Vierzehnter Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
zur
Augsburger Postzeitung.
9. April ^ KS 1854.
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Die religiöse Seite der orientalischen Frage.
Man mag sich wenden und drehen wie man will, um dieser in der Ueberschriftbezeichneten Seite einer die ganze civilisirte Welt gewaltig erregenden Frage zu ent-fliehen, eS ist ein vergebenes Bemühen, auf jedem Schritte wird sie unS wiederbegegnen, und Rußland , der gewaltige Factvr in den orientalischen Wirren, bekenntsich auch offen vor aller Welt als der Träger der religiösen Politik, welche die Trieb-feder aller seiner Richtungen, aller seiner Schritte genannt werden darf. Der Ge-schichtsknndize kennt zur Genüge die unaufhörlichen Bemühungen, die endlose Reihevon Intriguen, welche Rußland im Laufe der Jahrhunderte gemacht hat, um dasschismatische Kreuz der russisch-griechischen Kirche im ganzen Orient zur ausschließ-lichen Herrschaft zu bringen.
AIS die seldschukkischen Türken vor vierhundert Jahren den Halbmond auf denTrümmern dcS oströmischen Reiches aufpflanzten, und die Aja Sophia in Konstanti-nopel in eine Moschee verwandelten, trauerte die ganze Christenheit über diesen SiegdeS Unglaubens, und lange, lange Zeiten hindurch bekämpften die Christen den Halb-mond als ihren Erbfeind. Wenn damals die griechische Kirche die Macht besessenhätte, den Halbmond aus Konstantinopel zu vertreiben, so würde dieses Ereignißvielleicht von der christlichen Welt mit Freuden begrüßt worden seyn Und heute?Heute wäre das christliche Nußland thatsächlich mächtig genug, das Reich der Os«manli zu stürzen, und doch gehen die vereinten Anstrengungen des christlichen Westensdahin, diesen Sieg des griechischen Kreuzes über den Halbmond zu verhindern, heutefürchtet man die Türken weniger als die Russen, heute ist mau bemüht, die Integritätder Pforte aufrecht zu erhalten, über deren Sturz man vor vierhundert Jahren froh-lockt hätte? Wie soll man sich all das erklären?
Die Wege der Vorsehung sind weise, und der höchste Lenker der Geschicke siehtWeiler als die menschliche Bemühung. Alö durch göttliche Zulassung das vströmischeReich unter den gewaltigen Streichen der mahomedanischen Barbarei in Trümmerging, sah die Vorsehung, für welche eS keine Schranken der Zeit gibt, bereits auf unsereTage herab, ihr blieb eS nicht verborgen, daß das, was für das Jahr 1453 menschlichbetrachtet als die größte Plage erschien, im Jahre 1853 als eine Wohlthat würdeerkannt werden. Erklären wir uns deutlicher. Seht hin auf die schiSmatischen KirchendeS Orients. Wo findet ihr dort jene Blüthen des Geistes, jenen Fortschritt derWissenschaften und der Cultur, als deren unwandelbare Trägerin die römisch - katho«lische Kirche dem Abendlande die mannigfachsten Segnungen gebracht hat? Ihr findetsie nirgends. Eurem Auge begegnet nur ein ewiger Stillstand deS geistigen Lebens,ein dumpfeS Hinbrüten der im SchiSma befangenen Völker, eine unfruchtbare LebenS-zähigkcit, aber keine wahre fruchtbringende Lebensfähigkeit. Und das ist auch ganz