voll herrlicher Erinnerungen, die anderevoll großer Hoffnungen. ... Rom ist, wie vormals Troja, wenigstens gewesen ^);aber es scheint nicht, daß Newyork. so sehr sich jährlich seine Bewohner um vieleTausende vermehren, jemals seyn wird . . .. Welches von beiden Völkern ist glücklicher?so fragte ich mich selbst, während ich meine Blicke über die sagenreiche Gegend gleitenließ: diejenigen, welche ihr Daseyn in diesen Erinnerungen verträumen, oder die,welche den Augenblick mit solcher Gier ergreifen, als gälte eS, Vergangenheit undZukunft in einen Tag zusammen zu pressen, die bloß darum zu leben scheinen, um,wenn die Nacht kommt, sich zu rühmen, daß sie abermals reicher geworden, als sieam Morgen waren? Diese Frage ist leicht beantwortet; obschon ich tausendmal vor-ziehen möchte, daß daS LooS meines Lebens mir in Rom zugetheilt gewesen wäre, alsin Newyork , oder in irgend einer bloß Handel treibenden Stadt. Die Römer ver-achten die UankeeS, und die AankeeS verachten die Römer; die Einen deßhalb, weiljene bloß an die vorübergehenden Interessen des Augenblickes denken, die Andern diese,weil sie gar nicht an dieselben denken. Die Bewohner der „ewigen Stadt" sind einTheil der Nachkommen jener alten Römer, die an dieser Stelle einst die alte Welt
') Ein unbefangener Katholik würde hinzusetzen: ist auch noch.