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finden die Worte keinen rechten Wiederklang in der Seele mehr. Wenn Jemand seitlangen Jahren sich gar keine Mühe gab, mit den Mächten der Geisterwelt zn verkehrenund auch in seiner Umgebung nichts fand, was ihn an seinen Zusammenhang mitdem Unsichtbaren gemahnt hätte, so schlummert der Sinn für das wahrhaft Höherefast bis zum Ersterben ein. Wofern nun Gotteö Führung ihn wirklich nachdenklichmachen und heilsame Regungen in ihm auftauchen, weiß er nicht recht, was er damitanfangen solle. Eben dasjenige, was ans dem innersten Wesen des Christenthumshervorquillt, ist ihm am schwersten verständlich. Die ganze Gestaltung, welche diestädtischen Lebenövcrhältnisse erhalten haben, übt einen hemmenden Einfluß, und zwarauch auf solche, welche stoßweise sich zu den tresslichen Vorsätzen erheben. Ohne Gebetund zwar ernstliches Gebet, ohne daß man die christlichen Wahrheiten zu seinem Ci-genthume macht und auf alles Trachten und Thun anwendet, kann man im DiensteGotteS nicht vorwärts kommen. Licht und Kraft muß man bei den Gnadenmittelnsuchen, welche der Herr eingesetzt hat. Der Kirche darf man den Zoll des Gehor-sams nicht versagen. Nun gut! und dieß Alles will ich auch thun. Aber eine Mengeeingelebter Gewohnheiten und Bedürfnisse widerstreben. Man findet zu Gebet undGottesdienst keine rechte Zeit. Der ganze Tag, die ganze Woche ist so eingetheilt,daß höchstens auf eine Messe am Sonntage gerechnet ist, und auch da muß man sichMühe geben, mit dem Ankleiden fertig zu werden. Mit den Kirchen hat eS überhauptseine eigene Bewandtniß. Bald sind sie zu kalt, bald zu warm; dumpfe Luft beengtdie Brust, der Zugwind läßt sich nicht immer vermeiden; im Gedränge kann mangestoßen werden; auf den Steinen zu stehen, ist ungesund und ein Betstuhl nicht immerzu haben. Mit dem Empfange der heiligen Sacramente geht es auch nicht so leicht.Man soll sich doch ein wenig vorbereiten. Aber die Abende sind schon mit Beschlagbelegt. Man hat sich einmal frei gemacht; doch es kommt ein Besuch, eine uner-wartete Einladung dazwischen, oder ein Schauspiel, welches man doch nicht versäumenwill, wird angekündigt. Ferner ist eS unbequem, früher als gewöhnlich aufzustehen;eS ist aber auch unbequem, länger als gewöhnlich mit dem Frühstücke zu warten.WaS nun gar das Fastengebot betrifft, mag es auch durch Dispensen so sehr gemildertwerden, daß nichts mehr übrig bleibt, als eine leise Mahnung an die Pflicht derSelbstverläugnung: etwas Beirrendes hat die Sache immer noch. Schließlich wirdman bei jeder Kundgebung des katholischen Lebens von der Besorgniß, Aufsehen zumachen, genau gesagt, von der Furcht lächerlich zu werden, begleitet. Diese Unzahlkleiner Schwierigkeiten sind Dorngebüsche, an welchen die schönsten Vorsätze Faden fürFaden hängen bleiben. Ohne Unbequemlichkeit gibt eS gar nichts in der Welt, nichtnur keine Jagd oder Lustreise, sondern auch keinen Spaziergang, keinen Ball, keinSchauspiel, nicht einmal eine ruhige Spielpartie: denn zu warm kann eS im Zimmerauch werden und oft muß man um eines eifrigen Mitspielers wegen weit länger sitzenbleiben, als Einem lieb ist. Bei Dingen, welche man nicht eben für hochwichtige,sondern nur für solche hält, wo man sich nicht füglich ausschließen kann, würden dieverwöhntesten Leute sich schämen, von derlei kleinen Stacheln deS Lebens viel Auf-hebens zu machen. So lange man im Dienste GotteS und der eigenen Seele jedeKleinigkeit so hoch in Rechnung bringt, kann jene Fluth der guten Beispiele und derlöblichen Sitte, durch welche der Einzelne mächtig gehoben wird, unmöglich erneuertwerden.
Wie soll also gründliche Abhilfe geschafft werden? Der Herr ist es, welcherstraft und rettet, welcher zur Unterwelt hinab und wieder heraussühn. Von ihm,ohne welchen wir nichts vermögen, muß die Hilfe kommen; indessen können wir, starkdurch Eifer und Vertrauen, gar Manches beitragen, um das heilbringende Werk zufördern. ES läßt sich recht augenscheinlich darlegen, wie sehr die vom Herrn kom-mende Weisheit der Weisheit dieser Welt in den großen die Gegenwart bewegendenFragen überlegen sey. Die StaatSweiSheit des Fortschrittes verstümmelte den Men-schen; trotz aller Versicherungen, daß er Gott und nichts als er Gott sey , sah sie inihm bloß den Wurm, welchem verliehen sey, sich eine Stunde lang auf dem grünen