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ES hat aber ein eigenes Mißgeschick darin gewaltet, daß einer der hervorragend-sten Regenten des habSburgischen Hauses, der zweite Stammhalter und zugleich Ret-ter desselben, ich darf nicht sagen: am wenigsten bekannt, wohl aber, zum Theilbis auf den heutigen Tag, durchaus und häufig mit hartnäckiger Beharrlichkeit miß-kannt worden ist. Zwang er auch seinem furchtbarsten nnd durch lange Zeit glück-Hastesten Gegner, dem grimmigsten Feinde der katholischen Kirche , dem erbarmungs-losen Verwüster Deutschlands , dem Schwedenkönig Gustav Adolph, das Geständnißab: „ich fürchte nichts als Ferdinands Tugenden," so hat ein Theil seiner Zeitge-nossen, fortwirkend bis auf unsere Zeiten, die traurige Mühwaltung übernommen,diese Tugenden in daS Entgegengesetzte umzureden, und zwar mit solchem Erfolg,daß selbst in denjenigen Ländern, über welche Ferdinand der Zweite einst gewaltet,das verfälschte Urtheil gegen daS richtige beinahe durchweg die Oberhand gewonnenhat. Parteiloser äußert sich ein neuerer französischer, zugleich aber entschieden katho-lischer Schriftsteller: „Dieser Mann," sagt er, „welcher der Welt die Idee eineöwahrhaft christlichen Monarchen dargeboten hat, dieser Herrscher, der sich durch daöGlück nie blenden, durch daS Mißgeschick nie niederschlagen ließ, mußte allen mög-lichen Verunglipsungen als Zielscheibe dienen." Und so tief haben diese Verunglim-pfungen Wurzel geschlagen, daß, als vor Iahren der alte Römersaal zu Frankfurtam Main mit den Bildnissen sämmtlicher Kaiser auszustatten war, und Fürstenhäuser,Städte, Corporationen und begüterte Privatpersonen die Kosten je eines einzelnenBildes wetteifernd übernahmen, niemand es wagte, dasjenige Ferdinands des Zweitenanfertigen zu lassen, und der Raum, den dasselbe einnehmen sollte, vielleicht nochbis auf den heutigen Tag offen stände, hätte nicht einer meiner verehrtesten Freundeder alten Wahlstadt in Verbindung mit wenigen Gleichgesinnten den Muth gehabt,der sogenannten öffentlichen Meinung über diesen so hoch emporragenden MonarchenTrotz zu bieten, und durch Zusammenwirken sein Bild den übrigen einzureihen.
Ihr Urtheil jevoch, verehrteste Anwesende, als das Urtheil katholischerOesterreicher über Kaiser Ferdinand den Zweiten, glaube ich nicht berichtigen zumüssen. Wollte ich aber anS der Fülle desjenigen, was in Betreff seiner Geschichte,seines WaltenS und seiner Persönlichkeit der Welt bisher noch unbekannt geblieben ist,auch nur daS Wesentlichste hervorheben, so würde ich ein Feld betreten, dessen Grän-zen zu weit abliegen. Ich erinnere mich um so lieber, weil ich mit dankerfülltemHerzeu sagen darf, er lasse sich auch auf meine Person in seiner vollen Beziehunganwenden, des AuSsprucheS eines alten Griechen: die Söhne arten meist der Mutternach. Je weniger der Mehrzahl von Ihnen Kaiser Ferdinands des Zweiten Mutternach dem Verein der seltenen Eigenschaften, welche dieselbe schmückten, näher bekanntseyn dürfte, um so mehr zähle ich auf wohlwollende Zustimmung, wenn ich IhreAufmerksamkeit auf dieselbe zn lenken versuche. Auch Ferdinands Mutter ist einwesentlicher Theil der österreichischen Geschichte; sie ist die Stammmutter des gesamm-ten blühenden Geschlechtes in seinen drei Dynastien; sie hat vollgiltige Ansprüche ausAnerkennung und Verehrung eines jeden wahren Oesterreichers; sie ragt in ihrerdreifachen Beziehung: als Christin, als Mutter und als Fürstin in ihrem Geschlechtehoch empor; fassen wir aber vie blos irdische Seite ins Auge, so ist sie die Muttereines römischen Kaisers und Königs von Ungarn und Böhmen , zweier Bischöfe deransehnlichsten reichSfürftlichen Diöccsen, dreier Königinnen, der beiden einzigen Groß-fürstinnen und Großherzoginnen jener Zeit. Und wer immer in diesem gesegnetenLande einen Segen auch darin erkennt, daß er katholisch sich nennen, katholischglauben und katholisch leben darf, der muß in zweifach dankbarer Anerkennung jetztnoch dieser Fürstin gedenken, die den reichen Schatz ihrer katholischen GlaubenSfestig-keit in dieses Land hinübergebracht, durch die eigene diejenige ihres Gemahls gekräf-tigt nnd sie des Sohnes Gemüth in solcher Weise eingepflanzt hat, daß er darin dieLeuchte seines Lebens erkannte, die weder durch dessen günstige Begegnisse konnte über-strahlt, noch von den mißlicheren umdüstert werden.
Im nächstfolgenden Jahr laufen am Vorabend vom St. BenedictStag drei