Ausgabe 
13 (25.9.1853) 39
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311
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So bitt ich Euch denn noch einmal, Genossen der mir zugewiesenen Mühewal-tung, leiht mir überall Eure Mitwirkung, wo eS den Herrn und seine Hcerde gilt,leiht sie mir insbesondere zu Erweckung und Kräftigung des regen Lebens, durch welchesjeder Christ unseres weiten Kirchensprengels unser Mitarbeiter werden kann. Wiehoch der Mensch durch den Menschensohn, welcher im Himmel thront, erhöht wordensey, tritt am deutlichsten an dem Priester deS neuen Bundes hervor.DerPriester",sagt der heilige Ephräm,ist ein staunenswerthes Wunder und besitzt eine unaus-sprechliche Gewalt; er berührt den Himmel, er verkehrt mit den Engeln, er geht mitGott vertraulich um." Der Priester ist den Gläubigen gegeben, damit er ihnen anChristi Statt sey. Der Heiland hat gelehrt; dieselben Worte, welche aus seinem gna-denreichen Munde gingen, soll auch der Priester verkünden und mit treuer Unterwei-sung den Herzen einprägen. Der Heiland hat getröstet; in Betrübniß und Rathlo-sigkeit, in Noth und Schmerzen, im Beichtstühle und auf der Kanzel, am Kranken-lager oder wo immer das Leiden ihm begegnet, soll der Priester den anvertrauten SeelenTrost von oben bringen. Der Heiland hat zu dem Gichtbrüchigen gesprochen:Seygetrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!" und die Schriftgelehrten sagtenbei sich: Dieser Mensch lästert Gott ! denn daß der Sohn des lebendigen GotteS vorihnen stehe, war ihren Augen verborgen, und daß es Gott allein zukomme, die Sündenzu vergeben, erschien ihnen als etwas Unwidersprechliches. Aber dem Priester ist eSverliehen, gleich dem Eingeboruen vom Vater zu sprechen: Geh' hin, deine Sündensind dir vergeben. Groß ist der Heiland in den Wundern, durch welche er sich alsden Gebieter der Körperwelt bewies; aber er hat viel Größeres gethan: denn er sprachbeim letzten Abendmahle:Dieß ist mein Leib. Nehmet hin uud esset Alle davon."Dieß hochheilige Wunder, in welchem die Allmacht und Barmherzigkeit des Allerhöchstengleichsam die Unendlichkeit ihres Reichthums erschöpft hat/ der Priester des neuenBundes wirkt es auf dem Altare, um welchen her die himmlischen Geister Wachehalten. Freunde und Mitbrüder, dieß ist das Los der Ehren, welches auch Euchgefallen ist. Darum sey der erste Gruß, den ich an Euch richte, ein Preis desGlücks, das Euch geworden ist! Die Gestalt dieser Welt geht vorüber. Zwar unserLeib ist dem Gesetze der Schwere verfallen; aber unser Geist berührt schon hieniedendie Gemeinschaft der Geisterwelt, in deren enthüllten Reihen nnser Ort seyn wirdohne Wechsel und Ende. Sollten wir uns nicht freuen, daß durch GotteS Erbar-mung uns verliehen ward, was groß ist vor Gott und seinen AuSerwählten, waSgroß seyn wird vor dem Richterstuhle, welchen alle Menschen und Engel in unermeß-licher Versammlung umringen werden?

Allein nachdem der heilige Gregorius der Hoffnungen gedacht hat, welche unsbei Gott hinterlegt sind, fügt er die Ermahnung hinzu:Zu großem Lohne kannman nicht anders als durch große Beschwerden gelangen. Daher spricht Paulus , dervortreffliche Lehrer: Gekrönt wird nur der werden, welcher vorschriftsmäßig gekämpsthat. So erfreue sich denn unser Geist an der Größe des Lohnes; doch lasse er auchvon dem Dränge der Beschwerden sich nicht abschrecken." Die Verantwortlichkeit fürdas Heil unsterblicher Seelen ist eine schwere Last. Als die Söhne Jakobs von Neidgetrieben wider Joseph ihren Bruder sich erhoben, gedachte Rüben, ihn ihren Händenzu entziehen und dem Vater zurück zu geben. Allein er ließ die Sache sich nicht sehrangelegen seyn; er entfernte sich, und mittlerweile wurde Joseph an die Jsmaelitenverkauft. Als er nun zurückkam und ihn vergebens suchte, zerrieß er sein Gewandund rief jammernd auS: Der Knabe ist nicht mehr da und ich wo soll ich mich hin-wenden! Rüben scheute sich vor seines VaterS Angesicht zu treten, weil er nichtAlles, was er vermochte, gethan hatte, um den Liebling desselben vor der Knecht-schaft zu bewahren. Und doch war dieß eine Knechtschaft, welche die Hoffnung aufBefreiung keineswegs ausschloß; wirklich wurde Joseph nicht nur von der Sklavereierlöst, sondern der Pharao setzte ihn auch über ganz Ägypten , und er regierte daSLand, wo er gedient hatte, bis zu seinem späten Ende. Wenn nun, was die ewigeErbarmung abwende! durch unsere Versäumniß eine Seele in die Bande des