Ausgabe 
13 (29.5.1853) 22
Seite
175
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

!75

wahr auS dem Munde des sinnlichen Mannes, dem sie der Dichter in den Mundlegt. Beim Dorfcaplan stellte sich daS gerade Gegentheil hervor. Die Gewohnheitseines frommen Daseyns und Wirkens wurde in ihm desto lebendiger und geistig ver-klärter, je schwächer sein Leib wurde. Alle Gegenwärtigen fühlten eS tief, daß siemit seinem Geiste fortlebe und der schönsten Vollendung im Himmel entgegengehe,so daß man mit Wahrheit sagen konnte, daß seine Thaten ihm nuchfolgten. Jederbegriff in diesem herrlichen TodeSbild die Wichtigkeit der Vorarbeiten und LebenSge-wohnheiten auf der Erde für die glückliche Ueberlebung in den Himmel. Zugleichwar ich auf daS innigste erbaut durch dieses Mark und Korn ächter Lebensbildungin der tyrolischen Priesterschaft. In neuerer Zeit haben geistreiche Leute über dieseVolkömänner im besten Sinne vielleicht mehr aus Unkenntniß, als auö bösem Willengespottet und gewitzelt. Schein und Firniß ist bei denselben freilich wenig anzutreffen;wer sie aber kennt, muß sie achten, diese ganze volle Wahrheit eines harmonischenLebenS bis zum Tode für daS Volk. Fragt man die Buchhändler in Tyrol, wer diefleißigsten Bücherkäufer seyen, so gestehen sie unverholen:Unsere Geistlichen!" DieEinsamkeit der Berge führt durch tägliche Nöthigung fast unwillkürlich zum Lesen undStudiren, und der Eindruck ist desto tiefer und reiner, je weniger der Drang deSäußerlichen Verkehrs störend in'S HauS fällt. Daher findet man einen kaum geahntenFond von praktischer Lebensweisheit und Durchbildung bei diesen einsamen Priesternder Gebirge. PolyHistorie deutscher Journalisten und Doctoren muß man von ihnennicht fordern, sie könnte in der Regel nur sehr, störend in ihr Berufsleben eingreifen.Die Perle mannhafter Gesinnung und kernhafter Frömmigkeit leistet Ersatz für tausendPapierblüthen gelehrter Hoffart. So habe ich die Erfahrung machen müssen, daß dieabgelegenen Dörfer deS Gebirges weit gründlichere Priesterbildung aufzuweisen haben,als daS Flachland mit seinen berühmten Universitäten, wo der Student AlleS lern»,nur daS nicht, was ihn zum wahren Priester und Manne deS Volkes macht.

Die Klause bet Abbach.

f Eine halbe Stunde von dem durch den Aufenthalt deS Kaisers Heinrichs deSHeiligen in der Geschichte bekannten Markte Abbach an der Donau , an dessen Ostseitesich noch die Ruinen der Heinrichsburg mit dem hochragenden runden Thurme erheben,liegt in südlicher Richtung die sogenannte Klause. Am Westende eineS WaldeS dunklerTannen, von schlanken Birken freundlich durchwoben, deren Aeste fast über die MauerndeS Gärtchenö hereinlangen, blickt das stille Kirchlein mit der anstoßenden Einsiedler-wohnung in die mit üppigen Wiesen und Saatfeldern bekleidete Thalmulde. Einriesiger Kastantenbaum, wie ich noch keinen gesehen, breitet den Schutz setner Aestewie einen schirmenden Mantel über daS Kirchlein hin. Hinter dem Choraltare aufder Außenseite ist ein Gemälde angebracht: die Mutter deS Herrn mit dem Leichnameauf den Armen unter dem Kreuze sitzend. AuS der Seitenwunde quillt gar finnreichein Brünnlein frischen Quellwassers in ein kleines Becken nieder. Diese Klause ist»och jetzt von einem Einstedler bewohnt, der dieselbe von einem Privaten käuflich ansich gebracht hat. Der Anblick deS Siedlers erinnert in seiner Kleidung und seinemwallenden Barte an die ehrwürdige Gestalt des Eremiten in derBeatuShöhle." Imanstoßenden Gärtchen zieht derselbe Kräuter für die Apotheken, und beschäftigt sichsonst mit dem Backen von Hostien, die er für mehr als vierzig Pfarreien zu besorgenhat. Zu ebener Erve hat er seine Wohnung; über eine Stiege ist ein größeres Gemach,daS ehemals, vor dem Aufheben deS EinsiedlerordenS, den Einsiedlern auS dem BiS-thume RegenSburg zur Capitelversammlung diente. Dieser Saal, wenn man ihn soheißen will, hat eine historische Bedeutung erlangt durch den Aufenthalt eineS dergrößten Männer der neuesten Zeit, dessen Name weit über den Sprengel der DiöceseRegenSburg hinauöreicht, deS hochseligen Bischofs Wittmann. In diese einsameZelle hat sich der »von Gott und Menschen Geliebte" alljährlich in den September-lagen zurückgezogen in die Erercitien, um seinen großen Geist der Liebe aufS Neue zu