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Bergwerken machen; verjagt man uns auS dem Reiche, wir werden in ein anderesgehen. ES wurde zu n»S gesagt, daß bis auf den Tag, wo ein Jeder wird Rechen-schaft geben müssen von seinen Werken, wir die Reiche der Erde nicht ermüden werden.Aber, wenn man »ns überall verjagt, wenn die Macht des Antichrist sich auf derganzen Erde ausbreitet, dann werden wir, wie zu Anfang der Kirche, auf die Grä-ber und in die Karakomben fliehe». Und wenn man uns auch bis dahin verfolgt,wenn man uns auf das Schaffst schickt, so werden wir in jedem edlen Herzen eineletzte Zuflucht finden, weil wir nie verzweifelt haben an der Wahrheit, Gerechtigkeitund Freiheit des Menschengeschlechts.
Ich sage, die Freiheit des Menschengeschlechts, denn wem wurde die christlicheFreiheit gegeben? Wem hat Christus sie als Erbtheil mit seinem Blute hinterlassen?Allen, und besonders den Armen, Niedrigen, Unglücklichen. Man spricht stets vonneuen Theorien der Volksbildung, von agrarischen Gesetzen, von Rechten des Volkes.Wohlan! das ist sein Erbtheil! Ihr, ihr habt den Credit, die Wissenschaft, Pracht,Ehren und die Vergnügungen dieser Welt;, Gott konnte oder wollte diese nicht Allengeben, es liegt auch wenig daran, aber Allen gab er sein Wort. Wollt ihr denen,die nichts haben, das Recht nehmen, es anzuhören? Wollt ihr ihnen dieses Wortnehmen: „selig sind die Armen! selig sind, die da weinen!" Gebt Acht, daß, indemihr es ihnen nehmet, ihr es euch selbst nicht nehmet. Früher oder später wird dieWelt euch verlassen, und dann werdet ihr froh seyn, wenn ihr die Freiheit desKreuzes findet. Das Kreuz ist der Schutz des Armen, aber es ist auch das Letzte,was Könige in Händen halten. Haltet es in Ehren bei Andern aus Rücksicht aufeuch selbst.
Ich sage also, daß die christliche Freiheit, welche die Gewalt der Kirche bestimmt,in ihrer äußern Beziehung von Gott kommt, und daß sie das Erbgut des Menschen-geschlechtes ist. Ich füge bei, daß sie ein natürliches Recht ist, weil sie nur dasMittel ist, die Wahrheit zu verbreiten, und die Gnade und Tugend, drei Dinge, dieman dem Menschen nicht nehmen kann, und die wesentlich frei sind, gegenüber jederweltlichen Macht.
Die Wahrheit ist auch in der That, um mit ihr anzufangen, eine Sache, dieNiemand angehört, auf die kein Fürst Anspruch machen kann, wie auf sein Eigen-thum, die Wahrheit gehört Allen, und es gibt kein Recht gegen sie, die die Quellealler Rechte ist. Welches Recht könnte man doch gegen die Wahrheit haben? Etwazu hindern, duß sie nicht bekannt würde? Aber dieses Recht würde die Auflösungder Gerechtigkeit in sich schließen, denn die Wahrheit ist das Recht Aller, weil derMensch ein verständiges Wesen ist. Ohne Zweifel drück- sich die Wahrheit im Worteaus und geht in dasselbe über, aber das Wort, das nur Wahrheit ausdrückt, ver-einigt sich mit ihr, das Wort ist mitgetheilte Wahrheit, das heißt, Wahrheit, dievon ihrem Rechte Gebrauch macht, sich mitzutheilen. Will man etwa sagen, daß dieWahrheit zwar in ihrem Rechte ist, sich mitzutheilen und daß es zwar kein Rechtgegen sie gibt, aber daß die Fürsten das Recht haben, zu unterscheiden, was Wahr-heit und Recht ist? Würde auch dieses Recht der weltlichen Macht zukommen, sowürde daraus gegen die Kirche nichts folgen, welche die Wahrheit und die Trägerinder Wahrheit ist; aber es braucht viel, um nur so geradezu sagen zu können, daßdas Recht, die Wahrheit und den Irrthum zu unterscheiden, der weltlichen Machtangehört. Diese Macht ist zusammengesetzt ans einer gewissen Anzahl Menschen, dienicht unfehlbar sind, und welche nur bestätigen können, daß diese und jene Sacheihnen wahr oder falsch scheint, daß Dieß und Jenes für den Staat nützlich oderschädlich scheint, ohne daß sie das Recht haben, ein verbindendes Urtheil über dieWahrheit oder den Irrthum zu fällen. Keiner kann in seinem Gewissen gehalten seyn,das zu glauben, was die weltliche Macht glaubt, und deßwegen kommt das Recht,die Wahrheit von dem Irrthume zu unterscheiden, ihr auch nicht zu; denn käme ihrdieses Recht zu, so wäre jeder Bürger in seinem Gewissen verbunden, an den AuS-spruch sich zu halten, den sie gethan hätte. Wer würde nicht bei dem Gedanken an