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wir untersuchen, mit welchem Rechte die Gewalt der Kirche sich begründete, müssenwir zuvor die Naiur und den Umfang dieser Gewalt kennen, ohne das man unmög-lich das Recht der Kirche würdigen könnt-.
Die Natur einer Gewalt bestimmt sich nach ihrem Gegenstande. Der Gegen-stand der Gewalt der Kirche ist nun deutlich in den berühmten Worten ausgedrückt:„geht, und lehrt alle Völker, und taufet sie im Namen des Vaters, SohneS undheiligen Geistes, und lehret sie halten die Gebote, die ich euch gegeben habe."(Matth . 23, 19). Lehret die Wahrheit, verbreitet die Gnade, lehrt, die Tugend zuüben, die Wahrheit, eine unsichtbare und geistige Sache, von der wir nichts inder Sinnenwelt sehen, die uns umgibt, die Gnade, ihrer Natur nach eine eben sounsichtbare und geistige Sache, die Tugend, virtus, daS, waS den Mann macht,vir, eine gleichfalls unsichtbare und geistige Sache, obgleich sie sich in Thaten äußert,weil sie ihr Princip und ihren Grund in der verborgenen Tiefe deS Gewissens hat.Die Wahrheit, Gnade, Tugend, das sind die drei Gegenstände der Macht der Kirche.
Was den Umfang dieser Gewalt betrifft, so hängt sie von der Thätigkeit ab,denn das, was eine Gewalt um sich herum ausübt, macht auch daS Maaß der Aus-dehnung aus. Diese Thätigkeit nun, in ihrem Maaße und in ihrer Größe, bestimmtsich nach den Mitteln, welche die Macht anwenden muß, um ihr Ziel zu erreichen.Die Kirche, beauftragt, die Wahrheit, die Gnade und die Tugend zu verbreiten, kanndieser Mission nur nachkommen durch Anwendung von fünf Mitteln. Die Wahrheitbraucht die freie Verkündigung des heiligen Wortes, die Gnade wird uns mitgetheiltdurch freies Darbringen des Opfers und die freie Spendung der Sacramente, dieTugend entwickelt sich durch freie Aeußerung ihrer Thätigkeit, und endlich, nichtskann ausgeführt werden ohne ein Priesterthum, daS stets die Wahrheit verkündet, dieGnade austheilt, zur Tugend ermahnt, also nichts ohne die freie Fortdauer der prie-sterlichen Hierarchie. Die Gewalt der Kirche, ihrem Umfange oder ihrer Thätigkeitnach betrachtet, denn es ist dasselbe, besteht also in der freien Verkündigung deSEvangeliums, in dem freien Darbringen deS OpferS, und in der freien Verwaltungder Sacramente, in der freien Uebung der Tugend, und in der freien Fortdauer derHierarchie der Kirche.
Wenn man also sragt, mit welchem Rechte die Kirche der Gewalt der Cäsareneinen Theil dieser Gewalt nahm, so heißt daS, mit welchem Rechte wurde die christ-liche Freiheit begründet. Denn die Kirche hat den Kaisern nicht die innere und gött-liche Macht der Gnade geraubt, sie hatten dieselbe nicht, sie kam in keinen Streitmit ihnen, als wegen der äußern Gewalt, der Gewalt der Freiheit. Die Fragezwischen Kaiser und Kirche kommt also darauf hinaus, mit welchem Rechte wurde diechristliche Freiheit begründet?
Ich antworte zuerst: durch ein göttlich Recht. Es war in der That keine Er-laubniß der Fürsten , durch die uns gestattet ist, die Welt zu unterrichten. Nicht dieKaiser, sondern Christus sagte zu unS: „gehet und lehret alle Völker." Nicht dieKaiser, sondern Christus sagte uns: „lasset die Sünden nach, waS ihr auf Erdenlösen werdet, soll auch im Himmel gelöset seyn." ES waren nicht die Kaiser, son-dern Christus, der zu unS sagte: „kreuzigt euer Fleisch mit seinen Fehlern und Be-gierden." Es waren nicht die Kaiser, sondern Christus, der uus sagte: „empfangetden heiligen Geist." Deßwegen haben wir unsere Freiheit auch nicht von Kaisern,wir haben sie von Gott, und deßwegen werden wir sie auch behalten, weil sie vonihm kommt. Die Fürsten können sich wohl vereinigen, um die Vorrechte der Kirchezu bekämpfen, sie können dieselben mit Namen brandmarken, wodurch sie gehässigwerden, können sagen, daß eS eine Macht ist, die alleS Maaß überschreitet und dieStaaten zu Grunde richtet, sie mögen das sagen, wir fahren fort, die Wahrheit zuverkünden, die Sünden zu vergeben, die Laster zu bekämpfen, den Geist GotteS mit-zutheilen. Schickt man unS in die Verbannung, wir werden eS gerade so in derVerbannung machen; wirft man uns in Gefängnisse, wir werden eS so in dem Ge-fängnisse machen; verstößt man uns zu den Bergwerken, wir werden eS so in den