Ausgabe 
12 (30.5.1852) 22
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169
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Zwölfter Jahrgang.

Sonntags-Beiblatt

zur

Augsburger PostMtung.

30. Mai 22. ^852.

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Aechte Toleranz.

Der bekannte amerikanische Romandichter Cooper, der gewiß weit davon entferntist, in seinen Grundsätzen und Anschauungen katholisch zu seyn, gibt gleichwohl einbeachtenswerthes und nachahmungswürdiges Beispiel wahrer Toleranz in mehrerenBriefen, in welchen er sich über seinen Aufenthalt in Rom ausspricht. ES ist nöthig,von solchen Dingen Act zu nehmen, damit die deutschen Schöngeister an ihnen sichspiegeln können, und weil sie ein neuer Beweis für die Thalsache sind, daß diekatholische Kirche vom wahren Genie selten etwas zu fürchten hat.

In dem Werke das den TitelItalien " führt, kommen unter Andern, folgendemerkwürdige Stellen vor:

Gelegentlich habe ich mich überzeugt, daß man in Rom ziemlich zuversichtlicheHoffnungen nährt rücksichtlich der Fortschritte der katholischen Religion und folglich deSzunehmenden römischen Einflusses in unserm Vaterlandc. Wenn die Römer dieß bewir-ken können, so habe ich nichts dagegen; denn allen religiösen Ansichten muß meinerMeinung nach freier Spielraum gestattet werden. .... wird Sie wundern, wennSie hören, daß in Rom selbst weit weniger strenge Bigotterie herrscht, als in man-chen enlferntern Ländern, die unter den kanonischen Scepter sich beugen. Da dieRegierung mit allen untergeordneten Verwaltungszweigen sich in den Händen derGeistlichkeit befindet, so wird freilich keine offenbare Vernachlässigung der religiösenGebräuche geduldet; aber davon abgesehen, und mit Ausnahme der großen Zahl vonKirchen und Geistlichen, findet sich sonst wenig in Rom , was Fremde auf den Gedan-ken bringen könnte, daß sie wirklich in einem durchaus geistlich verwalteten Staate sichbefinden. Die Päpste selbst sind die machtvollkommenen Herrscher nicht mehr, die sievormals waren; NepotiSmus, Herrschsucht, Habgier wagen kaum mehr ihr Hauptzu erheben.. . . Die Ictzterwähllen Päpste sind fast alle milde, fromme Männer, undso weit menschliches Wissen reicht, wirklich zur Erfüllung ihrer wichtigen Berusöpflich-ten ganz geeignet gewesen. Doch alle menschlichen Einrichtungen dieser Art haben ihreschwachen Seiten; ich möchte nicht behaupten, daß dieGeneral AssemblieS" inAmerika jederzeit aus lauter zusammenbcrufenen Heiligen bestehen.. ..

Die Schonung gegen Andersdenkende wird in Rom fast übertrieben. Der Chor-gesang in der St. PetcrSkirche ist weit und breit berühmt, und Fremde pflegen daheröfter diese Kirche zu besuchen, um den herrlichen Gesang mit anzuhören. In einerbesondern Kapelle wird ein feierlicher Gesang, vermuthlich eine Vesper, jeden SonntagNachmittag gesungen, eine Vocalmusik, wie man sie sonst nirgends in der Welt hörr,weit schöner als die Musik der königlichen Kapelle in Dresden ; letzlere ist übrigenshauptsächlich Instrumentalmusik, während erstere einzig von menschlichen Stimmen auf-geführt wird. Wer noch nie einen solchen Tempel Gottes gesehen, wer nie den Wohl-laut vernommen hat, der aus einer solchen Vereinigung gründlichen Studiums, feite-