Ausgabe 
12 (6.6.1852) 23
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befestigt war, zerriß gleich einem Bindfaden; hätte nicht zum Glück der schwächereProbe gehalten, so wäre wahrscheinlich daS Schiff auf irgend einen verborgenenFelsen in der Mitte oder an daS jenseitige Granitgestein geworfen worden. Soließ sich an diesem Tage eine Strecke von kaum hundert Schritten zurücklegen. DesAbends war wieder Alles entmuthigt wie vor vierzehn Tagen. Noch weitere sechsTage, hieß eS, wären abzuwarten. Der Missionär bestand darauf: contractmäßigmüßten 150 Mann zusammengebracht werden. Da gab es allerlei Ränke, um einegeringere Anzahl zu stellenz Herr Kociancic blieb standhaft. Endlich am 19. trafhinreichende Mannschaft ein. Kurz vor Mittag hatten sie daS Schiff über eine dergefährlichsten Stellen gebracht. Bald stand eS, bei furchtbar daher sich wälzendemund wühlendem Wasser, über einen der schwierigsten Wirbel hinaus, vor Sigrin-Bab,der gesürchtetsten Stelle. Da ziehen an jeder Seite mit herkulischer Anstrengungfünfzig Mann, und dennoch rückt man nicht um einen Zoll vorwärts. Alles schreit,AlleS lamentirt. Jetzt ein Windzug, aus vollen Kräften ruft der Missionär: Segel!Segel! DaS Segel wird aufgespannt, von nenem strengen die Zieher sich an, daSSchiff schwankt rechts, schwankt links; endlich faßt das Segel den vollen Windund vorwärts; ein Hanpttheil des Kataraktes von Wadi-Halfa war überwunden,Oesterreichs Fahne flaggte über den weiten Strom, Kanonenschüsse, allen Jubel derMenschen überdonnernd, verkündeten den errungenen Sieg.

Für den folgenden Tag waren die gefährlichen Krümmungen von Tigudra auf-gespart. Ehe sie erreicht wurden, brachen bei einer Wendung zwei Seitenbankeisen,gleich morschem Holz, jedoch ohne weitern Nachtheil, Abends vier Uhr stand dasSchiff am Thor von Tigudra, wo daS Gefalle auf eine Klafter vier Fuß beträgt;dazu kann in den vielen Krümmungen ein langes Schiff, wie die Ltella mstutins,nur schwer manövriren. Nach großer Anstrengung kam sie auch durch dieses Thor,was zehn Tage später nicht mehr möglich gewesen wäre. Nun lag der gesammteKatarakt hinter den kühnen Reisenden. Einundzwanzig Tage waren verflossen undalle Segel konnten wieder aufgespannt werden, durch deS Windes Kraft das Schiffdahinfliegen. Daß eines um diese Zeit, bei diesem Wasserstand die gefahrvolleFahrt gewagt hätte, ist bis jetzt niemals vorgekommen. Noch steht als Wahrzeichendie eine Hälfte einer unlängst gescheiterten Barke an einen Granitselsen angebunden,indeß ihre andere Hälfte bereits im Nilsande modert.

Nun ging daö Auszahlen, mit diesem das Jammern, Fordern, Betteln an.Um des zudringlichen Volkes endlich loS zu werden, ließ Herr Kociancic noch amSonntage Nachmittags abfahren. Zwölf Meilen wurden in wenigen Stunden zurück-gelegt, an der Ostseite der Insel Mogufel die Nacht zugebracht. Unter der Fahrtdes MonlagS mußten aus den zerstreuten Uferbewvhnern die Leute zum Ziehen überden Fall von Kagingera zusammengesucht und in daS Schiff aufgenommen werden.Der Wind half über die Stromschnellen bis zum Eingang in den eigentlichen Kata-rakt. Er hat viel Ähnlichkeit mit demjenigen von Assuan . Eine Woche später wäreauch diese Fahrt unmöglich gewesen, denn jetzt schon rutschte daö Schiff mehr alsdaß eS schwebte. Nach vier Stunden, während deren mußte gezogen werden, kamwieder fahrbares Wasser, ans welchem bis gegen vier Uhr daS Schiff Semne sichnähertet Daö Brausen des Stromes ließ größere Schwierigkeit befürchten, als inder Wirklichkeit sich zeigten. Die 20t) Fuß lange Wasserstraße durch einen wie mitKunst in dcn Felsen gehauenen Canal war leicht durchfahren, vor sechs Uhr AbendSwurde oberhalb Semne angelegt; ruhiger als unterhalb verliefen sich die abgelöhnlenLeute. ES waren neue aufzunehmen für den folgenden Katarakt von Ambutol.Wohl bei dreißig kamen auf das Schiff und boten sich an; allein der vorsichtigeMissionär, die arabische Treulosigkeit kennend, wollte in nichts sich einlassen, bevorer dcn Katarakt gesehen, die Größe der Schwierigkeit bemessen hätte. Währenddessen gerieth das Schiff unversehens in eine Strömung, der Wind rastete, eS schnellteznrück. DaS wollten die Angekommenen benutzen, um größern Lohn herauSzupressen.Dafür machten sich die Matrosen selbst an das Ziehen, die am Schiffe Gebliebenen