Ausgabe 
12 (18.7.1852) 29
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wie der Glaube, sich ins Schauen verwandelt. Wäre eS nicht eben so thöricht al»roh, das Johanniswürmchen deßwegen zu zertreten, weil eS nicht die Sonne selberist? So wäre auch daS Thun und Treiben derjenigen, welche gegen die ernste Mah-nung deS Apostels: Spiritum nolite extinZuers (I. Thess. V. 19), den von Gott geschaffenen Lichtauell im Menschen, in Andern nicht fließen sehen wollen, weil sie zuträge sind, aus eigenem zu schöpfen, und die daher in ihrem so anspruchsvollen Gebetenie die Worte des königlichen Psalmensängers aufnehmen:Du erleuchtest meinLicht, o Herr; o Gott , erleuchte meine Finsternisse.'

KremSmünster .

Sie erlauben vielleicht, in einer Zeit, wo man hie und da hadernd zwischenKirche und Staat hin und her zerrt, in Ihrem vielgelesenen Blatte auf einkleinesEreigniß" aufmerksam zu machen, daS sich jüngst in unserer Nähe zutrug, und aufalle Betheiligten, ja selbst auf serner Stehende, einen höchst erquicklichen Eindruckgemacht hat. Sie erlauben eS vielleicht um so lieber, da in Ihrer Umgebung dieStürme der Zeit alle Gelegenheit verweht haben, selbst etwas AehnlicheS zu erleben.

In einem der schönsten Thäler unseres paradiesisch-schönen Landes, auf einemAbHange des Kremsthales, das sich bis an die steierischen Alpen hinanzieht, erhebtsich die Abtei KremSmünster , welche sast ein halbes Jahrhundert vor dem AnfangeOesterreichs da war, und des römisch-veutschen Reiches Entstehen und Unterganggesehen. Wie viele berühmte Geschlechter sind bereits dem ihres Gründers, deSAgilolfingerS Tassilo von Bayern, wehmüthigen Angedenkens, nachgefolgt! WaSAlles verwelkte, ging unter, starb seit ihrem Daseyn I Sie aber lebt, und lebt nichtbloß, sie regt und blüht in vollster Jugendfrische, und hat da» Ansehen, daß sie,wenn man nicht künstlich ihr naturwüchsiges Leben vergiftet, noch irgend eines deut»schen Reiches Entstehen und Untergang überleben könne:

Das Münster ragt, kein Sturm vermag'S zu fällen,Sein Lebten strömt aus unverstegten Quellen."

In dieses Münster nun, welches der eben so gelehrte als fromme BischofGregor Ziegler so gerne besuchte, in welchem er vor wenig Jahren in stiller Zurück-gezogenheit und frommer Betrachtung sich auf seine Secundizfeier vorbereitete, zogam 8. Juni 1852 der Statthalter der Provinz Oberösterreich, vr. Eduard Bach,ein, um den verdienten Vorsteher, Abt Thomas Mitterndorfer, mit dem RitterkreuzedeS k. k. Leopoldordens zu schmücken,wegen seiner Verdienste, besonders um dieFörderung deS Studienwesens", wie die präcise Amtssprache lautete. ES galt eineArt patriarchalischer Siegesfeier. Eine Schaar wackerer Söhne deS heil. Benedict,von ihrem väterlichen Führer auf ihre Posten umsichtig vertheilt, hatte ihm geholfen,den Sieg zu erringen, und ließ sich nun die Freude nicht wehren, dabei zu seyn,als ihm die Palme eingehändigt wurde. Um 9 Uhr bewegte sich unter vollemGlockengeläute ein langer, festlich gekleideter Zug in die festlich geschmückte Stifts-kirche, um einem feierlichen, vom Hrn. StiftSprior celebrirten Hochamte und Te Deumbeizuwohnen; voran die Schulkinder und die studirende Jugend, dann, im schwarzen,ehrwürdigen Festgewande deS heil. Benedict, silberhaarige Greise und rüstige Män-ner, die von den Seelsorgestationen des Stiftes herbeigekommen, Officialen, Profes-soren und Lehrer, an welche sich der gerührte Abt und der Herr Statthalter mit einerzahlreichen Begleitung von hohen und niedern Beamten anschlössen. Vermessen wäreeS, zu fragen, was während der heiligen Handlung in der Brust der Anwesendenvorging: auf dem Antlitze deS Gefeierten deS TageS sah man unverkennbare Zeicheneiner tiefen innern Bewegung.

AIS man dem Herrn gedankt, der das Wirken deS Stiftes gesegnet, begab sichder Zug nach kurzem Verweilen, während welchem die Schaaren der Zuschauer sichordneten, von den Gemächern deö Herrn Statthalters in den geräumigen Festsaal