Ausgabe 
13 (30.10.1853) 44
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ganzen Schwerpuncte in die Sinnenwelt versunken, und noch nie, seit daS Christen-ihum der tiefen Sehnsucht des Sterblichen die Aussicht aus der Zeit in die Ewigkeitausgelhan, ist die Herrschaft deS Fleisches eine so große und allgemeine gewesen als inunsern Tagen, Wer diese Behauptung hart findet, der wende seine Blicke hin ausdas Wesen und Walten der Kinder dieser Welt und beobachte, worauf ihr Sinnenund Trachten, ihr Mühen und Arbeiten, ihre Opfer und ihre Begeisterung, ihre Künsteund ihre Wissenschaften gerichtet sind- Alles wird er im Irdischen beschlossen, wasdarüber hinausgeht als Schwärmerei, wenn nicht als Wahn und Heuchelei verachtetfinden. Daher die Scheu vor jeder Störung in diesem Sinnentaumel und vor jederMahnung an daS, was droben ist; und daher der Widerwille gegen die Kirche, dieFurcht vor der Entfaltung ihrer geistigen Macht, der Aufwand so vieler Künste undMittel zu ihrer Niederhaltung; daher auch kein Friede mit ihr, eS sey denn unter derBedingung, daß sie sich selbst aufgäbe und sich ihre Lehre, ihre Gesetze und ihrenKnll von dem Geiste der Welt vorschreiben ließe. Entgegnet mir nicht mit dem altenEinwürfe des Leichtsinnes und der Flachheit, daS dieß Alles schon dagewesen sey undAlles sich nur wiederhole im Leben; denn jede Zeit hat ihren Geist und Charakter.Saget nicht: das Fleisch hat immer sich aufgelehnt wider den Geist und die sinnlicheNaiur immer ihre Macht geübt; denn daö soll nicht gcläugnet werden: aber die Er-ziehung zur Sinnlichkeil, die Predigt der Sinnlichkeit, das Schwimmen in dem Meerever Sinnlichkeit, dabei des Menschen Haupt ganz und gar vom Himmel hinweg undallein auf die Erde gerichtet wird, die er nur mit seinen Füßen berühren soll dasgehört unserer Zeit, Saget auch nicht: es hat immer Irrthümer gegeben, die ihrejünger gehabt und ihren Anhang gewonnen haben; denn daS soll nicht geläugnet wer-den: aber der Schutz des Irrthums, die Gleichberechtigung des Irrthums mit derWahrheit, die Verbreitung des Irrthums durch alle Schichten der Gesellschaft daSgehörc unserer Zeit. Saget auch nicht, eS hat immer Verbrechen gegeben und Ver-brechen der rohesten, himmelschreiendsten Art; denn das soll nicht geläugnet werden:aber die Bußfertigkeit des Verbrechens, die Vertheidigung des Verbrechens, der Stolzdes Verbrechens, das Hinauflügcn des Verbrechens zur Tugend daS gehört unsererZeit. Saget endlich nicht: eS hat immer Empörungen gegeben wider Gott , wider dieKirche, wiver die Fürsten und rechtmäßigen Gewalten; denn auch das soll nicht geläugnetwerben: aber der in civilisirten Staaten geduldete Herd der Empörung, die systematischeOrganisation der Empörung, die Beschwörung dieses SatanSengels, der feig und frech,zügellos und tyrannisch, glaubenölcer und fanaiisck, Lebensfähiges nicht zu schaffen undLebensfähiges nicht zu duldcu vermag daS gehört unserer Zeit. Meine Lieben! solcheZeit ist krank und leidet an Uebeln, welche nicht nur einen bedenklichen Widerwillen gegenalle gesunde Nahrung, sondern auch ein gefährliches Verlangen nach schädlichen Stoffenim Ge>olge haben uns die endlich in beillose Krämpfe ausschlagen und auSschlagen müssen.Den schauerlichen Aufang dieser krankhaften Bewegungen haben wir gesehen. Und auchdaö haben wir gesehen, wie, die bis dahin daS große Wort geführt und als die Heilkünstlerund Aerzte der Gegenwart sich erachtet, bei dem unerwarteten Tumulte zuerst Blick undMuth und Kraft verloren und in der Angst ihres Herzens die lang verachtete Kirche alsRetterin in der Noth begrüßten oder sie doch schweigend gewähren ließen. Darum hat sichder Herr noch einmal erbarmt, uud hat, waS der Ansang einer furchtbaren Katastrophe inder Weltgeschichte zu werden schien, zu einer bloßen, wenn auch erschütternden und blutigenHinweisnng aus seine Gerichte werden lassen, die hereinbrechen müssen: Wenn dieses Ge-schlechtmit sehenden Augen nicht sieht und mit hörenden Ohren nicht hört." So sind dieWetter der Heimsuchung zurück getreten, die gefährlichen Bewegungen äußerlich beruhigetuns die beäugstigenden KrankheitSzeichen unterdrückt worden! Ist darum das Uebel geho-ben? oder doch für eine gründliche Heilung die Kur begonnen? Ist der rechte Arzt gewählt?Ist die Kirche mit der Freiheit und den Mitieln ausgestattet, deren sie bedarf, um Glauben,Gottesfurcht und Treue in die Herzen der Menschen zurück zu führen? Geliebte Priesterund Diöcesanen I Es ist hier nicht der Ort, nnt entscheidenden Urtheilen vorzutreten überdaö, was geschehen oder nicht geschehen ist zum neuen Ausbau des alten VölkcrheileS; aber