Ausgabe 
13 (15.5.1853) 20
Seite
153
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Dreizehnter Jahrgang.

Sonntags-Beiblatt

zur

Augslmrger Polhcitung.

15. Mai. ^ 2«. 1853.

Dieses ivlatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Aboauement«prei«40 kr., wofür e« durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandlung» bezogen werden kann

Der Dorfcaplan in den Tyroler Alpen.

(Charakterbild von Beda Weber .)

Freundliche, Leser! ich lade euch ein zu einer Bergfahrt in'S südliche Tyrol,wo auf den tieferen Abhängen an Porphyrselsen die Traube glüht und im höherenGebirge der Weizen, das Mark der Männer, reift, an jene Doppelgränzc, wo Nordund Süd sich in kräftigmilder Luft wechselseitig vermitteln und das deutsche Wortschärfer auSklingt gegen die Stimme des wälschen Nachbars. Dort saß ich dieSommermonate oft still im Schloß edler Freunde am Labsale der reichen Eisackland-schast, die wurzelhast ineinander geknotet, die nordischen Wasser kaum fortschlüpfe»ließ durch die Schluchten deS KunterwegeS. Nur selten wurde die Thurmeinsamkeitdurch Besuche unterbrochen. Die einsame Nachtigall, welche in einem Granaten-busche nistete, die geschwätzige Amsel im Brombeerstrauch am FelS und zwei Kibitzein einer Mauernische belebten meinen stillen Tag und die Heiterkeit der lauen Sommer-nächte, die mit geisterhafter Klarheit aus den Bergen brüteten. Und klopfte eS bis-weile» an meine Zimmerthür, so war'S Niemand anders, als der Dorfcaplan,welcher jede Woche einmal in unserem gastlichen Schloß einsprach. Er hauSte überunS einsiedlerisch im Gebirge als Seelsorger einer zerstreuten Dorfgemeinde, und warals Menschenfreund bei Groß und Klein in der ganzen Gegend beliebt. Er hatteals Jüngling seine Studien zu Innsbruck gemacht, einer jener unzähligen Turoler-studenten, die alljährlich von ihren jähen Bergen in die Städte heruntersteigen mitdem schönen Empfehlungsbriefe, den ihnen Armuth, Geist und frische Wangen aus-fertigen. Unsere Städter, unsere Beamten, unsere Evelherren nehmen sich mit FreudendeS jungen Blutes an und theilen mit ihm den Tisch. Läßt sich der Schüler gutan, so wird er Hauslehrer in wohlhabenden Familien, und eS ist merkwürdig genug,wie der kräftige Bauernstudent das adelige Stadtknäblein mit den blaffen Wange»meistert und abrichtet für'S thätige Menschenleben. Diese innigste Berührung desBauernthumS und der Adelschaft seit uralten Zeiten ist zum Theil in der Landes-verfassung begründet, die freie Bauern bildet und schützt selbst als Landstände nebenden ersten tvrolischen Rittern und Grafen, und mitunter Ursache des traulichen Ge-bahrenS zwischen Edlen und schlichten Landleuten. Der Dorfcaplan war in einemGrasenhause zu Innsbruck ein solcherHofmeister" gewesen, und hatte aus seinemErziehungsgeschäfte jene feine Lebenöbildung mitgebracht, die seine Landbauern anihm dergestalt zu schätze» wußten, daß sie ihn schlechtweg denklugen Herrn" nannten.Er zählte jetzt ungefähr sechzig Jahre, und sein frisches Aussehen ließ nicht ahnen,daß seine Gesundheit untergraben sey. Er fing an einem Magenleiden zu kränkelnan, ohne daß seine Umgebung besondere Gefahr witterte. Wir hatten ihn alle solieb, daß kein ernstlicher Zweifel an seine Unversehrtheit aufkam, während wir seinUnwohlseun als vorübergehendes chronisches Leiden wenig anschlugen. Aber eS reiftezu unserem Leidwesen schnell und unerwartet zum Tod.