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der über sie wacht, entging sie stets den Händen der Ruchlosen. Selbst als der unter«irdische Gang verrathen und sein Ausgang besetzt war — im Augenblick, wo sie heraus«tritt, sie mit dem Geschrei: vive la röpuliliczuel überfallen wird, antwortete sie mitdem Rufe: vivs vieu! und entkommt glücklich. — Nun wird ein Preis auf ihrenKopf gesetzt, am FreiheitSbaumc soll sie aufgeknüpft werden, sobald man ihrer habhastwird, — sie läßt sich nicht schrecken. „Wie eine dem Tod geweihte Braut ging siejede Nacht in das Heerlager des Todes, um ihm bald eine arme Mutter, bald eineinziges Kind zu entwinden."
Jene „Freiheit," die mit gewaffneter Hand arme Ordensschwestern von denKrankenbetten abschließen mußte, jene Tyrannei der atheistischen Bestialität fand dennauch ihr Ende. Die Schwestern durften ihr mildes Amt wieder fortsetzen.
Aber mit der Straßen-Revolution horte die Revolution in den Gesetzen nochnicht aus: beinahe alle Güter der milden Stiftung waren eingezogen, kaum für einenTag noch reichte der Borrath. Wieder war cS Schwester Placida, die Hülfe schaffenmußte. Mit einem Sack um den Hals, den Stock in der Hand, wandert sie vonDorf zu Dorf, von Thüre zu Thüre bettelnd für die Armen Jesu Christi . Und reichkchr e sie jedesmal zu ihnen zurück; schon in wenigen Tagen hatte sie ihnen ein Ein-kommen von 6 00 Franks gesichert.
Im Jahre 1807 starb die Oberin zu St. Diey. Placida ward ihre Nachfolgerin.Sie hieß fortan nur „die Mutter der Armen." Die ganze Umgegend kannte sie alö„die weise Schwester," von ihrer Geschicklichkcit in Anwendung und Bereitung derHeilmittel, die mit frommem Glauben acnommen, aus ihrer Hand um so sichererwirkten. — Mehrmals während ihrer Borsteherschaft fand sie noch Gelegenheit, dieEnergie ihrer Jugend wieder aufzurufen. St. Diey liegt hart am Fuße der Vogescn,w» die Mosel aus rcrschiedenen GebirgSbächen zusammenrinnt. Eine plötzliche Wassers-not!), die die Straßen der Stadt überschwemmte, ergriff auch das Hospital, schonbestürmt die steigende Fluih auch die Kranken auf ihren Lagerstätten, droht die Bettenhinwegzunißen. WaS ist zu thun? Placida ist auf dem Platze, die Pflicht der Liebegibt ihrer Schwäche Kraft, sie nimmt den Siechen aus dem nächsten Bette auf ihreSchultern und tr.'gt ihn in Sicherheit. Alle Schwestern folgten ihrem Beispiele; sowenden die Bedrohten geborgen. — Eine andere noch stärkere Prüfung brachte daSJahr 1813, jenes Ruhmesjahr für uns, für Frankreich ein Jahr schwerer Heimsuchung.Auch über den Rhein hinüber drangen die verheerenden Lazarethfiebcr, von denen unsereEltern zu erzählen wissen, das Hospital zu St. Diey mußte in seine engen Räumemehr als 400 Kranke aufnehmen, von den Schwestern selbst warf der TyphuS einenach der andern darnieder; endlich standen nur noch zwei unter der allgemeinen Nieder-lage aufrecht, und die eine von ihnen war — Placida. Es war — wie ihr Bio-graph bemerkt — als ob der Tod, dem sie schon in den verschiedensten Gestalten mitder g'eichen Unerschrockenheir begegnet war, sie zu respectiren gelernt hätte. „So stehtsie nun mit einer Milschwester da inmitten so unermeßlicher Arbeit. Ihr Mu>h wirdnicht gebeugt, sie legt sich mit ihren Schwestern vmrauuugsvoll an das Herz GolteSund entfaltet dann eine Thätigkeit, wozu nur eine so hohe Seele durch eine so entsetz-liche Lage begeistert werden konnte. Die kranken Schwestern sind fast trostlos, daß sieihrer Overin nicht beistehen können. Diese aber ist hier und dort, als ob sie sich ver-vielfältige, sie ist bei den Schwestern mit ihrem Troste, bei den kranken Frauen undKindern und Männern mit ihrer Hülfe, bei Gott mit ihrem Bitten um Erbarmenmit so vielen Schmerzen: sie ist überall. Die Liebe ist ihre Speise des Tages undihre Ruhe des Nachts."
Wir kommen zum Schluß des reichen Lebens, aus dem wir hier nur ein paarflüchtige Bilder mit heilen konnten. Drei Jahre nach der zuletzt erzählten Prüfung, imJahre 1316 wurde Schwester Placida in das Mutterhaus nach Nanzig berufen. DieDemüthige sollte uoch auf hohen Leuchter gesetzt werden, auf daß ihr Licht weithinleuchte. Eilf Jahre zuerst verwaltete sie des Amt der Ockonomie, 1827 ward sieAssistentin, 1828 General-Oberin deS Ordens. „Für sie war jede Bürde noch zu