Ausgabe 
13 (28.8.1853) 35
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Gegenwart verbannt nicht aus seiner Lehre, sondern in seiner Eigenschaft als derirbendigcn und durchdringenden praktischen Wahrheit, welche die Arbeit jedes TageSbeseelen und belohnen, und all' den Jammer der Menschheit trösten müßte. O möchteder Geist Gottes das Lebe» der praktischen Handlung von jedem Tage einathmen,in die allen katholischen Formeln, die jetzt ein Verweis für unsere Entartung sind!O mochten unsere tiefen nnd breiten Prcöbyterien der alten Zeit.... noch einmalvas Brautgemach seyn, wo der erstandene Erlöser herabkommend auS des HimmelsHöhen Gemeinschaft halte mit seiner Kirche."

(Schluß folgt.)

Die russische StaatSkirche.

(Dritter Artikel.)

DaS Patriarchat der russischen Kirche war keine göttliche Stiftung; Christus,der Sohn GotteS , hatte nicht von ihm gesagt:Auf diesen Felsen will ich meineKirche bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen;" als bloßmenschliche Stistung konnte es durch dieselbe menschliche Willkür, die eS gegründet,auch wieder aufgelöst werden. Wir finden in seinen Trägern keine heldenmüthige,glaubcnSlreue Bekenner, die mit ihrem Blnte und Leben für ihr Recht einstehen; wirfinden kein Märtyrthum, sondern eine weltliche Herrscherhand, die den Patriarchen-stuhl errichtete nnd zu stürzen wagen konnte. Das russische Patriarchat fiel nach fastnur hundertjährigem Bestände; wie es der Wüstling Godunow gestiftet hatte,so wurde es von dem despotischen Peterl. vernichtet.

Peter der Große besaß zu viel Herrscherwillkür, als daß er ein selbstständigesgeistliches Regiment hätte neben sich dulden können. Er beschloß daher, um gänzlichunumschränkt herrschen zu können, das Patriarchat abzuschaffen. Er ging hierbei mitgroßer List und Schlauheit zu Werke. Es war ihm sehr wohl bekannt, daß derPatriarch, bei aller Schwäche und Abhängigkeit vom Großfürsten, dennoch ein gewissesAnsehen beim Volke genoß; er wär der Erklärer und Ausleger deS evangelischen Ge-setzes und durfte als solcher dem Staatsoberhaupte Vorstellungen machen. AmPalmsonntage folgte der Patriarch, die Person des göttlichen Heilandes vorstellend,auf einem Esel der feierlichen Procession der Geistlichkeit und deö Volkes. DaS Thiertrug eine goldene Decke; der Czar führte es am Zaume, hielt dem Patriarchen denSteigbügel; so war eS herkömmlich. Um langsam und allmälig daS Ansehen deSPatriarchen zu uniergraben, hob Peter zuvörderst diesen Gebrauch auf. Es warferner Sitte, daß sich der Patriarch und der Czar an jedem NeujahrStage öffentlichküßten und umarmten; auch diesen Gebrauch schaffte er durch einen Ukas vom Jahre1699 für immer ab. In den ersten Jahren seiner Regierung durfte er aus politi-schen Gründen die Patriarchen-Würde nicht öffentlich angreifen oder aufheben.Denn der verfolgte Patriarch h.itte sich nur für die Partei der Halbschwester PeterS,der mächtigen Sophie, welche die ersten Regierungöjahre PeterS so stürmisch undschwierig machte, zu erklären brauchen, um einen so ernstlichen Aufstand in ganz Rußland zu erregen, daß der Sturz PeterS mit leichter Mühe hätte können herbeigeführtwerden. Er zog daher vor, diese Würde von selbst fallen und in Vergessenheit gera-then zu lassen.

In schlauer Weise wartete Peter den Zeitpunct ab, wo der Patriarchenstuhldurch den Tod seines letzten Würdenträgers erledigt war. Der letzte PatriarchHadrian starb im Jahre 1702. Der Czar wußte die Wahl eines neuen Patriar-chen unter mancherlei Vorwänden zu verschieben, und übertrug zunächst die Verwal-tung des Patriarchates dem Metropoliten von Räsan, der aber weder daS Ansehendes Patriarchen hatte, noch auch alle Rechte desselben ausüben durfte. Es bliebalso von der Patriarchen-Würde nur der Schatten, und dieser auch nur so lange,als Peter gut schien. Er ließ jetzt durch einen UkaS vom Jahre 1702 die