Ausgabe 
13 (27.3.1853) 13
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Pflicht erkennen, in vereintem Gebet zu Gott zu flehen, er wolle die Erkenntniß Seinerund Seiner Gnaden in die Herzen dieser Verirrten gießen! (Oestr. V,-Fr.)

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Die Rachtproeeffkon am HI. Charfrettag zu Jerusalem .

Gegen 6 Uhr Abends war die hl- GrabeSkirche dem Publikum geöffnet. Eine großeerhabene Feierlichkeit, welche bis H V2 Uhr des Nachts dauerte, sollte beginnen. Trotzmeiner Ermüdung stand ich auf, eilte zum hl. Grabe und wohnte der Andacht bei von An-fang bis zu Ende. Sämmtlich in Jerusalem anwesende Väter aus dem Orden deS hl. Fran-ziSkuS pflegen an diesem Abende mit Kerzen in der Hand aufs Feierlichste die in der Kirchedes hl. Grabes befindenden hl. Orte zu besuchen. Bei jeder Station wird gebetet und ge-sungen, an vieren gepredigt. Die erste und zweite Predigt in italienischer, die dritte in syri-scher, die vierte in spanischer Sprache. Ergreifend waren die Ceremonien, welche bei derStation auf dem Calvanenberg stattfanden Nachdem an derselben Stelle, wo einst vor18W Jahren das echte Kreuz des Herrn stand, ein ähnliches mit einem abnehmbarenCrucifix versehenes Kreuz war aufgestellt worden, nahm mau nach vorheriger Predigt , beider kein Auge trocken blieb, die Kreuzabnahme vor, so wie sie einst in Wirklichkeit stattge-sunden hat. Das erste, was abgenommen wurde, war die Domenkrone, dann einer derNägel, dann der zweite Nagel; ein jeder derselben wurde von einem aus der Leiter stehendenPater mit weinenden Augen dem Volke gezeigt, und sodann auf eine silberne Schüssel ge-legt, alles in der größten Stille, nur vom Schluchzen derer unterbrochen, die es fühlen,daß sie diese Grausamkeit, diese Kreuzigung an ihrem Erlöser ausgeübt haben durch ihreSünden. Kein Wunder, wenn bei solchen Gelegenheiten selbst das Auge solcher sich mitThränen füllt, dic nicht zu unserer hl. Kirche gehören. Nachdem dann der hl. Leichnamvom Kreuze abgenommen und in ein großes weißeS Tuch gehüllt ist, setzt die Prozessionunter Trauergesängen sich wieder in Bewegung, den Berg hinunter, ungefähr l5l) Schritteweiter bis zu der unten in der Kirche befindlichen Stelle, wo der Stein verehrt wir», aufdem der Leichnam des göttlichen Erlösers zu seiner Begräbniß einbalsamirt wurde. Nachvorhergegangener Predigt in arabisch- syrischer Sprache wurde die einst hier vorgegangenehl. Handlung aufs neue dem Geist und Auge vorgeführt. Der Leichnam wurde auf deu Stein gelegt, einbalsamirt, in Grabtücher gehüllt und in Prozession dann weiter getragenzum hl. Grabe, zu demselben hl. Grabe, in welches re vor 1300Jahren von einem hl. Josephund NicovemuS hineingetragen wurde. Vor dem hl. Grabe wurde dann die letzte Predigtgehalten in spanischer Sprache. Obgleich nur wenige die Worte verstanden, konnte manden Geist doch verspüren, der auS diesem begeisterten Redner sprach, so daß fast allen Um-stehenden die Thränen in die Augen traten. Nach Beendigung der Feier standen die Türkenschon bereit die hl. GrabeSkirche zu schließen. Wir begaben urS somit inS Kloster zurück.Ich war jedoch so ergriffen, daß ich weder schlafen noch wachen konnte; denn sobald ichauf den Calvanenberg gekommen war, - was ich anfangs gar nicht wußte, indem ichder Prozession in Gedanken vertieft nur immer folgte, und erst an Ort und Stelle aus denGebeten und Gesängen erfuhr, wo wir waren, ^- sobald ich auf den Calvanenberg ge-kommen, brauchte mir Niemand zu sagen, waS hier für ein Ort sey; denn in dem Augen-blicke, als ich diesen hl. Ort betreten hatte, überfiel mich ein Schauder, und eS gingen inmeiner Seele so ergreifende und rührende, zum Weinen und Trauern stimmende Empfin-dungen vor sich, daß ich wie am ganzen Körper erschüttert wurde. Ich sage noch einmal,ich hatte Empfindungen an Leib und Seele in einem Augenblicke im vollsten Maaße, dochjch bin nicht im Stande, diese Empfindungen auf dem Papiere niederzulegen, noch Jeman-den begreiflich zu machen, als denjenigen, die in gleicher Lage waren. Mein ganzes sünd-haftes Leben stand mir vor Augen, sobald ich in die Oeffnung schaute, worin daS hl. Kreuzwar hineingepflanzt worden, wo das göttliche Lamm sein hl. Blut bis auf den letztenTropfen vergoß , hier, für mich vergoß, für mich Elenden sich dem himmlischen Vateropferte, damit ich zum ewigen Leben eingehen könnte! O Liebe, 0 Liebe, 0 trunkenmachendeLiebe! (M. S.-Bl.)

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Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen, Verlag? - Inhaber: F. E. Aremer.