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Geschäcker, Märchen und Spottliedlein und der ganzen harmlosen Chronik der „Dörfler,"so frisch und duftig wie die Blümlein, die am abrieselndcn Wasser langzeilig denFahrweg umblümten. Am südlichen Ende deS DorfgebieteS schwoll eine grüne Hügel-welle länglich und fast wagrecht hinaus zur eirunden Fläche über der Schlucht deSlautrauchenden Grödner-Wildbaches, der aus verwilderten Fclsenbergen hervorbrach.Seine Wellen sangen aus der Tiefe wie Gruß und Gegengruß zu fröhlichen Menschenhüben und drüben, stimmten aber auch oft zum trauernden Herzen wie VerlornesGrabgeläute. Von Jenseits blickten Landkirchlein, Thürme und Sennhütten von denhöchsten Bergen, die zur NachtSzeit, wo der Zwischenraum seine Fernen nicht geltendmachen kann, hervorschwimmen wie lebende Wesen und zu fließen scheinen im Stromewiger Bergluft, von welcher ein Sprüchwort sagt: «Die Berge ohne Wind, unddie Mütter ohne Kind, und die Herzen ohne Freud', die wohnen von uns meilenweit I"Auf dieser abgesonderten Fläche stand im Walde von jungen Obst- und Zierbäumendie Wohnung deS DorfcaplanS neben der kleinen Kirche. Ich trat durch die offeneThür und daS Vorzimmer vor das Bett deS Kranken halb ein Uhr Nacht«. RingSum ihn standen Männer und Frauen des Dorfes mit ihren Kindern, und wurden vonZeit zu Zeit abgelöst, da die kleine Stube nicht alle zugleich ausnehmen konnte. Diehalbgekleideten Gestalten, auS mitternächtlichem Schlafe gefahren, mit Zügen derAngst und Neugierde, mit hervorquellenden Thränen und verhaltenen Seufzern hattenein ergreifendes Aussehen. „Der Schlaf will uns nicht mehr reckt gerathen, seitdemunser Caplan krank ist," sagte ein stämmiger Mann mit bloßen Füßen, und wischtesich mit einer alten Pelzmütze die Augen auS.
Eine ältliche Frau, mit tiefen Zügen von Trübsal und Schmerz im verbranntenGesichte, warf sich leidenschaftlich erregt auS dem Trauerkreise an mich heran, faltetekrampfhaft ihre Hände und rief schluchzend: „Machen Sie mir doch den krankenCaplan wieder gesund! Ich kann ohne ihn nicht leben auf dieser kummervollen Erde!Ach, er hat mit mir redlich gelitten, viele, viele Jahre, und mir stets Trost in dieSeele geträufelt, der gute freundliche Mann, und wenn ich mich in meinem Leid garnicht halten konnte, traten ihm stets zwei unvergeßliche Thränen tn'S Gesicht. Siestehen mir noch immer vor der Seele in ihrem milden Glanz, aus denen mich süßeSGottvertrauen anstrahlte. Einmal am Charfreitag nahm er mich hastig bei der Hand,führte mich zu seinem Crucifir, daS mit frischem Epheu umrankt war, und betete,sein Auge fest an's Kreuz geheftet:
«Süßer Heiland Jesu» Christ,
Gertraud hat dein Leiv versüßt,
Hat mit dir den Tod gelitten
Und den SicgeSkranz erstritten,
Laß sie für ihr SchmerzeSglüh'n
Ewig dir am Herzen blüh'n!"
ES drang mir tief in die Seele, ich konnte die Verse nicht mehr vergessen. Ich hattedabei stets daS Gefühl, als wenn alle Engel und Heiligen an meiner Seite knieten,und mit mir dieselben beteten. Da schliefen alle meine Schmerzen ein." , Währenddieser aufgeregten Schilderung fiel mir ein kleines Mädchen im eigentlichen Sinnelaut weinend an die Füße und streckte mit der rechten Hand ein Bildchen zu mirempor, „den JesuSknabcn« an einem Waldbrünnlein, welchem Johannes der Täufer frische Kresse und Erdbeeren überreichte zum Danke für den lieben Besuch in der Wüste.„Lege ihm doch dieses schöne Bild auf die Brust," schluchze daS Kind, „ich habe eSvon ihm in der Christenlehre zum Geschenk erhalten, eS wird ihm gewiß helfen."Ich nahm dem guten Kinde daS Bild ab und legte eS dem Kranken über der Bett-decke auf die Brust. Nur mit Mühe kennte ich daS Mädchen von meinen Füßen aufeinen nahen Stuhl bringen, wo eS beständig lallte und flüsterte: „Ja, ja! eS hilftibm gewiß!" ES war ein eigener Anblick, dieses Bild der Unschuld und kindlichenFreude auf der Brust deS kranken DorfcaplanS unruhig bin- und herschwanken zusehen unter den heftigen Pulsschlägen deS Fiebers, welches an den Grundfesten desLebens arbeitete. Ueber dem Bett hing an der Wand der bekannte Kupferstich,