Ausgabe 
12 (18.7.1852) 29
Seite
230
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des Stiftes, wo der Hauptact der Feier vor sich gehen sollte. In dem Saale selbst,einem lichten, zwei Stockwerke hohen Vierecke, von fünf mächtigen Fenstern in dieLänge und dreien in die Breite, das mit seinem meisterhaften Deckengemälde, Tagund Nacht vor einander auf der Flucht vorstellend, und den lebensgroßen PorträiSder fünfzehn habSburgischen Kaiser an der Wand einen überraschend großen und lieb,lichen Eindruck macht, war der Länge nach in der Mitte ein Thronhimmel mit demBilde des jungen Kaisers errichtet und verziert mit Allem, waS die blühenden Gärtendes Stiftes und die Kunst des Gärtners Geschmackvolles aufzubieten vermochten.AIS der Kreis um den Thronhimmel geschlossen und eS stille geworden war, begannder Herr Statthalter in einfacher, ungesuchter Rede die Verdienste deS Gefeierten her-vorzuheben:wie er aus dem reichen Schatze von Lehrkräften, die dem Stifte zuGebote stehen, stets die tüchtigsten ausgewählt und eS dahin gebracht, daß KremS-münster unter den Lehranstalten der Monarchie einen hervorragenden Platz einnehme;wie daS mit der Lehranstalt verbundene Convict eine Pflegeanstalt ächt religiösenGeistes und einer verständigen, praktischen Richtung sey; wie er durch stets neueBereicherung deS ohnehin reichen Schatzes von Lehrmitteln dem traditionellen Sitzegelehrter Bildung neuen Glanz zugefügt; wie er überall, wo eS gilt, mit patrioti-schem Sinne wirke und durch weise Sparsamkeit eS ermögliche, daß das Stift eineLeuchte für Schule und Wissenschaft bleibe. Möge, so schloß er, das schöne OrdenS-kreuz lange zieren die Brust eines Vaters der Jugend, eines frommen Priesters,eines patriotischen Staatsbürgers, eines ächten Biedermannes!" Eine kurze, feierlichstille Pause trat ein, während welcher der Herr Statthalter das Ritterkreuz an dieBrust des Herrn AbteS heftete und hie und da ein Auge mit weißem Tuche getrocknetwurde. Darauf begann der priesterliche Levpoldordensritter mit bewegter Stimmeeinen Vortrag, dessen Inhalt sich tief in Herz und Gedächtniß der Betheiligten eingrub.Mit ahnungslosester Ueberraschung sey ihm die Nachricht von der allerhöchsten Aus-zeichnung gekommen; nichts hätte er wirken können ohne eifriges, harmonisches Zu-sammenwirkenseiner Mitbrüder''", besonders in einer Zeit, wo alleS Frühere sichaufzulösen schien, die Klöster selbst in Frage waren, ihre Aufhebung von Vielengewünscht wurde. Er habe Alles Gott empfohlen, und sey in Vereinigung mitseinen wackern Mitbrüdern"" nicht ein Haar breit von Recht und Pflicht gewichen.Die Prüfung sey vorüber; daS tausendjährige Stift stehe noch geregelt im Innern,geehrt nach Außen; die Lehranstalt sey allerdings eine vorzügliche in jeder Beziehung,waS nun aber nicht sein Werk sey, sondern einem edlen, patriotisch gesinnten Lehr-körper, einem harmonischen Vereine geschickter, thätiger und liebevoller Jugendfreundezugeschrieben werden müsse. Darum freue ihn die Auszeichnung; denn Vorsteher,Lehrer, Erzieher, Priester wirkten mit freudigerm Muthe, wenn sie der Augenscheinüberzeuge, daß ihr Wirken nicht unbeachtet bleibe." Sie können sich denken, wieviele Taschentücher beschäftigt waren, als der väterliche Redner in fast ungerechterBescheidenheit die wohlthuende, wahrhaft erquickende Anerkennung der Leistungenseiner Milbrüder" vor einer so großen und mitunter so auserlesenen VersammlungauSsprach. Er sprach dann mit gerührtem Tone öffentlich seinen innigen Dank auS:seinem Kaiser, dem Statthalter undseinen Mitbrüdern", letzteren, daß sie, jederauf seinem Platze, treu und redlich zur Ehre Gottes, zur Wohlfahrt der heiligenKirche und deS theuren Vaterlandes gewirkt hätten. Darnach richtete er eindringlicheWorte an die Zöglinge der Lehranstalt:daß auS ihrer Mitte tüchtige Diener derKirche und deS Staates hervorgehen möchten, wie dieses seit 300 Jahren bei dieserLehranstalt sehr oft der erfreuliche Fall gewesen. Auch er sey Schüler an diesemGymnasium gewesen, und könne sich das Zeugniß geben, daß er treulich den Rath-schlägen seiner Jugendlehrer, von denen heute noch fünfe Zeugen seiner Auszeichnungseyen, Folge geleistet habe." Er schloß mit einem dreimaligen:Hoch dem Kaiser!"in welches die ganze Versammlung begeistert einstimmte. Die Volkshymne fiel einund Böllersalven dröhnten.

Nachdem sich die Versammlung entfernt hatte, war eS rührend anzusehen, wit