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die Grablegung des Heilandes vorstellend, auS der Galerie Borghese zu Rom , nacheinem Gemälde von Raphacl, ringS mit lichten Goldstrcifen und Sternen, und seitWeihnachten her von Tannenzweigcn umflattert, an jeder Seite mit einer brennendenKerze auf broncenen Leuchtern, die in daS Wandgetäfel eingeschraubt waren , mit demwohlthuendstcn Eindrucke von der seligen Hoffnung, welche stärker ist als der Tod.Der Kranke schien sich einen Augenblick bester zu fühlen, und mein ungewöhnlichesErscheinen wirkte auf ihn mit überwältigender Kraft. Wie gelöst auS schweren Ban-den raffte er sich auf, mir entgegen, und drückte meine Hand mit inniger Zärtlichkeit.Doch bald sank er wieder zurück i» seinen seltsamen Zustand, der als unwillkürlicheFortdauer seines gesunden Lebens gelten konnte, ungeachtet das heftige Fieber dieklare Besonnenheil über zunächst liegende Gegenstände fast gänzlich zerstört hatte.Sein krankhaftes Traumleben war die süße, sreundliche Gewohnheit seines früherenLebens und WirkenS: festes Vertrauen auf Christus, reinstes Bewußtseyn redlichenStrcbcnS, herrliche, allumfassende Liebe. Er war von jeher ein besonderer Freundvon Blumen gewesen. Sein Hauö war umstellt mit Gewächsen aller Art. Er begoßsie selbst mit der Zärtlichkeit eines treuen Freundes, und redete mit ihnen wie mitlebendigen Seelen. WaS im Lebe » leise geglüht, loderte jetzt als mächtiger Funkeempor, weil nicht gehütet durch menschliche Rücksichte». Die ersten Strahlen desMorgens schlugen zückend an sein Fenster, und lautes Hahncngcschrci grüßte daSwerdende Licht. „Nun wachen meine Blumen auf", flüsterte er leise zu den Umste-henden, „und reiben sich die Aeuglein vom Thau deS Himmels trocken. O, wieheilig und keusch strahlt ihr Blick zu Gott empor, dem Vater ewiger Liebe!"
Nun sah er seinen eigenen Leichenzug, der nach der wohl eine Stunde entlegenenPfarrkirche zum Begräbniß zog über ein hohes Waldgebirge, daS die Gegend weitumüberschaute. Als er die höchste Windschneide erreicht hatte, stellten die Träger dieLeiche in'S blühende Waldgebüsche, und alle Begleiter fielen auf die Kniee und betetenzu Gott für den todten Caplan, während der heiterste Himmel über der betendenGruppe schimmerte und lauer Südwind die fliegenden Blätter der Maiblüthc auf dasschwarze Leichentuch schüttelte. Jenseits vom Hügel der Pfarrkirche klangen die Kirchen»glocken zum freundlichen Willkomm, und die Geistlichen kamen singend entgegen zumEmpfange „der Saat, die Gott gesäet bis an den Tag der Garben zu reifen." AuSdieser, der Oertlichkeit und dem Dorsbrauche genau angepaßten Leichenschau schlugdie Phantasie deS Kranken über in daS Bild seiner eigenen Tauffahrt. Drei Leuteim Sonntagsstaate mit strahlenden Augen über ein neues Leben trugen ein Kindlcin,drei Stunden alt, über das nämliche Gebirge. ES war eingehüllt in blendendweißesLinnen und mit frischduftigcn Rosen ringS umflochten,- und als die Taufgehülfen andie Stelle der Tvdtenrast auf den höchsten Gipfel kamen, legten sie daS neugeborncKindlein in die WaldeSfrische, wo so viele tausend Leichen der Gemeinde ausgeruht,und beteten mit lauter Stimme, daß eS grüne und gedeihe, und nach frommem Lebenheilig sterbe. Der Kranke faltete mitbctcnv die Hände und sagte: „Gib ihm, o Gott,den Kuß deS Friedens, daß eS denselben sein Leben lang empfindet und unbeflecktbleibe an Leib und Seele!"
Hierauf kam er wieder ganz zu sich, betrachtete uns Alle aufmerksam und konnteGott nicht genug danken für die Gesundheit, die er ihm gegeben und treulich gesegnethabe. „Mir ist ganz wohl," versicherte er, „meine Brust so leicht, olle Glieder sogeschmeidig, und alle meine Sünden hat mir der Herr gnädig verziehen." AIS er in. den Eaplandienst eingetreten, hatte er die kleine OrtSkirchc ganz vcrnachläßigt ge-funden. Er widmete ihr die liebevollste Sorgfalt und konnte er sie nicht kostbar aus-bessern, machte er sie doch zierlich rein, da er von Jugend auf allerlei Zierrath zufertigen verstand. Jetzt dachte er mit Innigkeit an seine liebe Kirche und rief: „O,wie schön ist ein so heiliges Gotteshaus! ES gehört uns Allen, Alle sind wir darinzu Hause wie Eltern und Geschwister, die rührende Einigung heiliger Seelen inChristus. Und die Reinheit deS Hauses mahnt Jeden an die Reinigung deS Leibesund der Seele, daß kein Haß mehr sey und kein Groll unter den Miterben Jesu