347
Und wie rechtfertigt sich dieses Geständniß, sehe ich auf das große, weite Acker-land hin, daß ich hinfüro besorgen und überwachen soll. Ausgedehnt im Norden bisin die fernen Inseln der Ostsee , welche die blonden Nachkommen der alten Wendenbewohnen, wird es im Enden durch die hohen Züge der Sudeten und Karpathenbegrenzt. Es erstreckt sich im Osten bis an die alte Kirchenprovinz von Gnesen undPosen und berührt im Westen die apostolischen Vicariate von Sachsen und den nordi-sehen Missionen. Mehr als eine und eine halbe Million Katholiken bewohnen dieseweiten Länderstrecken, in welchen die deutschen Laute an einigen Orten bereits in dasWindische, an anderen in das Mährische übergehen, während mehr als siebenmalhundert tausend Gläubige Polnisch reden, ein armeS, vielgeprüftes, durch Choleraund Hungertyphus gelichtetes Volk, das der Sprache wie dem Glauben seiner VäterIren geblieben ist. Große und herrliche Tempel erheben sich aus diesem ausgedehntenAckcrlande GotteS zum Himmel, schöne Zeugnisse frommen GlaubenSeiferS längst ver-gangener Jahrhunderte; aber auch armselige Lehm- und Bretterhütten müssen an vielenOrten die Stelle der Kirchen vertreten, die kaum den kleinsten Theil dce Gemeindezu fassen vermögen, während die übrigen Gläubigen an Sonn- und Festtage», imSommer und Winter, in Wind und Wetter auf den Kirchhöfen gelagert, den Himmelzn ihrem Zelte, die Gräber der Dahingeschiedenen znm Schemel ihrer Kniee haben:ein rühren» Schauspiel treuer Gottesfurcht und GotteSliebe, das an die Verhältnissennd den Geist der ersten Christen erinnert. So auch machen die in entlegenen Gegen-den vereinzelten und zerstreuten Gemeinden oft schon bei einer Anzahl von zwei bisdreihundert Seelen die Abwartnng durch einen Priester nötbig, während Gemeindenvon drei, sechs, acht, ja sogar zwölstauseud Gläubigen nur einen Seelsorger gewinnen,der auch bei vollster Aufopferung nicht annähend zu leisten vermag, was die Kirchefür die Bestellung ihres Saatfeldes fordert. Und was soll ich sagen, denke ich andie armen verlassenen Gemeinden in der Mark und den nordischen MissionSkrcisen, dieohne Priester, ohne Kirchen und Schulen dahin leben, immer darbend am Brode desHeils nnd immer ohne Aussicht auf Abhilfe ihrer geistigen Noth? Waö soll ich sagen,denke ich an die Schule, diese Tochter der Kirche, welche sie geboren, durch langeJahrhunderte an ihrer Brust genährt und gepflegt und die wir rtun ihren Mutlerarmenso weit entrückt sehen! WaS von der Armuth so vieler Gemeinden uns den daraushervorgehenden Hindernissen, neue Pflanzstätten deö Heils und dcS Unterrichts aufzu-richten! Kann der Hirt unter solchen Verhältnissen und l>ei solchem Umfange derDiöcese im Hinblicke auf seine Hceide sagen: „Ich kenne die Meinen und die Meinenkennen mich?" Kann er die Seinen mit Namen rufen nnd sich deß getröstm: „sie hörenmeine Stimme und kennen sie und folge» mir?" Kaun er erfüllen, was mit mütter-licher Weisheit und Sorgfalt die Kirche fordert: daß die Hirten in dem Zeitraumevon zwei Jahren alle ihre einzelnen Heerden heimsuchen? Ach, so gern nnd überallfür die Sache Jesu Christi wirken, der Kirche den Sieg gewinnen, die Heiligung derBrüder schaffen wollen, und bei aller Arbeit, allen Mühen und Kämpfen ohnmächtigvor den Schranken stehen, welche die Gewalten der Welt und ihrer Verhältnisse unsentgegenstellen, das ist mehr als schwer, das nagt am Innern, ras frißt am Herzen.Und doch sind das die Kümmernisse, die mich begleiten, die Sorgen, die mich Tagund Nacht verfolgen, ras langsame Märiyreithum, an dem stil! aber schmerzlich dasLeben verblutet. Soll ich nun und darf ich im Hinblicke ans ein solches Gebiet meinerWirksamkeit nicht klagen: Mir ist bange?
> Werfen wir endlich unsern Blick auf die Zeit, in der ich berufen bin, das Hirten-amt zu üben und auf ihre Erscheinungen: habe ich dann weniger Veranlassung zurBangigkeit? Geliebte! dte Zeit ist krank, und schwer krank. Und warum ist sie krank?Weil sie das Brod des HeileS von sich gewiesen, weil sie mit ihrem Lieben und Lebensich an die Kreatur gehangen und in dem alten Hochmuthschwindel den Menschen andie Stelle GolteS gesetzt hat. Ohne den Glauben, den uns Christus vom Himmelgebracht; ohne die Liebe, die allein aus diesem Glauben geboren wird; ohne die Hoff-nung, die zu einer überirdischen Heimath Geist und Herz erhebt, ist sie mit ihrem