Ausgabe 
13 (18.12.1853) 51
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denselben Zweck verfolgen. Wenn die geistige und weltliche Macht nie uneinig werdenwegen ihrer Befugniß, dann wäre dieser Zustand der Dinge vielleicht zu ertragen.Aber Jeder weiß, daß, obwohl es viele Sachen gibt, die rein geistlicher Natur sind,und viele andere, die rein weltlicher Natur sind, eS doch mehrere gemischter unddunkler Natur gibt, die ein Gegenstand ewigen Streites zwischen beiden Gewaltensind. Die Geschichte ist voll von Beispielen dieser Art. Bald hat die Kirche, bald-die weltliche Macht den Sieg davon getragen, blutige Klagen bezeichnen die Annalen,der Kirche und der weltlichen Gewalt. Welches Mittel steht zu Gebot, wenn ein,solcher Streit sich erhebt, um ihn friedlich beizulegen? Wer soll beide Parteien richten,da beive unabhängig sind, und keinen höhern Richter haben? In diesem Falle ent-scheivet zwischen den weltlichen Gewalten der Krieg. Soll auch dieser entscheiden zwi-schen der weltlichen und geistlichen Gewalt? Wenn die Kirche Krieg führt, dann hatsie nicht allein ihre Kraft in der göttlichen Gnade und Ueberzeugung, und die katho-lischen Staaten sind stets von einem Kriege bedroht. Wenn aber nicht der Kriegentscheiden soll, wer soll entscheiden?

Wir bemerken zuerst, daß Streit der gegenwärtige Zustand der Menschheit ist,daß das Böse und das Gute, das Fleisch und der Geist, Reiche gegen Reiche, Ideengegen Ideen in einem steten Kampfe sich befinden, und daß daraus die Ordnunghervorgeht. Die Ordnung ist nichts, als eine Vereinigung verschiedener Elemente,und je mehr die Harmonie aus Gegensätzen besteht, desto größer ist der Triumph derOrdnung, desto mächtiger zeigt sich ihre Kraft. Wundern wir uns also nicht, daßGott mit der Begründung seiner Kirche eine Art Dualismus in die Gesellschaft ge-bracht hat. Jede Gewalt wird nur begränzt durch eine andere, und daS Wunder-bare ist nur, daß die geistige Gewalt, welche die weltliche Gewalt begränzt, diese aufeine unerschütterliche Basis zurückführt. Nie haben die Fürsten länger gelebt, nielänger der Liebe der Nationen sich erfreut, die sie regierten, als seit Begründung derKirche, und in dem Maaße, als man die Kirche sich in einem Staate befestigen sieht,in dem Maaße sieht man auch die weltliche Gewalt geachtet, wie man sie ande-rerseits gedemüthigt sieht, wenn die Kirche ihren Einfluß verliert.Thatsachen lassen darüber keinen Zweifel zu. Da Gott die Kirche gründete, sorgteer nicht blos für menschliche Freiheit, sondern auch für den Schutz des menschlichenAnsehens. Man kann sagen, waS TacituS von Nerva sagte:sie hat die Freiheitund Herrschaft vereinigt." Wenn man nach dem Grunde fragt, so wird man finden,daß eS der Kirche eigen ist, allen Rechten Ehrfurcht zu verleihen, indem sie dieWahrheit kennen und achten lehrt, weswegen auch alle Rechte, der Fürsten , wie derVölker, in ihr eine Stütze haben.

WaS nun den Streit betrifft, der sich zwischen den zwei Mächten wegen zwei-felhafter Materien erhebt, so wollen wir zuerst bemerken, daß die Fundamentalrechteder Kirche so klar sind als die Sonne, und daß in gemischten Fragen beive Gewal-ten sich verständigen können durch Concordate und gegenseitige Concessionm, daß dieKirche, welcher keine bewaffnete Macht zu Gebote steht, auch nie gewaltsam eine Un-gerechtigkeit begründen kann. Das ist das große Vorrecht der Kirche auf Erden, siekann nicht bewaffnet'Unrecht thun. Wenn sie handelt, geschieht es immer in Ueber-einstimmung der Völker und Fürsten , unter dem Schutze der Freiheit und deS öffent-lichen Rechtes. Ich gebe zu, daß die weltliche Macht in der Lage ist, ihre Gewaltgegen die Kirche zu mißbrauchen, aber die Kirche wird ihr nur zwei Vertheidigerentgegensetzen, daS Martyrthum und Gott; das Martyrthum, das eher den Todduldet, als daß es die der Kirche von Gott gegebenen Rechte vergibt, Gott, der ihrGründer, Führer, Beschützer ihrer Schwachheit in der Welt ist, und welcher ver-sprochen hat, sie nicht zu verlassen. Die Geschichte bietet hinlänglich Beispiele, undman könnte auf neuere Thatsachen verweisen, die Jeder weiß. Was war PiuS VII. gegen Napoleon? Und dennoch hat PiuS VII. gegen den Herrn der Welt allein mitder Kraft seines Gewissens gckämpft, und hat ohne Waffen den besiegt, dem Armeenzu Gebote stauden-