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Will sie neue Verbindungen mit den verschiedenen Gegenden unserer Erdkugeleröffnen, so berührt sie die Erde mit ihrer Zauberruthe, und alsogleich schmelzen hundert-jährige Berge und Felsen wie Wachs, um den reichsten Naturerzeugnissen freien Durch-zug zu gewähren. Und um ihre mit den bewunderungswürdigsten Produkten beladenenWagen auf Schienen dahinfliegen zu lassen, wechselt die >Jndustrie nach Willkür diebewegende Kraft. Heute entlehnt sie dieselbe von zusammengepreßtem Dampfe undmorgen verwirft sie diese mächtige Gewalt, um von der atmosphärischen Luft nochGrößeres zu fordern. Bald jedoch dieses furchtbaren Hülfswerkzeugs überdrüssig, ent-wendet sie der Natur eines der verborgensten Geheimnisse, ohne daß jedoch dieserWechsel der bewegenden Kräfte ein Zeichen der Unbeständigkeit oder Unsicherheit wäre,eS ist nur ein neuer Funke des Genies, welcher ihrer thätigen Einsicht entquillt. Fürsie gibt es keine Thäler, keine Berge, keine Entfernungen. In kurzer Zeit wird sieunsern Planeten in allen Richtungen durchwühlt haben, sie wird seine Höhen ausge-kundschaftet, seine Abgründe durchsucht, sie wird ihn so zu sagen umgewendet haben,wie der Landmann die Erde mit seinem Pfluge umkehrt. Wer weiß, ob sie sich nichtbald in den Lüften eine Triumphstraße bahnen und so die durch sechstausend Jahrevon allen Geschlechtsfolgen betretenen irdischen Wege verschmähen werde. Man könnteendlich sagen, daß sie den in den Gräbern liegenden Gebeinen das Leben wieder gibt.Entzündet sie nicht auS verwesten Stoffen dieses lebhafte Licht, welches auf unsernPlätzen und Stnißen gleich der Tageshelle leuchtet? Augenscheinliches Bild der ein-stigen Auferstehung, wenn bei des Engels Rufe verklärte und von Jugend und Schön-heit glänzende Körper aus den Gräbern hervorgehen werden, in denen ehedem Würmerund Fäulniß waren. Und wenn es der Erfindungsgabe beliebt, so schafft die Indu-strie aus einer Zusammenstellung ungleichartiger Metolle ein Licht, das jedes nächt-liche Dunkel aus unsern darüber erstaunten Städten verbannt, ein Licht mit einemGlänze, der eS mit dem Gestirne des Tages aufnimmt. Wenn daher in Mitte dieseseifrigen, beharrlichen Treibens die ewige Weisheit zu unsern Ohren nicht die Worteerschallen ließe: Alles ist Eitelkeit^, so wären wir versucht, die göttliche Macht mitder des Menschen, und die Arbeit des Geschöpfes mit dem Werke des Schöpfers zuverwechseln. Aber dieser göttliche AuSspruch stellt die Ordnung wieder her und weistjedem Dinge den gehörigen Platz an, und indem er uns unsere Schwäche enthüllt,führt er uns zu demjenigen zurück, der allein die Quelle alles Lichtes und einzig derUrsprung unseres Lebens ist.
Erstaunet nicht, geliebteste Brüder, daß Wir Uns über die bewunderungswür-digen und nützlichen Erfindungen der Industrie wohlgefällig aussprechen. Die Aufzäh-lung ihrer Wunder ist eine Lobpreisung Gottes, der so gerne dem Menschen etwasvon seiner Allmacht mittheilt.
Indem Wir aber nun vor Euch, geiiebteste Brüder, die Industrie loben undihren außerordentlichen Verdiensten um Vermehrung des Natioualreichthums, um Her-stellung eines allgemeinen, manchen Classen bisher unbekannt gebliebenen Wohlstandes,alle Anerkennung zollen, werden Wir wohl so weit gehen, um zu sagen, daß dieseganze c'mmercielle Bewegung der wahre Fortschritt und eine merkliche Annäherungzu seiner Vollkommenheit sey, nach welcher, wie man sagt, die menschliche Gesellschaftunaufhörlich strebt? Ohne Zweifel würden Wir es öffentlich aussprechen, wenn derUeberfluß an Producten, die Geschwindigkeit der Ausfuhr und die Gewalt der Ma-schinen eine wahre Besserung der Völker im Gefolge haben könnte. Ohne Zweifelwürden Wir eS zuerst bekennen, wenn seit der Zeit, seit welcher uns das erfindungs-reiche Genie des Menschen durch seine Entdeckungen in Erstaunen setzt und seitdem dieHand des Menschen sich die schrecklichsten Elemente geschmeidig und dienstbar zu machenwußte: auch die Familien christlicher, die Kinder gelehriger und die Eltern wachsamergeworden wären; wenn, seitdem man weniger srcventliche Angriffe gegen die giueSitte, Eigenthum und Menschenleben verübt, die öffentlichen Aemter mit mehr Fleiß-
-) Lcclesisst. I. 1.