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und von dem daher die meisten sozialen Neuerungen ausgegangen sind (wie von Eng-land die meisten politischen, von Deutschland die meisten ideellen und von Italien diemeisten künstlerischen), Frankreiich hat diese falschen Ideale unter der Aegide zweierglänzender Namen ins Leben engeführt, unter dem Namen Voltaire'S für die Eman-cipation , und dem Rousseau'S für die ivillische Naturtreue. Der Letztere hat seineTendtn; hierüber weit schärfer und umständlicher ausgesprochen, als der Erstere, dernur in frivolen Andeutungen eine Vorschule der Emancipation errichtete. Aber Vol-taire hat mehr Eingang auch in der Ansicht über das Verhältniß des Weibes ge-funden, als Rousseau, weil jener seine Behauptungen auf die wirklich vorhandeneVcrderbniß gründete, die er als Kultur anbetete, während dieser seine Meinungen ausdie eingebildete Trefflichkeit der (nach ihm) unverdorbenen Natur baute. Daß es mitdieser angebornen Unschuld allein doch keinen rechten Bestand habe, zeigt er selbst, ohneeS zu wollen, in seinen weiblichen Idealen: Sophie und Heloise , die er Beide Opferder Verführung werden läßt. Mit Rousseau's Ansicht kommen die Frauen am Endedahin, wo sie sich mit der Voltaire's schon im Ansänge befinden. Vollaire'S Gesinnungvergiftet die Gesellschaft unmittelbar mit dem Pesthauche der Frivolität; Rousseau'SAnschauungsweise knechtet die Frauen, nimmt ihnen mit der Erkenntniß den Glaubenund die davon abhängende Liebe zu Gott, und gibt ihnen dafür den Glauben an denMann, und die Liebe zu ihm, „Die Frau soll die Religion ihreö Mannes haben,"sagt er (nicht etwa meinend, daß sie nur den heirathen solle, der in der heiligstenUeberzeugung mit ihr übereinstimmend wäre, sondern wollend, daß sie neutral zwischenden religiösen Parteien bleibe, bis sie von dem Manne, der ihr Gatte geworden, zueiner religiösen Ansicht bestimmt würde). Damit bringt er nicht nur das Weib umalle Würde, sondern auch die Ehe um alle Heiligkeit, die Treue um alle Gewähr.Denn nur auf der Treue gegen Gott kann ja die gegen die Menschen beruhen. Wodie Ehe nicht als auf göttlicher Einsetzung beruhend erkannt wird, da hört die Treuemit der Leidenschaft zugleich auf. Umsonst versichert Rousseau , daß er den Frauenden Glauben, den er Aberglauben nennt, nicht nehmen wolle, da eS für sie unmöglichsey, zugleich fromm und weise zu sein, und nur eine fromme Frau tugendhast undtreu seyn könne. Er findet also den Autoritätsglauben für sie nothwendig, und gibtihnen den an die Autorität deS Mannes. Freilich geräth er dabei mit sich selbst inWiderspruch, denn da, nach seiner Absicht, ein vernüoftigcr Mann keinen Glaubenhaben kann, als den rationalistischen, muß die Frau ihn auch annehmen; sie wird also,was er weise nennt, und muß folglich aufhören fromm, tugendhaft und treu zu seyn.DaS thun denn seine Heldinnen auch; der Gegenstand ihrer Leidenschaft ist jedes Malihr Prophet und Gesetzgeber. — Die Vertheidiger der Emancipation gehen geraderaufs Ziel loS; bei ihnen gibt eS keine Treue, also auch keinen Bruch derselben. DerUnterschied ist, daß nach der Lehre Rousseau's die Frauen Sklavinen des Einzelnen,nach der Voltaire'S Sklavinnnen des ganzen männlichen Geschlechtes sind; frei sindsie nur im Christenthume durch den Gehorsam für das göttliche Gesetz. (W.K.-Z.)Vl<l i t'lir lid'nM l«n<jtl!h 'nim: ^is«- ,mlskls/-dinii?, 'tülki»????!' , mHn^
Rom und die katholischen Völker.
ES gab eine Zeit, die noch sehr nahe hinter uns liegt, da redete man denkatholischen Völkern vor, oder sie ließen sich vorreden von sogenannten unabhängigenKirchen — innerhalb der allgemeinen Kirche. Man wollte dabei Rom als denMittelpunkt der Einheit gelten und bestehen lassen; aber es sollte sich höchstens umden Glauben, um das Dogma bekümmern; mit der Regierung der Kirche aber sichnicht zu beschäftigen, namentlich die Bischöfe nicht zu bestätigen, oder zu verwerfenhaben. Es klang so lieblich, so groß, so srei, zu reden und zu träumen von der galli-canischcn Kirche «und ihren sogenannten Freiheiten; zu sprechen von der deutschenKirche, die ihre alten Freiheiten zurückfordern, und sich etwa unter einem deutschenPatriarchen in ihrer Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von Rom auf- und zu-zusammenthun könnte. Aber gleichwie derjenige, welcher unabhängig ist von einer