t7»
AmtSgenossen, Freunden und Bekannten, denen er für ihre gut« Aufnahme ein kindlichdankbares Herz im Busen trug. Auf diesen Wanderungen durch Feld und Wald,durch Berg und Thal wurde er mit den Landleuten und ihren Verhältnissen auf'»Genaueste bekannt, ging mit Liebe in ihre innersten Bedürfnisse ein, und gewann durchfreundliche Herablassung ihr Herz zur aufrichtigsten Mittheilung ihrer Gedanken undWünsche. Er war dadurch die lebendige Chronik der ganzen Umgegend und der Ver-traute aller Herzen. Mit jedem Begegnenden hielt er ein Ständchen, in jedes Fensteram Wege warf er einen fröhlichen Gruß, an jedem Brunnen setzte er sich nieder zurasten unv koSte traulich mit den Wasserjchöpsenden. Allen wußte er eine gute Lehre,einen nützlichen Rath, eine eindringliche Ermahnung zu geben. ES kam so weit,daß er auf dem Wege die wichtigsten GewissenSangelegenheiten der Bergbewohnerfertig brachte. Er legte ihnen je nach dem Bedürfniß ihr regelloses Leben. ihrböseSBeispiel, ihre anstößigen Reden so nachdrücklich an'S Herz, daß sie unter häufigenThränen seine Hand drückten und Besserung versprachen. Niemand blieb davon ver-schont. Aerzte, Doctoren der Rechte, Landgerichtsbeamten, OrtSvorstände ließen sichseine Ermahnungen zur Buße gefallen. Er suchte sie öfter auf, um ihren Fortschrittzu prüfen, ihre Schwäche zu ermuthigen und den Eifer des BefserwerdenS zu loben.So war er ein wanderndes Gewissen geworden, eine Art Beichispiegel wie durchallgemeines Einverständniß. Selten wurde ihm diese Andringlichkeit zum Guten übelgenommen, und wo es der Fall war, ging er so lange, so aufmerksam und liebevollum den Gekränkten, daß er ihn zahm schmeichelte. „Man kann sich vor diesem Dorf«caplan nicht erwehren," sagte mir einst ein OrtSvorstand; „mag ich lächeln oder grollen,durch Regen oder Sonnenschein dringt sein verständiges Gesicht so grundehrlich durch,daß man sich ergeben muß." In seinen letzten Phantasien hatte er noch viel mitsolchen „Patienten " zu thun. Er zog im Geiste durch die Gegend, leise flüsterndum'S einsame Gemüth veS Sünders. „Manches Herz ist so zart," sagte er, „mandarf eS bloß am Aermel der rechten Hand zupfen, da geht eS in sich. Für andereHerzen braucht man den starken Dust der Alpenkräuter, um sie Allmählich auflebenzu machen zur Gottesfurcht; selten wird ein Sack mit Steinen nothwendig. Aber damuß man vorsichtig werfen, einen nach dem andern, nie auf den Mann, sondern nurauf seinen Schatten. Und zwischen Wurf und Wurf bete ich jedesmal zwei Baterunser, daS hilft gewiß." Besonders zog eine Seele seine sterbende Vorstellungskraftan, er nannte dieses unbekannte Wesen „daS Docterle," und lisperte ihm beständigleise Worte in'S Ohr, wozu er sich etwaS emporhob, wie angeschmiegt zum vertrautenGespräche. „LiebeS Docterle , gutes Herz! mache dein „Mäulchen" nicht weiter, alseS ist, unv die Zunge nicht spitzer, als sie Gott erschaffen hat. Einmal steht Allesstill, das Rad. und die Mühle, daö Wort und die That. Da liegt der Mensch langausgedehnt auf Hobelspänen, da steht eS gar ernstlich aus!"
DaS war seine letzte zusammenhängende Rede. Die Kraft hatte sich allmählichganz erschöpft. Er lag die folgende Nacht still und ruhig bis 12 Uhr. Mit derNachtwende war er etwas reger, öfters leise Seufzer zu Christus und Maria ließensich vernehmen. Die ganze Thätigkeit hatte sich in herzinnige Andacht zusammenge-zogen, die nur bisweilen durch Erinnerungen aus vem vorigen Leben durchblitzt wurde.Gegen drei Uhr Morgens sagte er: »Nun wird mir leicht, ganz leicht, eS wirdgesund, waS krank war an Leib und Seele." Viele Glieder seiner Kirchengemeindeknieeten weinend um sein Bett. AIS seine Schwester hereintrat, heftete er auf sieeinen bedeutsamen Blick und sagte: „Gib ihnen zu trinken das Wasser, welches indaS ewige Leben springt." Hierauf that eS einen Knall, als wäre eine große Sailcgesprungen, seine Glieder dehnten sich wie auS den Fugen gelöst. „JesuS, meinGott! meine einzige Hoffnung!" lallte er mit brechender Stimme, und nach wenigenMinuten lag er da in freundlichem Tode wie ein Kind, daS schlummernd selig ist.—So endete dieses edle Priesterherz in den tprolischen Bergen. Ich dachte wäh-r«nd jener Stunden oft an'S Wort deS deutschen Dichters: „Leben, süße freundlicheGewohnheit deS Daseyns und Wirkens, von dir soll ich scheiden?" Sie klangen so