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Verbreitung des Christenthums. Gotr hat die Wissenschaft der Welt dnrch die Ein-falt deö Glaubens, die Macht der Welt durch die Schwachheit der Sanftmut!) undGeduld, die Hoheit der Welt durch die dunkle, verachtete Demuth überwunden; damit,„wer sich rühmt, sich in dem Herrn rühme," und Alle erkennen, „daß Christus unsworden ist zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung." Wird meineSchwachheit mich ängsten, wenn Christus meine Stärke ist? Wird meine Einfalt michzaghaft machen, wenn Christus mejne Weisheit ist? Werde ich trostlos znrückbebenvor Leiden und Drangsalen, wenn hoch über allem Leid und aller Drangsal das Zielwinkt, dahin der Weg führt, den ich Euch vorangehen soll. Nein, meine Lieben, estönt vielmehr belebend und ermmhigend das Wort in mein Herz, das der Herr einstdurch den Mund des Jsaias gesprochen: „Fürchte dich nicht, denn Ich bin bei dir;weiche nicht, denn Ich bin dein Gott: Ich stärke dich nnd helfe dir, und die Rechtemeines Gerechten hält dich." Darum rufeich mit dem Apostel: Ich verzage nicht.
Oder hat der Herr sich nur an seinen Aposteln groß und herrlich bezeugt undhaben mit ihnen die Wunder seiner Gnade in der Kirche ausgehört? Blicket, ich bitteEuch, in den weiteren Verlauf ihrer Geschichte und hört was Tertullian sagt, dersich am Ende des zweiten Jahrhunderts zum Christenthum bekehrte: Wir „sind vongestern" schreibt er in seiner Apologie, „nnd schon erfüllen wir AlleS: Eure Städte,Inseln, Burgen, eure Frciorte, Versammlungen, Feldlager, eure Tnbus und Dekurien,den kaiserlichen Palast, den Senat, das Forum; nur eure Tempel besuchen wir nicht.Das Blut der Märtyrer" — sagt er weiter — „ist der Samen der Christen. Jeöfter man unö, gleich einer Ernte, abschneidet, desto mehr nehmen wir zu?" Betrachtetsodann den Weg der Kirche in spätern Jahrhunderlen. Immer leiden, immer kämpfenund immer siegen — ist ihr LooS. „So lange sie hier in der Fremde wandelt," sprichtder heilige Augustin, „geht ihre Laufbahn stets zwischen den Verfolgungen der Weltauf der einen und deu Tröstungen Gottes auf der andern Seile dnrch alle Zeilfolgenbis an das Ende der Welt." Ruhen äußere Verfolgungen, so drohen ihr größereGefahren durch innere Erschütterungen. Hat sie nicht an Aergernisse» zu leiden, sodringen die Pfeile des Unglaubens auf sie ein. Erhebt der Hochmuth falscher Wissen,schafr sich nicht wiver sie, so muß sie um ihre äußersten Lebensrechte streiten. Sieist im Kampfe alt worden, aber das Alter hat sie nicht schwach gemacht. Ihr An-gesicht ist mit Narben bedeckt, aber die Narben haben ihre Würde erhöht. Sie istihrer Reichthümer beranbt worden und die Armen weinen darum, sie selbst aber fühltsich noch eben so reich als in den Tagen ihres Besitzes. Ihr Glanz ist verdunkelt,ihr Einfluß geschmälert, ihre Wirksamkeit durch künstliche Schranken beengt worden,und das hat die Folgen gehabt, an denen wir jetzt leiden; sie selbst aber segnet fort,wie sie kann und schaffet Heil überall, wo' sie Herzen dafür findet. Ihr sichtbaresOberhaupt ist mehr als einmal ans seinem rechtmäßigen Erbe vertrieben, aber seineVaterstimme aus der Verbannung mit derselben Ehrfurcht gehört worden, als von denHohen des Vatikans. Nicht Foltern, nicht Scheiterhaufen, nicht wilde Thiere allein,auch Philosophen, Redner, Dichter, Politiker haben sie zu überwinden gesucht, abersie sind abgetreten von ihrem Schauplatze und die Kirche ist geblieben. Ihr Ende istverkündet, ihr Grabgeläutc angestimmt, ihre letzte Slunde mit Zuversicht erwartet wor-den, aber sie überleb! alle ihre Feinde. Viele kräftige Staaiskörper, viele mächtigeRegentenhäuser, viele blühende Völker und Nationen sind an ihr vorübergegangen; sieaber steht noch eben so kräftig und fruchtbar da, als in den Zeiten ihrer Jugendund nach achtzehn Jahrhuuderlen zeigt sie uns noch dasselbe ruhige erhabene Antlitz,in dessen Augen wir wohl Thränen sehen können über die Verblendung der Menschen,aber keine Furcht vor den Gewalten der Welt. In dieser Kirche Dienste stehe ich,für dieser Kirche Sache arbeite ich, dieser Kirche Bischof zu seyn in Eurer Mitte blnich berufen: werde ich bangen, wenn die Wolken trübe und drohend um mein Hauptsich sammeln? Und gälte es in solcher Aufgabe daS Leben einzusetzen: „Wer sein Lebenalso verliert, der wird gewinnen" — spricht der Herr, darum wiederhole ich desApostels Wort: Ich verzage nicht.