Ausgabe 
13 (21.8.1853) 34
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gefühlt; zur Ausbildung der russischen Nationalkirche war es durchaus noth-wendig, sich von dem Patriarchen von Konstantinopel frei zu machen. Der Großfürstuud Gudouow gaben dem Patriarchen JeremiaS große Geldsummen und erwiesenihm alle erdenkliche Ehre, und stellten dann die Bitte an ihn, den Metropoliten vonMoskau , dem feigen Schmeichler Hiob und seinen Nachfolgern die Patriarch« l-Würde zu ertheilen. Um eine so bedeutende Neuerung in der höhern Hierarchie derKirche zu rechtfertigen, behauvtete der byzantinische Patriarch, die Kirche sey in denersten Zeiten von fünf Patriarchen regiert worden, nämlich von dem Patriarchenvon Konstantinopel, Antiochia, Alerandn'a, Jerusalem und Rom ; nachdem aber derPatriarch von Rom (der Papst) in Folge der Ketzerei seiner hohen Würde verlustiggeworden, sey es höchst wichtig und zweckmäßig, daß man statt seiner einen neuenPatriarchen von Rußland ernenne. Jeremias nahm die ihm gebotene großeGeldsumme und erklärte sich bereit, dem Metropoliten von Moskau . Hiob, der nurein gemeines Werkzeug in den Händen deS Großfürsten war, die Patriarchat-Würdezu ertheilen. Es geschah im Jahre 1589.

Der Großfürst legte aber bei der Ertheilung der Patriarchat-Würde an denMetropoliten Hiob sofort seine unumschränkte Herrschaft über die ganze russischeKirche anden Tag. Jeremias und Hiob waren nur die käuflichen Werkzeuge, deren er sichzur Beruhigung des Volkes bediente, um die sogenannte Kirchengewalt an sich zureißen. Wie der Czar die Patriarchat-Würde dem Hiob erkauft hatie, so wollteer sie ihm auch verleihen, so daß Jeremias nur Assistenz leistete. Jeremiashatte bei der Handlung wenig oder fast gar nichts zu thun. Die eigentlichen Func-tionen, die nach den Rechten der Kirche dieser hätte verrichten sollen, verrichtete derGroßfürst. Als Jeremias den nenen Patriarchen unter dem feierlichen Hochamtein der Metropoiitankirche auf dem Kremel eingesegnet hatte, trar der Czar zu ihm,hing ihm mit eigenen Händen das Panagion an einer goldenen Kette um den Hals,legte ihm den atlassenen Maudyas an, der mit Perlen und Edelsteinen auf dasschönste verziert war, warf ein köstliches Omophor über seine Schultern, setzte ihm dieweiße Jnful mit dem Kreuze auf und übergab ihm den Patriarchcnstab mit folgendenWorten:Heiligster Bater, würdigster Patriarch, Vater aller Väter,erster Bischof in ganz Rußland, Patriarch von ganz Rußland, Wla-dimir, Moskau u. f. w. Hiermit befehle und verkündige ich, daß duvor allen Bischösen den Vorzug haben, und hinführo das Gewandeines Patriarchen, die Calotte eines Bischofes und die große Jnfultragen sollst, und daß man dich in meinem ganzen Reiche als Patriarchund Bruder der übrigen Patriarchen ehren soll."

So hatte also der Obcrpriester der griechischen Kirche in gewisser Beziehung seinVorrecht auf die russische Kirche sür feiles Gold verkauft. Seine beiden Begleitererkannten sehr bald den Nachtheil, der dem Stuhle von Konstantinopcl aus diesererlangten Unabhängigkeit der russischen Kirche im Geistlichen wie im Welllichen mitder Zeit erwachsen mnßte, und unterschrieben deßhalb nicht die BestätigungSnrkundcder Errichtung des russischen Palriarchates. Nur die seilen und durch russisches Golvgewonnenen Mönche, die sich in JeremiaS' Gefolge befanden, gaben hierzu ihreUnterschriften her. Doch Gudonow ruhete nicht eher, bis er den gefügigen Hiobin der neuen Würde feierlichst bestätigt sah, und Jeremias mußte bei seiner AbreiseauS Moskau das heilige Versprechen abgeben, dieses so bald wie möglich nach seinerAnkunft in Konstautiuopel zu thun. Kaum von seiner Abreise zurückgekehrt beriefJeremias im Februar 1593 eine Synode nach Konstantinopel und bestätigte durcheine feierliche Urkunde die Errichtung des neuen Patriarchates der russischen Kirche.Es ist sehr bezeichnend, daß auf diesem Concil der russische Gesandte am türkischenHose, der mächtige Fürst Gregor Athanasius, in dessen Händen sich der Sultanbefand, und der mit der größten Willkür über di- Angelegenheiten deö osmanischenReiches schaltete, den Vorsitz führte.

ES scheint, als habe man selbst in Rußland an die Gültigkeit dieses Patri-