Ausgabe 
13 (30.10.1853) 44
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Aber, meine hochverehrten Vereinsgenossen und Freunde, wie der Mensch glaubt,so lebt er auch; und die öffentliche Sitte ist nur das im Leben sich ausprägende Ge-wissen der Menschen, Hat man aus diesem Gewissen erst den Glauben an die gött-licke Autorität der Kirche ausgemerzt und für das sittliche Verhalten des Menschendessen eigene Vernunft als alleinige Autorität proclamirt, so werden die Tage nichtausbleiben, wo er auch für sein bürgerliches Verhalten keine höhere Autorität als diesenämliche Vernunft gelten lassen, keinen andern König als sie über sich wird aner-kennen wollen. (Beifall.) Und wir haben sie eintreten gesehen diese Tage,haben den Geist der Verneinung sein letztes aber schauerliches Wort, sein wahresLosungswort: Anarchie! ansrnfen gehört.

Doch mitten in die Nacht einer Alles bedeckenden Finsterniß sandte der allmäch-tige Gott einen Lichtstrahl seiner Barmherzigkeit; das Wehen seines heiligen Geisteszündete in Klerus und Volk, und durch alle Schichten der Gesellschaft begann es sichzu regen in mächtiger Glaubenssehusucht; alle Herzen wandten sich wieder nach demMittelpuncte des Glaubens unst der kirchlichen Einheit, nach Rom , und alle Blickeerhoben sich flehend zum Himmel, daß er dem versumpften Geschlechte wieder aufhelfenmöge durch die Segnungen seiner heiligen Kirche Und Bischöfe und Priester wett-eifern in glaubenstreuer Hingebung an das katholische Volk, um zu retten, was nocherübrigt aus den Trümmern, und wieder neu zu schaffen, wenn auch nur erst inden spärlichsten Anfängen, was der verheerende Strom Alles mit sortgerissen undverschleudert hat. Und sehen Sie, das ist am Ende die Bedeutung des heuteobwaltenden Kampfes, oder wenn Sie wollen, der Kämpfe, deren hier Erwähnunggeschehen, daß die Verwüstung und die Dürre eine bleibende, der Wiederaufbau unddie Verjüngung nicht gestattet, oder doch eingeschränkt seyn soll.

Werfen wir nun einen Blick auf die materielle Entwickelung in der genanntenZeit; wie hal seit fünfzig Jahren Alles um uns her sich veräudertl Der übermenschlicheAufschwung der Naturwissenschaften, Physik, Chemie, Mathematik, Mechanik, häuft Wunderauf Wnnder. Der schaffende Gedanke hat bewegende Kräfte und CommunicationS-mittel von bisher unerhörter Macht nnd Ausdehnung gefunden. Bald wird die ganzeWelt nur mehr eine große Stadt, und ihre Quartiere nach den verschiedenen Meerenzu bezeichnen seyn, über welche man mit der Schnelligkeit deS Blitzes auf Feuerbrückenhinübereilt: die äußersten Enden des Erdballs sind wie die Vorstädte, und auch derbequemste Philister wird verhöhnt zu werden fürchten, entschließt er sich nicht, wenig-stens einmal im Leben eine Reise um die Welt zu machen.

Die Einen sehen mit Bangen und Schrecken auf eine so riesige Entwickelungmenschlicher Kräfte, während die Anderen nicht müde werden, davon zn reden mit derganzen Ueberschwä'nglichkclt des Entzückens. Die Einen wie die Andern haben Rechtund Unrecht: es ist Alles zu hoffen uiw Alles zu fürchten; je nachdem der leitendeGedanke in aller der Kraftentwickeluug der höheren Richtung folgt, over aber derniedern, d. h. der Verherrlichung des Schöpfers, oder der menschlichen Jchheit; jenachdem es gilt, das Reich Gottes auf Erden zu erweitern, oder bloß die Herrschaftirdischer Gelüste und Begierlichkeiten.

Daß in Mitte dieser allgemeinen Umwandlung die Kirche Christi unverändertbleibt sowohl in der Lehre, als in der Verfassung, die ihr gegeben ist von dem, derda war und ist und seyn wird, darüber ist, zumal unter uns, kein Zweifel: aber eSgilt, aus Lehre und Versassung der Kirche die wahre, sittliche Kraft zu schöpfen.

Die Glaubenslehre der Kirche Christi ist das Schienengelcise, auf welchemdie Menschheit sich zu bewegen hat; aus welchem sie nicht ausweichen darf ohne dieGefahr einer Katastrophe, die um so schneller und schrecklicher eintreten würde, jeblschluinigter allerwärts die Bewegung ist. Alle Wissenschaften müssen hier, wie ebenso viele Zweigbahnen, einmünden in die eine große Hauptbahn, die vom Menschenausgehend zu Gott sich erhebt; dieweil alle sogenannte Wissenschaft, die nicht, ihrerUnvollkommenheit sich bewußt und demüthig zu Gott, dem höchsten Ziel und Endealles Wissens, hinanführt, nur ein stolzes, unvollkommenes Wissens-Stückwerk ist;