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Die Unverweslichkeit.
Rom , den 25, Febr. 1853. Eine der merkwürdigsten und auffallendsten Er-scheinungen ist offenbar der Vorzug der Unverweslichkeit, .der die Leiber vieler Heiligenauszeichnet und wodurch sie von dem allgemeinen Loose der Zersetzung der körperlichenStoffe nach dem Tode ausgenommen, fortwährend laut verkünden, waS der Lohn dergroßen Herrschast ist, die ihr Geist über den Körper und die sinnliche Natur zu errin-gen und zu behaupten gewußt hat. Gott bedient sich nicht selten dieser wunderbarenErscheinungen, um seine Diener vor den Menschen zu verherrlichen und uns »och kräf-tiger, als eS durch Worte zu geschehen pflegt, die Wahrheit vor Augen zu halten,daß in Christo der Tod überwunden und im lebendigen Glauben an seine Verheißun-gen und der damit verbundenen Bekämpfung der Sinnlichkeit uns das Unterpfand derUnsterblichkeit gegeben ist.
Um diese wunderbare Erscheinung mit unseren eigenen Augen zu sehen wander-ten wir einer Gegend RomS zu, die in der vorchristlichen Zeit durch ungeheure Schand-thaten berüchtigt war, jetzt aber das am zahlreichsten bewohnte Kloster der h. Stadt,das der Capnziner umgibt. Nachdem wir in ihrer zu Ehren der unbefleckten Empfäng-niß Mariens geweihten Kirche vor dem Allerheilkgsten unsere Anbetung verrichtet unddie jungfräuliche Gottesmutter in ihrem herrlichen Bilde begrüßt hatten, führte unSeiner der ehrwürdigen Brüder in eine Seitenkapelle, zündete die Lichter an und schobdie vordere Seitenwand des AllartischeS, vor welcher die Worte geschrieben standen:Uio ^seet carpus kosti Oigpini, hinweg. Vor unsern Augen lag jetzt, auf ein hartesLager hingestreckt, das Haupt mit seinen von den Jahren gebleichten Haaren bedeckt,das Kinn mit seinem weißen Barte geschmückt, die Augen halb geöffnet, mit rothenWangen, mit einem Lächeln auf den noch fleischfarbenen Lippen, in seiner Kutte undin den weißen, kaum etwas welk gewordenen Händen Crucifix und Rosenkranz hal-tend — ein armer Capnziner, der vor hundert und einem Jahre gestorben war. Esist der ehrwürdige und von der Kirche selig gesprochene Bruder CrispinuS vonViterbo. Am 16. Nov. 1668 von frommen Eltern in Viterbo geboren und in derTaufe mit dem Namen des h. Petrus beschenkt, knieete er als junger Mann von eng-lischer Reinheit vor der Thür des Klosters der Capuziner seiner Vaterstadt und bat mit .Thränen um die Ehre, mit dem demüthigen und armen Gewände deS h. FranciSkusbekleidet zu werden. Die erbetene Gunst ward ihm zu Theil, und vom Tage seinesProfesseS an sahen die Hütten und Schlösser der römischen Staaten vierzig Jahrelang den Bruder Crispino gewordenen Pietro von Viterbo um Almosen für dasKloster bitten Die Gaben, welche er empfing, wurden immer mit Gebeten und oftmit Wundern bezahlt. Noch in seinem achtzigsten Jahre ging der ehrwürdige Brudermit dem Bettelsacke auf den Schultern über das Land dahin und durch die Städte unddie Dörfer; aber sein Name war schon in Aller Munde und der Ruf seiner Tugen-den, seines heiligen Wandels und seiner hohen Erleuchtung führte selbst Fürsten undCardinäle zu ihm. Er starb in Rom und wurde gleich seinen Brüdern ohne jeglicheAuszeichnung und ganz in gewöhnlicher Weise auf dem gemeinschaftlichen Gottesackerder Capnziner begraben; aber die Stimme des Volkes verkündigte seine Seligkeit imHimmel und der Himmel bestätigte daS Zeugniß der Erde. Auf daS Gerücht vonneuen Wundern öffnete man sein Grab wieder und fand ihn unversehrt, wie wir ihnheute sehen und wie jeder ihn sehen kann, während gewöhnlich auf diesem Kirchhofe,auf dem man den Leichen nach vier bis fünf Jahren einen andern Platz zu geben ge-zwungen ist, in dieser Zeit die Verwesung bis auf die harten Knochen deS Gerippesvor sich geht. Auf deu evidenten Beweis der durch ihn erwirkten Wunder und seinerin heroischem Grade geübten Tugenden erfolgte seine Seligsprechung, zur Aufnahme deSHciligsprcchungSprocesses fehlt indeß zur Zeit noch der Beweis von einem neuen dieProbe deS Processes bestehenden Wunder. — Lange konnten wir unS von dem An-blicke deS Seligen nicht trennen, der einen überaus freudigen und erhebenden Eindruckauf das Gemüth macht; nur in sanftem Schlafe scheint CrispinuS zu ruhen, seineZüge sind so wohlerhalten und ausdrucksvoll, und der Tod hat so durchaus nicht