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gründung NeueS zu hören, nach der Mahnung des Apostels: „Wachset in derKenntniß GotteS!" Denn das werde Niemand verkennen, daß dem Kinde nur gleich«sam die Milch der Lehre geboten werden könne, und eS deßwegen an den Erwachsenensey, nunmehr auch die festere Speise zu genießen.
Sich aber über alle Puncte der göttlichen Offenbarung unterrichten zu lassen,daö sey ja nicht etwa der Willkür deS Einzelnen überlassen; denn einerseits sey andie Hinnahme der göttlichen Offenbarung ja durch Gott selber die Erlangung desewigen Lebens geknüpft, und andererseits müsse aber gewiß von Jedem auch zuge-geben werden, daß es mit der unendlichen Weisheit Gottes nicht vereinbar wäre,anzunehmen, Gott habe irgend einen Punct der Glaubens- und Siitenlehre umsonstgeofsenbaret.
Ein streng zusammenhängender, fortlaufender Unterricht über die ganze Summealler christkatholischen Glaubens« und Sittenlehren könne aber durchdie Sonn- und Festtagöprcdigten nicht gegeben werden. DaS sey auch ihr Zweck garnicht; sondern sie hätten vielmehr zunächst auf die Bedeutung der treffenden Feste hin-zuweisen uud zu deren würdiger Feier zu entflammen, im besten Falle könnten indenselben höchstens nur die allgemeinen Wahrheiten vorgetragen werden. Einen zu-sammcnhängenven und fortlaufenden Religionsunterricht zn geben, sey eben nur Auf-gabe der Christenlehren. Den Christenlehren beizuwohnen sey man daher ineben dem Grade verpflichtet, als man verpflichtet sey, die ganze Summe der göttlichenOffenbarung in sich aufzunehmen. Hiebei sey noch ein dreifacher Umstand nicht zuübersehen, nämlich: 1) Was man in seiner Jugend gehört, könne der Beschaffenheitdes Menschen gemäß nicht Alles und für immer im Gedächtnisse haften bleiben, wenncS nicht von Zeit z>! Zeit wieder aufgefrischt werde; 2) immerhin sey die Zahl der-jenigen nicht gering, deren Fassungskraft in der Jugend sehr schwach gewesen, undwelche also jetzt in ihren reiferen Jahren eines wiederholt gründlichen Unterrichtes sobedürftig seyen, als ein Kind; 3) müsse jeder Mensch schon an und sür sich je zu-weilen wieder auf den Umfang seiner Pflichten hingewiesen werden, wenn er nicht inLauhcit verfallen soll.
Bei solcher Sachlage nun, und neben der Erfahrung, daß die SonntagSchristen-lehren in den Städten von Seite erwachsener Christen fast ganz vernachläßiget werdenuuv erstere sich in nicht recht zu billigender Weise an manchen Orten von der Kirchein die Schulzimmer zurückgezogen haben; seyen nun katcchetische Vorträge für Erwach-sene ein wahres Bedürfniß geworden.
Aber auch in der gegenwärtigen Zeitlage liege ein zweiter Hauptgrund zur Ab-haltung solcher katechetischer Vorträge für Erwachsene. Nun entwickelte der Katechetin längcrem Vortrage, wie die sittliche Verkommenheit mit der Verkommenheit imreligiösen Wissen auf das innigste zusammenhänge, und letztere erstere zur nothwen-digen Folge haben müsse. Und hierin liege der Hauptkeim der unheilschwangerenKrankheit unserer Zeit. Und je greller dieses Uebel unter den verschiedenartigstenFormen zn Tage trete, desto eifriger müsse man die Arznei bereiten, die eS zn hebenim Stande se». Und das sey eben in erster Reihe ein gründlicher Unterricht in denreligiösen Wahrheiten sür die erwachsenen Christen.
Wie wahr dieß s«y, müsse in die Augen springen, wenn man die drei Haupt-gesahren der Zeit für jeden Christen namhaft mache, welchen allen nur vor Allemdurch einen scstbegründetcn Unterricht in der Wahrheit auögewichen werden könne.Diese seyen aber: 1) die Glaubensgleichgültigkeit, die von den »reisten Christen hentzu Tage gleichsam schon mit der Muttermilch eingesogen werde; 2) die mächtige Flnthschlechter Schriften, welche im Dienste des Unglaubens uud des alle guteu Keime derReligiosität erstickenden Gcistcö der Zeit stehen; 3) endlich die Sittensäulniß, welchein der menschlichen Gesellschaft wie eine Pest um sich greife und alles Schwache hin-zuraffen drohe.
Die nähere Ausführung dieser drei Puncte können wir hier natürlich nicht geben,weil sie die Gränzen unseres Briefes überschreiten würde.