Ausgabe 
13 (25.9.1853) 39
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Drei Tage lang sah man ihn sein Zimmer nicht verlassen. Die HauSleute, um ihnbesorgt, kamen zu ihm: sie fanden ihn in seiner kalten Kammer, bereits schon seit dreiTagen der Nahrung beraubt. Man bot ihm von allen Seiten Hülse. Der obener-wähnte Priester, der davon benachrichtigt worden war, eilte zu ihm, ihn mit sanftenVorwürfen überhäufend. Dir junge Mann dankte für die liebevolle Theilnahme, batjedoch nur um irgend eine Beschäftigung, wodurch er das Nothwendige verdienen könnte,um sein Leben zu sristen. Man brachte ihn zu einem Bräuer, bei dem er den Winterhindurch die Dienste eines Bräuknechtes versah, und so durch ungewohnte harte Arbeitsein Brod sich verdiente; eS schien ihm kein Opfer zu groß, so glücklich fühlte er sichin seinem Innern. Es nahte der Frühling, da erwachte in seinem Herzen einemächtige Sehnsucht, nach dem Gnadenorte Allölting zu pilgern. Er machte sich also-bald auf und legte diesen Weg unter Gebet und frommen Betrachtuugen zurück. InAltötting angekommen, bereitete er sich vor, seinen lieben Herrn und Heiland zu em-pfangen; der Herr fügte es, daß er in dem Ordenspriester, dem er seine Beichte ab-legte, einen seiner LandSlenle kennen lernte, der, von der Gnade des Herrn geführt,sein Vaterland ebenfalls verlassen hatte, und nun, nachdem er Alles, waS ihn andiese Erde fesseln konnte, zum Opfer gebracht hatte, sich ganz dem Herrn widmete.Beive dankten dem Herrn aus der Fülle des Herzens, der so liebevoll sie geleitethatte. Der junge Schwede kehrte nach München zurück; die Freude, die Glückseligkeit,welche sein Herz nun erfüllte, konnte er nicht genug iu Worten ausdrücken; sein Dank-gebet stieg unaufhörlich zum Himmel Der Herr hatte mit innigem Wohlgefallenauf diese Seele geblickt, die mit so opferwilligem Gehorsam auf dem von ihm bezeich-neten Kreuzwege der Selbstverläugnung und der Demüthigungen gewandelt war: dieserGehorsam, diese opferfreudige Hingabe sollte nun zur Ehre Gottes belohnt werden.Es langte ein Brief von seinem Vater an, welcher ihm volle Verzeihung brachte. DerVater schrieb ihm, daß er ihn nicht nur mit offenen Armen empfangen, sondern auchin seiner religiösen Ueberzeugung durchaus nicht mehr hindern werde; er fügte zugleicheine ansehnliche Summe Geldes bei, mit der dringenden Bitte, sobald als möglich insein Vaterland zurückzukehren. Nachdem er den Brief gelesen, warf er sich auf dieKniee, um dem lieben Gott zu danken, der ihn so liebevoll geleitet und das Herzseines Vaters ihm wieder zugewendet hatte. Er verließ die Sradt, die er mit solchemWiderwillen bei seiner Ankunft betreten, mit tief gerührten Herzen, dankte dem würdigenPriester, dessen Segen ihn begleitete, und langte glücklich in seiner Vaterstadt an.Nach einiger Zeit erhielt der Priester von dem jungen Manne einen Brief, der ihmdie freudige Kunde brachte, daß er nicht nur mit aller Liebe von seinen Angehörigenempfangen worden sey, sondern auch, daß in seiner Vaterstadt die erste katholischeKirche erbaut werde und er selbst als Baumeister derselben ernannt sey. So führteund so lohnte Gott den Jüngling, der mit der bewunderungswürdigsten Redlichkeitund Opferwilligkeit die Wahrheit suchte, und durch Gottes Gnade der Ueberzeugungfolgte. Die Wahrheit dieser ganzen Erzählung ist vollkommen verbürgt. (W. K.-Z.)

Joseph Ottmar von Rauschers, FürsterzvischofeS von Wien ,Hirtenbrief an die Geistlichkeit.

(Schluß.)

Indem wir GotteS gnädige Führungen preisen, dürfen wir uns die Schwierig-keiten, welche einem nachhaltigen Aufschwünge entgegenstehen, nicht verhehlen. NichtWenige beugen sich noch unter das Joch des Vorurtheils, nur rühmen sie ihrer Knecht-schaft sich nicht mehr so laur wie vor fünf Jahren. Bei nicht Wenigen steht zu be-sorgen, daß der Funke, welchen ein Drang des Außerordentlichen in ihre Seele warf,nach kurzem Glimmen wieder erlösche. Wenn Jemand das Unglück hat zu erblindenund lange Jahre hindurch mit nachtbedecktem Auge einhergeht, so verläßt ihn beinahedie Erinnerung an das Sichtbare, und wenn er davon reden oder vorlesen hört, so