Dreizehnter Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
zur
Augsburger Pojheitung.
30. Oktober 1853.
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Hirtenbrief des Erzbischofs von BreSlau .
Heinrich,
durch Gottes Erbarmung und des heiligen apostolischen Stuhles Gnade Fürstbischof vonBreslau :c. ic., entbietet allen Priestern und Gläubigen seines BiSthumS Gruß und
Segen in dem Herrn!
Als mich einst der Herr durch die Stimme meines Bischofs aus dem stillen Thale hinwegrief, in dem ich durch neun Jahre die mir anvertraute Heerde friedlich gewei-det, da zitterte mein Herz rind ich flehete: Nimm, mein Heiland! diesen Ruf von mir,denn drückt schon die Schwere heiliger Pflichten auf meine schwachen Schultern in die-sem engen Kreise meiner Wirksamkeit, wie soll ich Größeres auf mich nehmen, wofürich weder Wissen noch Kraft habe. Der Herr aber nahm den Ruf nicht von mirund weinenden Herzens schied ich aus meiner Gemeinde und betrat die Kanzel derKathedrale mit dem Gruß: Mir ist bange, aber lch verzage nicht.
Wie gerecht meine Bangigkeit war, das haben die folgenden Zeiten, wie gerechtmeine Zuversicht, das hat Gottes barmherziges Walten in diesen Zeiten offenbart.Denn Ihr Alle wisset eS, geliebte Priester und Diöcesanen! durch wie schwere gewal-tige Jahre unser Weg geführt hat: Jahre, gezeichnet mit Schmach und Schmerz, mitBlut und Thränen, mit Ausruhr und Empörung; aber auch Jahre, gezeichnet mitden Gerichten deS Höchsten und der Verherrlichung seines göttlichen Namens in denSiegen seiner heiligen Sache auf Erden. Denn was die Bösen ersonnen zum Ver-derben der Guten und welche Gewalten frei gemacht und losgelassen worven sindwider den Fels des heiligen PetruS und welche Umwälzungen die Höhen erschütterthaben und die Tiefen in der Nähe und Ferne: die Kirche hat fest unv würdig gestan-den inmitten dieser Bewegungen und ihre Getreuen haben von Nenem die Verheißungerfüllt gesehen: „Siehe, Ich bin bei Euch durch alle Tage bis ans Ende der Welt."
So ist eine lange Reihe von Jahren in Arbeit und Mühe und heißen Kämpfenvorüber gegangen; mein Haar ist grau, meine Hand müde, mein Geist matt gewor-den, und doch ist abermal der Ruf des Herrn an mich ergangen durch die Stimmemeiner Brüder, die mich mit ehrendem Vertrauen an DiepenvrockS Grabe zu sei-nem Nachfolger erwählt haben. Hat mein Herz bei jenem ersten Rufe gezittert, soerbebte dießmal mein ganzes Wesen. Beugte mich damals das Gefühl meiner Schwach-heit im Hinblicke auf die Aufgabe, die mir geworden, so drückte mich dießmal dasBewußtseyn meiner UnWürdigkeit und Armseligkeit ganz und gar darnieder. Undbetete ich. damals: Herr, nimm diesen Ruf von mir: so klagte ich dießmal mit MoseSzum Himmel hinauf: „Herr, warum finde ich nicht Gnade vor Dir? Warum hastDu die Last dieses ganzen Volkes aus mich gelegt?" Der Herr aber hat mir durchseinen Stellvertreter auf Erden geantwortet: Unterwirf Dich dem Willen Deines Gottes,