Ausgabe 
13 (3.4.1853) 14
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Im Jahre 1763/64 studirte ich die Rhetorik, welche die oberste Classe des Gym-nasnuns war, und zwar mit so glücklichem Erfolge, daß ich den ersten Platz untermeinen zahlreichen Mitschülern behauptete. Der Winter dieses Jahres ist mir unver-geßlich, da hielt der Missionär ?. Jacob Bauer den Studenten der kleinen Congre-gation, wovon ich ebenfalls Mitglied war, drei Tage nacheinander eine sogenannteRecollection des Geistes, welche in heilsamen Betrachtungen und frommen Uebungenbestand. Stoff der Betrachtungen waren das Ziel und Ende des Menschen, Abwei-chung davon durch d'^e Sünde, Rückkehr dahin durch die Buße, die mächtigen Beweg-gründe zur Besserung, nämlich Tod, Gericht, ewige Glückseligkeit oder Unglücklichkeitnach diesem Erdenleben. Ich fand mich durch diese Betrachtungen tief gerührt undzum Vorsatz erweckt und gestärkt, fromm zu leben um einst selig zu sterben, und meinletztes Ziel und Ende, den Himmel zu erlangen. Aber vorzüglich stark ward ich durchdie Betrachtung über die Wichtigkeit der Slandeswahl angegriffen. Da war eS mirso hell wie der Mitlag, daß der Orden der Gesellschaft Jesu für mich der sichersteWeg zum Himmel sey, und ich machte ven festen Entschluß, alles anzuwenden, um indiesen aufgenommen zu werdcu. Ich trug meinen Wunsch Gott im Gebete vor, undbat um Erfüllung desselben. Dieß that ich mit besonderem Eifer nach der heiligenCommunion, zu der ich alle Sonn- und Festtage hinging. Ich glaubte auch manch-mal in meinem Innersten zu vernehmen, daß mein Wunsch noch in demselben JahreErhörung finden werde, welches mich mit der süßesten Hoffnung und Freude erfüllte.

Der ?. Provinzial kam, wie gewöhnlich, zur Visitation nach Augsburg . Dabat ich denselben inständigst, mich am Ende des Schuljahres in den Orden aufzu-nehmen. Eben so eifrig trug ich die nämliche Bitte dem sogenannten Socius desProvinzialS ?. Andreas Oberhub er vor. Dieser fragte mich sehr freundlich, ob ichnoch Kandidat bleiben wollte, wenn mir für jetzt die Aufnahme in den Orden verweigertwürde. Denn da ich schon zwanzig Jahre alt wäre, so würde eS für mich vortheil-hafter seyn, wenn ich erst nach dem zweijährigen CurS der Philosophie in denOrden käme.

Dieß wollte mir nicht einleuchten, und ich sagte im zuversichtlichen Tone, daßich noch selbes Jahr gewiß in den Orden werde aufgenommen werden.

?. Oberhuber lächelte, und fragte, woher ich diese Gewißheit hätte; alleinohne einen Gnind anzugeben wiederHolle ich nur meine Behauptung, daß meine Auf-nahme gewiß erfolgen werde, welches den Mann aufmerksam zu machen schien, inson-derheit, weil ich noch hinzusetzte, daß ich, wenn die Ausnahme am Ende des Schul-jahres nicht erfolgen sollte, dem?. Provinzial überallhin nachreisen und nicht ablassenwürde, denselben zu bitten, bis mein Wunsch erhört wäre.

Gegen die Mitte deS Augusts fingen die schriftlichen Prüfungen oder Ausarbei-tungen um die Preise an. Die erste Ausgabe war eine lateinische Rede: der Stoffdavon fällt mir nicht bei. Ich arbeitete die Rede mir aller Anstrengung aus, undüberlas den Aufsatz vor der Reinschrift öfter mit der größten Aufmerksamkeit, bisich nichts mehr zu verbessern fand. Denn ich hatte den ehrgeizigen Wunsch, der ersteauf das Theater, wo die Preise ausgetheilt wurden, gerufen zu werden, welches mirauch gelang. Die zweite Ausgabe war ein lateinisches Gedicht in Herametern überden Tod des Klitus durch die Hand des Königs Alexander bei der Tafel. Der Stoffgefiel mir, und ich schrieb, während das Factum aus dem CurtiuS dictirt wurde,mehrere Verse nieder. Ich glaubte, den Preis auS der Dichtkunst schon zu haben,weil ich mir eine große Fertigkeit, Verse zu machen, erworben hatte. Aber meinStolz ward empfindlich gestraft. Denn als ich an die Arbeit ging, schien die poetischeAder ganz verstopft, und mein Kopf mit Stroh gefüllt zu seyn: ich wußte nicht, wieich anfangen sollte, und brachte den ganzen Vormittag nicht einen einzigen VerS zuStande. Mein Gewissen sagte mir laut, daß dieß eine Züchtigung meines Stolzessey. Ich verhüllte das Angesicht mit dem Mantel, weinte und bat Gott demüthig umVerzeihung. Dem Professor, welcher die Aussicht hatte, und in dem Schulzimmer um-herging, fiel mein Betragen auf: er ging zu mir hin, und fragte mich, was mir fehle.