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Wenn man fragt, wer zwischen der geistlichen und weltlichen Gewalt entscheidensoll, so vergißt man, daß ein Gott lebt, der die Welt regiert, und man verlangt eineLösung, die) wenn sie wirklich ohne göttliche Vermittlung möglich wäre, Gott seinerOberherrschast über die Welt entsetzen würde. Gott ist es nothwendig, auf den AlleShinausläuft, und er offenbart seine Thätigkeit durch Ereignisse, die die Gestalt derJahrhunderte verändern, und die den besondern Charakter einer unerwarteten Gewaltan sich tragen, an der man sie leicht erkennen kann.
Es besteht also gegen die katholische Kirche kein Grund des Mißtrauens unddes HasseS wegen ihrer wirklichen Begründung in Mitte der Gesellschaft in Raumund Zeit. Sie hat AlleS empfangen und nichts sich angemaßt, und hat AlleS geseg-net, sie hat ihre Rechte von Gott und ihrer Natur erhalten, sie hat weder die Wahr-heit, die Allen gehört, gewaltsam an sich gezogen, noch die Gnade, die allein vonGott kommt, noch die Tugend, die allgemeine Pflicht ist; sie hat die Freiheit gesegnetdurch den Gebrauch, den sie davon macht, wie das Ansehen, dessen Herrschaft sie mitAndern theilte. Und dennoch hat sie, trotz des Glanzes ihrer Rechtmäßigkeit undihrer Wohlthaten, nicht aufgehört, Verfolgung zu leiden. Wie kann daö seyn?Welcher Wind führt ihr von jedem Jahrhundert den Sturm der Beleidigung mit?Ich will eS euch sagen, zwei Geister verfolgen die Kirche, und werden sie stetö ver-folgen, der Geist der Herrschsucht und der Geist der Ausgelassenheit. Der Geist derHerrschsucht kann die Freiheit nicht ertragen, deren die Kirche, genießt, der Geist derAusgelassenheit fürchtet sich vor der Wahrheit, Gnade und Tugend, deren unermü-dcter Apostel und muthiger Vertheidiger die Kirche ist. Der Geist der Herrschaststößt die Völker zum alten oder neuen Protestantismus, um einziger Herr der Gesell-schaft zu seyn; der Geist der Ausgelassenheit treibt sie zu einer noch tiefern Aufregung,um den Hochmuth und die Sinnlichkeit, die das Kreuz geschlagen hat, zu befreien.Es scheint, daß die Kirche unterliegen sollte unter den zwei Gewalten, die mit ein-ander ein Ziel verfolgen, und welche die Menschheit durch die Träger der beidenZiele, den Thron und den Pöbel, gegen sie losläßt. Ader! o Tiefe der FührungGottes! Der Geist der Herrschsucht verwünscht den Geist der Ausgelassenheit, undder Geist der Ausgelassenheit den Geist der Herrschsucht. In dem Augenblicke,da sie mit mehr Hitze gegen die Kirche sich wandten, und schon überihren Fall sich freuten, trafen beide auf einander, und stießen aneinander. Eine blinde Wuth stürzt die eine auf die andere, jede will allein dieBeute der Kirche davon tragen, und ihr gegenseitiger Haß vergrößert sich mit demAnblick der Beute. Von Zeit zu Zeit halten sie still, sehen sich erstaunt an, fühlen,daß sie sich vereinen sollten, um ihr Opfer zu erhalten, sie suchen Freundschaft zuschließen. Der Geist der Herrschsucht sagt: „bin ich nicht der Vater der Ausgelassen-heil?" Der Geist der Ausgelassenheit sagt: „bin ich nicht der Vater der Herrschsucht?"Vergebliche Anstrengung! sie hassen hinlänglich die Kirche, um sich gegen sie verbindenzu wollen, aber sie hassen sich selbst zu sehr, als daß der Haß gegen einen Andernsie verbindet. O der Gerechtigkeit GotteS ! Lasset der Gerechtigkeit Gottes ihren Lauf.
Auf einer Oase Arabiens weidete ein Lamm. Es dringt daS Brüllen einesLöwen durch die Luft, der König der Wüste erscheint, und will eben mit einem Sprungeüber das wehrlose Thier herfallen, aber ein anderer Löwe, von demselben Hungergestachelt, kommt von einer andern Seite der Wüste, sie sehen sich an, messen sich,zerfleischen sich, während das Lamm gefahrlos und unbeschädigt neben ihrem Wüthenweidet. Die zwei Löwen sind die Welt, das Lamm ist die Kirche; die Welt ist getheilt,die Kirche ist einig."
Wien , 29. Nov. Der Central-SeverinuSverein hielt heute eine Plenarver-sammlung, in welcher der Herr Fürsterzbischof von Wien folgende Ansprache hielt:„Ein Mann, welcher groß war an Geisteskraft wie an Heiligkeit, hat gesprochen: