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Bilduugszustände unserer Zelt unterliegen schweren und berechtigten Anklagen. Wirwollen weder anklagen noch entschuldigen, sondern handeln. Ihr glaubt an den drei-einigen Gott, den Vater,'der Euch geschaffen, den Sohn, der Euch erlöset, denheiligen Geist, der Euch gekeiliget hat? Wohlan, so kommt, sein Heiligthum ist offenund seine Hand ausgestreckt, Euch zu empfangen! Kommt, die ihr geehrt seyd vorder Welt und reich an Geld und Gut! Die Fürschuug hat Euch hiernieden einenOrt angewiesen, welchen die Menschen glücklich preisen; wollt ihr Euch nicht auchdeS seligen Ortes versichern, welchen der Herr Ench unter seinen AuSerwählten be-reitet? Sind denn Besuche und Gastmähler, Schauspiele und Bälle eine gar so über-schwengliche Seligkeit? Bon der Ferne her sehen diese Dinge ganz lockend aus, aberwer sie in Hülle und Fülle zu haben gewöhnt ist, langweilt sich oft genug dabei.B-im Herrn, der Euch zu seinen Miterben erkoren hat, findet Ihr mit dem wahrenZiele auch den höheren Gehalt deS Lebens, beim Herrn findet Ihr Trost und Erqui-ckn»g in Leiden, wider welche weder Gold, noch Titel und Würde helfen können.Beim Herrn findtt Ihr zugleich Sicherheit für Eure zeitlichen Güter. Sein Gesetzcrmahnt Euch, daß Ihr gleich allen anderen Menschen nichts habt, was Ihr nichtempfangen hättet und über Alles, was Ihr empfangen habt, über die Gaben desLcibcS und der Seele: das Vermögen und die sämmtlichen Behelfe äußerer Wirksam-keit zu rcchuungspflicktigcn Haushältern bestellt seyd. Sem Gesetz gebietet aber auchdenen, welche mit Neid und Sehnsucht nach Euren Bcsitzthümern blicken, die FügungenGoltcs und die Schranken des Rechtes zu ehreu. Die Weisheit dieser Welt flüstertEuch in'S Ohr : laß dich durch armselige Bcdenllichkeiten nicht irre machen, dn wärestein rechter Thor, wenn dn dir das gme Glück, welches dir Ansehen und Reichthumgab, nicht zu Nutzen machen und alle Begierden deines Herzeus befriedigen wolltest.Dieser Raihgebcr ist eine doppelzüngige Schlange! denn dein Armen predigt er: Duhast an den Lebensgenuß dasselbe Recht, wie der Reiche. Auf! sey ein Mann undmache dein Recht geltend! Kommt und sucht den Herrri, Ihr, welchen ein kargerAnchcil an irdischer Habe beschicken ist. Das Leiden wohnt in der kahliir Stube,deren Bewohner mit dem Mangel am No!hdürsli.ien kämpft; es läßt sich aber auchdurch die Thüren deö Prunkgemaches nicht ausschließen; eö besucrt den Hohen wieden Niedrigen und schont eeS Königs auf seinem Throne nicht. Allein' um Euch,seinen geliebten Frcuudcn, die Beschwernisse zu versüßen, in welchen Ihr Eure Treueerproben solll, hat unser göttlicher Meister selbst arm seyn wollen von der Krippe biszum Kreuze, hat er seine gcbeuednle Mnlter und seinen heiligen Pflegevater arm seynlassen und gering vor den Menschen. Bei ihm suchet Trost, und jtde Mühseligkeitund Entbehrung wird sich in ciu Unterpfand ewiger Güter verwandeln. Meistenshilft er Euch schon auf Erde, denn: Wer seine Armuth um Gotteswillen erirägt, derist genügsam und fleißig; wem aber Fleiß uuv Genügsamkeit zur Seite gehe», derhat den Mangel an täglichem Brode selten zn furchten. Die Gottlosigkeit, deren Läste-rungen Ihr in den letzten Jahren oft genug veruommcn habt, stellt sich zwar an,als ob sie-Euch herzlich bedauere, und macht Euch die schönsten Versprechungen. Hatsie aber auch Wort gehalten? Sie führt den Unglücklichen, welcher ihr Gehör schenkt,in die Wirthshäuser oder an noch schlimmere Orte; sie verwickelt ihn immer tiefer inLaster und Elend. Wenn nun vollends Gott zuläßt, daß mit der Freiheit und Gleich-heit ein Versuch gemacht wird, so verlieren viele tansend fleißige Arbeiter ihren ante»,gesicherten Erwerb; die liederlichen lreiben sich eine Weile auf den Barrikaden herum,erHaschen manchmal einen guten Trnnk, büßen aber dafür nicht selten daö Leben oderdie geraden Glieder ein, uud nachdem mehr oder weniger Unheil geschehen ist, bleibtin der Hauptsache Alles beim Alten; eS gibt wie vorher Arme und Reiche.
Ich wende mich insbesondere an dich, weitverbreitete Hauptstadt, welcher ichnnu die Dienste schulde, um derentwillen das bischöfliche Amt eingesetzt ist. Wien hatden Weg zur Größe unter dem Banner deö Kreuzes begonnen; es wuchs als Her-berge und Markt für die Heereszügc, welche geschmückt mit dem Zeichen der Erlösungnach dcm Grabe deS Heilandes pilgerten. Durch die Fürsorge Leopold des Glorreichen,