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Als ich ihm mein Unvermögen, die Aufgabe auszuarbeiten, entdeckt hatte, tröstete ermich und ricth mir ein wenig zu schlafen.
Ich that es, in meinem Mantel gehüllt. Darauf versuchte ich cS wieder, daSGedicht, nach Anrufung des hl. Geistes anzufangen. Allein es wollte mir noch nichtgelingen. Beim Mittagessen ließ mir der nämliche Professor ein GlaS Wein bringen,um den Kopf aufzuheitern, und die poetische Ader flüssig zu machen. Ich aß undtrank wenig; ging wieder an meinen Platz, und arbeitete nach einem kurzen Gebete ander Aufgabe. Jetzt ging es besser und ich brachte das Gedicht mit 70 Herametern zuStande. Allein meine Arbeit gefiel mir selbst so wenig, daß ich eS mir nicht ver-bergen konnte, dieselbe verdiene den Preis nicht, welchen auch ein anderer davon trug;doch wurde mir der erste Platz nach demselben zuerkannt.
. Die dritte Aufgabe war der griechischen Sprache gewidmet; denn das Studiumder Muttersprache ward damals in den Schulen ziemlich vernachlässiget unter demVorwande, daß eS eben kein besonderer Vorzug wäre, besser deutsch zu reden und zuschreiben, als ehemals die Schuster und Schneider; da man eS doch für eine großeEhre hielt, besser lateinisch zu reden und schreiben, als ehemals die Schuster undSchneider zu Rom . Auch der Unterricht in der griechischcn Sprache erhob sich damalsnicht zu der Höhe wie jetzt. Für die griechische Sprache hatte ich schon damals eineVorliebe, und war drei Jahre nacheinander so glücklich, den Preis aus derselben zu erhalten.
Auf die schriftlichen Prüfungen folgten die mündlichen auS der Geschichte unddem Katechismus, welchen ich aber nicht mehr beiwohnte. Die Veranlassung warfolgender Vorfall. Als ich eines Tags nach dem Mittagessen mit andern wie ge-wöhnlich in den Garten des SeminariumS gegangen war, kam ganz unvermnthct derRectvr des Kollegiums, ?. Schaum bürg, mit dem Inspektor dahin, und redetesehr freundlich mit uns. Ging dann auf die Thür zu, welche in den anstoßendenGarten des Kollegiums führte; öffnete dieselbe mit dem Schlüssel; wandte sich noch-mals um, und sagte zu mir: „Neuhauser, er ist aufgenommen!" WaS ich bei diesenWorten empfunden habe, bin ich nicht im Stande auszudrücken; eS war mir nichtanders, als hätte ich eine Stimme vom Himmel gehört. Ich sprang vor Freudenhoch auf. Dann bat ich um Erlaubniß, nach Hause reisen zu dürfen, um von meinenVerwandten und guten Freunden Abschied zu nehmen, Der ?. Inspektor riech mir,die mündlichen Prüfungen abzuwarten, weil mir ein Preis daraus zu Theil werdenkönnte. Allein da ich die Erfüllung meines Herzenswunsches erreicht hatte, warenmir die Preise ganz gleichgültig. Ich wiederHolle meine Bitte, und erhielt die Erlaub-niß, nach Hause zu gehen, mit dem Auftrage , vor der Preisevertheilung nach Augs-burg zurück zu kommen. Ich versprachs mit Freuden.
Am folgenden Morgen trat ich die Reise an und ging nach Weilach, einemDorfe unweit Schrobenhausen , wo meine Schwester mit einem sogenannten Gäumetzgerverheiratet war. Da traf ich ganz unerwartet meine Mutter an, welche gekommenwar, um meiner Schwester bei ihrer nahen Entbindung beizustehen. Mit Freudenerzählte ich ihnen mein Glück, fand aber wenig Theilnahme. Vielmehr waren beidedarüber betrübt, weil sie nun keine Hilfe mehr von mir zu hoffen hatten. Ich sagteihnen, daß ich dem Gnadcnrufe Gottes folgen müsse; ermähnte sie zum Vertrauenaus die väterliche Fürsehung Gottes, und schloß mit den Trostworten, daß Gott besserfür sie sorgen könne und werde, als ich eS, wenn ich Weltpriester geworden wäre,würde haben thun können.
Von Weilach ging ich nach einem wehmüthigen Abschiede in meinen Geburts-ort, den Marktflecken Siegenburg, nicht weit von AbenSberg ; verweilte da einige Tage,und reiste weiter nach Gcmpfing, unweit Rain, einer Hosmarkt des Klosters St.Walburg in Eichstätt , wo mein Herr Vetter Ulrich Richter war. Von da lehrte ichnach Augsburg zurück, wo ich am Vorabeude der Preisevertheilung eintraf.
Mein Wunsch ging in Erfüllung: ich ward der erste aufs Theater gerufen, er-hielt den Preis auS der Redekunst und dazu noch, wie schon vorher drei Jahre nach-einander, den Preis aus der griechischen Sprache.