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es ist die Zeit und der Ort, Euch Allen die Mahnung in die Herzen hinein zu rufen: Blicketnach oben und fragt Euch — ein Jeder vor Gott : WaS habe ich gethan seit jenen Prü-fungstagcn, daß der Glaube deS Gekreuzigten wachse, daß sein göttlicher Name verherr-lichet, daß seine heilige Kirche erkannt, daß mein Kaiser und Herr geehrt, daß Gesetz undOrdnung geachtet werde? Unv auch dafür ist hier der Ort, Euch offen zu gestehen? wiedie Zeichen nun einmal sind am Himmel und auf Erden, so blicke ich mit schwerer Sorgein die Zukunft und zittere vor der Kurzsichtigkeit derer, die in den übel verhehlten Anschlä-gen der Bosheit, in den durch die Länder zuckenden Bewegungen, selbst in den gegen dieFürsten erhobenen Dolchen keinen Gründ finden, sich in der bequemen Ruhe stören zu lassen,mit welcher sie eben so wie vor dem Jahre 18-48 in die kommenden Tage blicken. Und ichzittere vor der Macht der wachsenden Armuth und ihrer Abwendung von Gott und ihrerPriesterverhöhnung auf den Straßen und ihrer Religionsverspottung in den Werkstätten.Und ich zittere vor den Fortschritten deö DiebstahlS, des Tempelraubes, der UnkeuschheitS-siindcn, des Mordes, teeren Opfer die Gesängnisse nicht mehr fassen, die alljährlich innie gekanntem Umscmge erbaut werden, Und ich zittere vor der Kaltblütigkeit, mit welcherdiese Verbrechen begangen werden; vor der Fühllosigkeit, mit welcher die Schuldigen selbstden Strafacl zu einem moralischen Aergernisse machen; vor der Gleichgiltigkeit, mit derman alle diese Erscheinungen an sich vorüber läßt. Und ich zittere vor dem Wahne, der sotief innere Uebel äußerlich heilen zu können vermeint; vor der Blindheit, die, statt die ge-sunden Kräfte zu einen, sie in heilloser Selbstsucht spaltet; vor der Unduldsamkeit, die indieser drohenden Zeit die Tiefen konfessionellen Hasses zum verderblichen Abgrunde aus-höhlt und die sichere Retterin, die Kirche, mit den Wolken deS Mißtrauens umhüllt, ja amliebsten in ihrer segensvollen Wirksamkeit hemmen möchte. Darum zittere ich und trete zuEuch mit dem Gruße: Mir ist bange
(Schluß folgt.)
Zur katholischen Generalversammlung in Wien .
Rede des Herrn Legation Sraths Dr. Moritz Lieber aus Camberg .Gelobt sey Jesus Christus!Eminenz, Herr Cardinal, hochwürdigste und hochwürdige Herren, hochansehn-liche Versammlung! Sechs Generalversammlungen deS katholischen Vereines Deutsch-lands habe ich angewohnt; bei keiner einzigen fehlte eS uns an Veranlassung zu denernstesten Betrachtungen; aber ich darf Sie nur an die jetzt in mehreren Diöcesen deSsüdwestlichen Deutschlands schwebende kirchliche Lebensfrage erinnern, und Sie begreifen,daß ich zu keiner der vorhergegangenen Versammlungen eine so eigenthümlich ernsteStimmung mitgebracht habe, als zn der gegenwärtigen siebenten, zu welcher die Kaiser-stadt uns ihre gastlichen Thore geöffnet. — Besorgen Sie indessen nicht, daß ichunter dem Einflüsse dieser Stimmung Sie ein vielleicht allzuwarmeS Wort der Klage,oder gar Anklage über die Zustände in jenen deutschen Ländern werde hören lassen!O nein! Wohl weiß ich, daß, nachdem der blutige Vernichtungskampf deS antikenheidnischen Staates gegen die Kirche deS Mensch gewordenen SohneS Gottes mit derBegründung des christlichen Staatenelementes geendigt hatte, die Blätter der Kirchen-geschichte, die ja in jedem Jahrhundert die mannichfaltigsten Kämpfe unserer heiligenKirche aufzuzeichnen gehabt, einen Kampf von der Tragweite deS heute in jenen deut,sehen Gebieten zu Tage Getretenen nirgend berichten; — wohl weiß ich, daß, wäh-rend eS dort allemal nur um die Usurpation einzelner Rechte der Kirche sich gehandelt,hier Princip gegen Princip auf die Spitze gestellt, ein anderer Kampf um Seyn oderNichtseyn der Kirche gekämpft, daß gerungen wird um die Entscheidung der großen,der wahren Lebensfrage: ob das xesammte Regiment der Kirche Christi, die Bewah-rung und Ausbreitung seiner göttlichen Lehre, die Verwaltung der in seiner Kirchehinterlegten Gnadenmittel, die geistliche Jurisdiktion über die Gläubigen, welche er mitseinem Blute sich erkauft; ob, sage ich, vaS gesammte Kirchcnregiment den Händenderer, die der Mensch gewordene Sohn Gottes dazu angeordnet und gesetzt hat für