Ausgabe 
12 (18.7.1852) 29
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in die Gemächer des Herrn AbteS unter der Schaar der Glückwünschenden eine An-zahl kleiner weißgekleideter Mädchen, von ihrem Katecheten geführt, eintrat, undeines davon mit naiv zutraulicher Unbefangenheit die von einem StiftSmitgliede, demLehrer der französischen, italienischen und englischen Sprache, MarcuS Holter, unüber-trefflich verdolmetschten Kindergefühle zum Glückwünsche darbrachte, und bittend gleich-sam auch den Unterricht der kommenden Geschlechter dem väterlichen KinderfreundeanS Herz legte. Wie Sonnenschein zwischen Regen nahm sich aus, als die altenHerren mit nassen Augen bei den übernaiven Worten:Mußt recht brav gewesenseyn!" plötzlich in ein herzliches Lachen auSbrachen.

Um 1 Uhr wurde im Festsaale gespeist, errathbare Trinksprüche unter Musikund Böllersalven ausgebracht, darnach den Meister ehrende Uebungen in der Schwimm-schule des ConvicteS angesehen, bis am späten Nachmittage im Musikzimmer deSStiftes eine musicalisch-declamatorische Unterhaltung begann, welche zeigte, daß daSStift, welches die rühmlich bekannten Tonsetzer Franz Sparry, Georg Pafterwitz,Günther Kronecker unter seine Mitglieder zählte, auch in dieser Hinsicht seiner Ver-gangenheit nicht ungetreu geworden sey. Die Unterhaltung begann mit der Ouver-türe eines Mozartschen Meisterwerks, worauf von einem Studirenden ein von demProfessor der deutschen Sprache, Amand Baumgarten, verfaßtes Festgedicht vorge-tragen wurde, welches, dem Inhalte und der Form nach ein vollendet schönerAusdruck deutscher Urkraft und frommer Gemüthlichkeit, die Quintessenz der tausend-jährigen Geschichte der Abtei in poetischem Gewände der athemloS lauschendenZuhörerschaft vorführte. Zum Mittelpuncte der Unterhaltung hatte man sinnigSchillers Glocke , in Musik gesetzt von Romberg" gewählt, die Glocke, welche inden lieblichsten und ergreifendsten Werten und Tönen ausdrückt, was seit tausendJahren vom Leben vor dem mitbetheiligten Stifte aufgeführt worden war:

Und milde klingt zu gnadenreichen FestenDes Glöcklcins Silberhall geliebten Gästen!"

Hatte daS erste Festgedicht die Thatsache der tausendjährigen Dauer und Blütheder Abtei angegeben, so folgte nun ein zweites, lateinisches, vom Professor der latei-nischen Sprache, Beda Piringer, verfaßt, welches den erklärenden Grund jenerThatsache darlegte. Das Geheimniß ist kein anderes, als daßdie freie Muse,geleitet vom Sterne der Magier, ohne rechts oder links dem Ufer sich zu nähern,mitten über den Meeresspiegel hinfahre nach dem Hafen am Felsen mit dem Leucht-thurm, unbekümmert, ob der Wind von Westen oder Süden her wehe." Durch einesolche Pflege der Wissenschaften habe sich die Abtei mit Gotteö Hilfe aus denErschütterungen der sogenannten Reformation erholt, den Untergang des deutschenReiches überlebt und den Söhnen des MarS stets Achtung eingeflößt. Dieser auchauf die Zeilverhältnisse bedeutsam anspielende Vortrag wurde, obwohl er nicht Allenzugänglich war, unter gleich lautloser Stille angehört und daraus dieser Theil deSFestes mit einem dem Tage angepaßten Schlußchore von C. M. v. Wcber geschlossen.

Nun stand daS Beste noch bevor. Nachdem der Abendtisch, den ein Chor vonSängerknaben mit seinen eben so lieblichen als frischen und wohlklingenden Stimmenerheitert hatte, beendet war, wurde in den StiftSgarten gegangen, wo ein Schau-spiel überraschte, deßgleichen bis dahin Krcmsmünster nie gesehen. Stellen Sie sichein ganz eigenthümliches Gebäude von sieben Fenstern Breite vor, dessen Mitte mitdrei Fenstern und zwei Kanten eines Vierecks über die beiden Seiten von je zweiFenstern vortritt, in der Mitte sieben, auf beiden Seiten fünf Stockwerke hoch, blen-dend weiß in den heiteren, dunkelblauen, sternbesäeten, aber mondlosen Himmel hin-aufragend; die verhältnißmäßigen Fenster je einzeln ungefähr 36 Quadratfuß groß.Dieses Gebäude, die Sternwarte, oder eigentlich die Warte der Wissenschaften,denn eS enthielt, mit Ausnahme der Bibliothek, bis in die neueste Zeit die meistenwissenschaftlichen und Kunstschätze deS Stiftes, bildet den Mittelpunct der Anlagendes StiflSgartens. Ein GraSparterre und beiderseits Baumgruppen und Laubengängefinden sich davor, und verlieren sich links und rechts hier über einen ziemlich