Ausgabe 
12 (18.7.1852) 29
Seite
228
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«rinnern die Maiglocken an das Ave «Maria-Geläute. So lobet nach dem Psalmes«wort die ganze Natur den Herrn:Berge und alle Hügel, die fruchtbaren Bäume,und Bäume deS WaldeS ; Gewild und alle Thiere; Gewürm und Vögel des Him-mels." In diesem Sinne freuen wir unS an den Glühwürmern in Wiesen undWäldern, die zur Zeit, da die Kirche den Geburtstag deS Messianischen Vorläufersbegeht, erscheinen. Nachdem die Braut deS Herrn den CycluS ihrer höchsten Festebeschlossen, feiert sie daS Angedenken deS Freundes deS Bräutigams. Kaum find diefestlichen Klänge verhallt, diedes glorreichen LeibeS Geheimniß" sangen, werdenwir an die erfüllte Verheißung deS Täufers erinnert, daßalles Fleisch das Heilsehen werde", daS unS im Fleische erschienen. So wie das Fest Johannes des Täu-fers auf Fronleichnam folgt, so reiht sich die Gedächtnißfeier Johannes deS Evange-listen an die heilige Weihnacht: daS Fest der Menschwerdung. Beide weisen auf daSLamm, das geschlachtet wird, daS hinwegnimmt die Sünden der Welt, der Einezeigte eS seinen Jüngern auf Erden, während eS der Andere im Himmel schaute.Wie der Seher, der die Kirche in ihrer Vollendung als himmlisches Jerusalemerblickte, der Schutzpatron der Theologen ist, so möchten wir den Vorläufer deSErlösers, der Ihm den Weg bereitete, den Schutzpatron der Philosophen nennen.Ist eS doch zumal in unsern Tagen recht eigentlich Beruf der Letztern, dem Herrn denWeg zu bereiten in alle Gebiete der Wissenschaft, wo noch so viele gedankenleereTiefen eines heidnischen Rationalismus auszufüllen, so viele dünkelvolle Höhen eineSpharisäischen PietiSmuS abzutragen sind, soll anders auch hier daS Wort deS Apostelsgelten:Niemand kann einen andern Grund legen, als der schon gelegt ist, ChristusZesuS." Ist eS der Theologie eigenthümlich, wie mit Adlerfittigen sich himmelwärtszu schwingen im Sonnenlichte deS Glaubens, so schreitet die Philosophie aus mühe-vollen Wegen der Forschung durch die Niederungen deS irdischen Daseyns, selbstleuch-tend gleich den JohanneSwürmchen und daS Dunkel ringsum erleuchtend; ihr Lichtentquillt den Tiefen deS menschlichen Selbstbewußtseyns; dieses Licht aber hält sie sowenig für daS einzige, außer welchem kein anderes leuchtet, als eS Jemanden beigesundem Verstand einfallen kann, daS Glühwürmchen für die Sonne im Weltall zuhalten; vielmehr wie Johannes, in sich selber Licht, auf denjenigen hinwies, der,wie kein Anderer, von sich sagen konnte:Ich bin das Licht der Welt" auf dieFrage:Wer bist du?" aus der Tiefe deS eigenen Selbstbewußtseyns demjenigenZeugniß gebend,der nach ihm kam und vor ihm gewesen", so weist auch die Phi-losophie den selbstbewußten Menschen, als einen erschaffenen erkennend undbekennend, auf den Unerschaffenen hin, der allein durch sich selber Licht und alsSchöpfer alles Lichtes Urquell ist. Sie weiSt aber auch und zwar eben deßhalb,seitdem die Finsternisse der Sünde sich über die lichte Schöpfung gelagert, auf den-jenigen hin, der sein allmächtiges:ES werde Licht" abermal in die Finsternisse hin-einrief und selber als neuer Mensch daS neue Licht der Welt ward. In diesem Hin-weis, in diesem Johanneischen Fingerzeig auf Christus gründet die Demuth, aber auchdie Hoheit der Philosophie, die ganze Größe dieser Wissenschaft deS Menschen vomMenschen. Wenn Christus von Johannes sagt, daß kein Größerer vom Weibegeboren als er, daß aber der Geringste im Reiche GotteS größer denn er sev, sodürften auch diese Worte auf die Philosophie ihre Anwendung finden. Sie ist diegrößte im Bereiche menschlicher Wissenschaft, wenn sie ihrem innersten Wesen nach,wie Johannes ein Fingerzeig auf denjenigen ist, der von sich gesagt hat:Ich bindie Wahrheit; wer zu mir kommt, der wandelt nicht in Finsterniß" sonst aberübertrifft sie an Wahrheit der Glaube des KindeS. Daher ordnet sich eine wahrePhilosophie der Kirche unter, wohl wissend, daß ihr Gegenstand: der Mensch, nurin der Wahrheit besteht, die der Kirche verheißen ist. Auch auf den seichten Ratio-nalismus mit seinem endlosen Forlschritt inS Blaue fällt ein Licht aus dieser Parallelezwischen der Stimme des Rufenden in der Wüste und der Philosophie. Denn wennJohannneS im Hinblick aus den Erlöser von sich aussagt:Er muß wachsen, ich ab-nehmen", so hat auch daS menschliche Wissen sein Ziel und Ende erreicht, wenn eS,