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ES wäre gewiß schwer, ein System auSzudenken, bei dem die geistliche Gewaltder politischen noch mehr zum Sklavendienst hingegeben seyn könnte, als in der russi-schen Staatskirche. Und nimmt man noch hinzu, daß eS auch wieder der Oberpro-curator ist, welcher dem Kaiser die Vorschläge zu Ernennungen aus die bischöflichenStühle in allen Abstufungen zu machen hat, daß eS ganz nur von diesem weltlichenBeamten abhängt, auf den einen oder andern der Prälaten, welche unter seinerDirektion stchen, die Ungnade des Kaisers herabzuziehen: so wird man sich einenrichtigen Begriff machen können von der unermeßlichen Gewalt, die dieser Beamteausübt. Man wird sich erklären können, welche Furcht sein bloßes Mißfallen ein-flößen muß, wenn man bedenkt, welch' einen unumschränkten Despotismus er ausübt,und mit welcher mehr als sklavischen Unterwürfigkeit alle seine Befehle aufgenommenund ausgeführt werden. — Sollte es einmal dem russischen Czaren einfallen, in derDisciplin oder auch in den Glaubenslehren der Kirche eine Aenderung vor-nehmen zu wollen, so würde die Synode alle diese Neuerungen nicht bloß annehmenund der Geistlichkeit die Befolgung und Lehre derselben auflegen, sondern sie würdeauch ihre sklavische Unterwürfigkeit so weit treiben, schon in der ersten Kirche Beweiseund Belege für die neue Lehre deS Kaisers aufzusuchen und sicherlich auch zu findenwissen, wo sie nun auch hergeholt werden mögen, um damit den großen Haufen zubethören. — So hat der jetzige Kaiser Rico laus mehrere Grade der Blutverwandt-schaft aufgehoben, welche bis dahin immer in der russischen Kirche ein trennendesEhehinderniß waren, ohne daß auch nur einer der Prälaten gegen diese Abänderungin der alren Disciplin die mindeste Vorstellung zu machen wagte.
Bis zu diesem Grade der Abhängigkeit hat Peter I, , der in der Geschichte der„Große" heißt, die russische Kirche geknechtet. DaS vollständige Gelingen seinesdespotischen Systems war aber nur möglich, weil sich die russische Kirche von derEinheit getrennt, und dadurch von Christus, dem Gnadenspender, losgerissenhatte. Ein schreckliches Strafgericht Gottes ist über den Hochmuth der Griechen undRussen ergangen; statt freie Söhne des heiligen Vaters, des Nachfolgers Pein, sindsie zu willenlosen Sklaven eines unumschränkten Despoten verurtheilt. Wie wahr istdas Wort des Herrn: „Ich bin der Weinstock, ihr seyd die Reben. Wer in Mirbleibt, und Ich in ihm, der bringet viele Frucht; denn ohne Mich könnet ihr nichtsthun. Wer nicht in Mir bleibt, der wird weggeworfen werden, wieeine Rebe; und die wird verdorren, und man wird sie sammeln, undins Feuer werfen, und sie verbrennet." Joh. 15, 5—6.
Sobald sich ein Theil der allgemeinen Kirche von dem Mittelpuncte, den dergöttliche Stifter des Glaubens in der Person des heil. PetruS und seiner Nachfolgeraufgestellt und angeordnet hat, lostrennt, sinkt derselbe nach einem strengen undgerechten Gerichte Got-eS sofort und im Widerspruch mit der göttlichen Anordnung,die die Einheit und Wahrheit deS Glaubens für die ganze Welt will, zu einerNationalkirche, d. h. zu einer StaatSanstalt herab, über welche das Ober-haupt deS Staates von diesem Augenblicke an seine Obergewalt ausübt, die in demGrade mehr oder weniger drückend seyn wird, je nachdem der Fürst einen mehr oderweniger absolutistischen Charakter hat, und je nachdem seine politische Gewalt einemehr oder weniger ausgedehnte ist. Diese Folge hat sich immer eingestellt, zu allenZeiten und an allen Orten, wie in Rußland , so überall; die Geschichte gibt Zeugnißdafür. — Zugleich ist eS klar, daß der Despotismus niemals unumschränkter werdenkann, als wenn alle Gewalt, sey sie materieller, geistiger oder morali-scher Natur, sich im Willen deS Regenten concentrirt. Ein solcher Regent stößtmit despotischer Willkür daS Wort des Sohnes GotteS um: „Gebt dem Kaiser, wasdes Kaisers, — und Gott, was Gottes ist;" durch welchen AuSspruch der Erlöserklar und scharf die geistige und weltliche Gewalt unterscheidet und trennt und jederihre bestimmten Gränzen anweiset, die sie ungestraft nicht überschreiten. — DieKnechtschaft wird vollständige Sklaverei, sobald der Geist und seine Beziehungzu Gott, dem Herrn Himmels und Erde, unterjocht und geknechtet ist. — Ist aber