Ausgabe 
13 (9.10.1853) 41
Seite
321
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Dr^z-Hnter Jahrgang.

Sonntags-Beiblatt

zur

Augsburger Pojheitung.

9. Oktober M- ^K. 1853.

Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abouuementsprei«TV kr., wofür e« durch alle köuigl. bauer. Postämter uud alle Buchhaudlougeu bezogen werde» kann.

Joseph Ottmar von Rauschers, FnrsterzbischofeS von Wien ,Hirtenbrief an alle Gläubige der Erzdiöcese Wien .

(Schluß,)

Deine Wohnung, o Christ, ist vielleicht recht arm und enge; ein Strohsack, einpaar hölzerne Stühle, ein Tisch, welcher kaum noch zusammenhält, und etwa einKasten machen die ganze Einrichtung aus und der Wind bläst durch die mit Papier verklebten Fenster. Aber, o Christ, deine Wohnung ist immer noch bequemer undreicher als die Höhle, wo das Jesuskind lag, als die Wüste, wo der Herr vierzigTage lang fastete. Du mußt schwer arbeiten und bist doch kaum deines Lebensunter-haltes sicher. Aber der Heiland hat auch gearbeitet: denn er half seinem heiligenPflegevater bei den Geschäften eines Zimmermannes mit allem Eifer, und als er dasReich Gottes verkündigte und Heil und Gnade mit vollen Händen ausstreute, war erdes täglichen Brodes keineswegs sicher: denn er hatte nichts, was er sein eigennennen konnte und lebte von Almosen. Du versicherst, eS sey dir ein großes Unrechtgeschehen; man habe deine gerechtesten Ansprüche verkannt und dir Lcute vorgezogen,welche sich mit deinen Verdiensten, in keiner Beziehung messen können. mag seyn.Aber als Pilatus die Juden fragte: Wen wollt ihr, daß ich euch loSgebe, den Barabbas oder Jesum, welcher Christus genannt wird? so schrieen sie: Nicht diesen, sondernden Barabbas. Und Barabbas war ein Aufrührer und ein Mörder, Jesus Christus aber der Sohn des lebendigen Gottes. Ist dir schon etwas Achnliches begegnet? Dubist krank, du bist an das Bett gefesselt. Du leidest große Schmerzen. AIS aber derHerr auf dem Hügel Golgatha ankam, war sein heiliger Leib ganz von Wunden zer-rissen und in äußerster Ermattung. Man legte ihn in kein weiches Bett, sondern aufdas harte, rauhe Kreuz, an welches man mit Nägeln ihn heftete. Sind deineSchmerzen nicht Linderung zu nennen gegen die Schmerzen, die er geduldet hat? Duhast viel Kummer und Kränkung und Sorge; das Leben ist dir znr Last. Blick aberauf den Oelbcrg! Reicht, waö du leidest, an das, was dein JcsuS litt, als er flehte:Vater, wenn es möglich ist, so laß diesen Kelch an mir vorüber gehen; als seinSchweiß zum Blute ward und in rothen schweren Tropfen niederquoll. Blick aufden Kreuzeshngcl: drei lange Stunden hindurch ringt dein Herr in Todesqualen undseiner Seele versagt er den Trost, welchen er dir bereitwillig sendet, wenn du dichmit Vertrauen an ihn weiltest. So groß und bitter ist die öde, lichtlose Pein, daßer klagend den Mund erschließt und ruft: Vater, Vater, warnm hast du mich ver-lassen? Christen, Erlöste des Lammes, warum wollt Ihr in Euren Leiden trostlosund verlassen bleiben? Ruft Euren JesuS und er wird Euch erscheinen; er kommtgleich dem Engel, welcher zu Petrus in den Kerker trat, und es erhellte sich dieFinsterniß, uud eS sanken die Baude und die eisernen Thore thaten sich auf.

Darum kommt, Freunde, kommt und versucht, wie lieblich der Herr ist! Die