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Schwachen und Leidenden zu Hilfe zu kommen. ES ist dieses ganz der-'selbe Gedanke, den Ihr unter dem Namen der „Brüderlichkeit" in EurerFahne führet, cS ist also eine Pflicht der großen Nationen, die Schwachenzu unterstützen und zu retten, so oft sie dieses vermögen.
Nun aber hat der Papst, ganz abgesehen von seiner Eigenschaft alsOberhaupt der Christenheit, im höchsten Grade dieses Reckt auf unsernSchutz, denn er ist schwach, und diese seine Schwäche ist heilig und ehrwürdig, und er, der Schwache, wird unschuldiger Weise unterdrückt. Erist schwach, denn ihm stehen keine Heere zu Gebote, er ist nicht von Tau-senden von Soldaten umgeben, wie jene Fürsten in Wien und Berlin , erhatte gegen das Attentat, dem er als Opfer gefallen ist, keinen ankernSchutz als achtzig alte Männer. Denn bemerken Sie wohl, wenn vonden Schweizern die Rede ist, die aus Rom entfernt worden sind, so han-delt es sich nicht von schweizerischen Regimentern, wie man nach der Dar-legung deS ehrenwerihen Herrn Ledru Rollin glauben könnte, sondern ganzeinfach von einer Ehrengarde, die aus achtcig alten, mit Hellebarden be-waffneten Soldaten besteht Dieß war seine Vertheidigung, oder bessergesagt, es war seine Schwäche.
Ich habe ferner gejagt, daß seine Schwäche eine unterdrückte undunschulcige ist, unterdrückt durch den schwärzesten Undank Derjenigen, dieer mit seinen Wohlthaten überhäuft hat, und unschuldig ..... Ach!meine Herren, hat es wohl je einen unschuldigem, einen tadellosem Für-sten gegeben, als PiuS den Neunten? Ihm kann auch nichf der Schatteneiner Gewaltthat, nicht der Schatten einer Treulosigkeit, nicht der Schat-ten einer Unehrlichkeit vorgeworfen werden. Er hat Versprechungen gege-ben, er hat sie freiwillig gegeben, und hat in allen Stücken mehr gehal-ten, als er versprochen har. Sein ganzes politisches Leben läßt sich i»die zwei Worte zusammenfassen: Amnestie und Reform. So viel von seinerUnschuld, so viel von den Ansprüchen; welche er auf Eure Ehrfurcht undauf Eure Unterstützung hat, denn es hat, ganz abgesehen von seiner geist-lichen Oberherriichkcil, noch nie einen Fürsten gegeben, der so tadellos,so großherzig gewesen wäre.
Euch also ist die Ehre geworden, daß ihr die höchste Unschuld unddie größte Schwachheit, welche eS in dem gegenwärtigen Augenblicke aufder Welt gibt, stützen und reiten könnet. Allein es ist dieses, ich wieder-hole es noch einmal, nicht der erste und auch nicht der bedeutendste Vor-theil, welcher sich Ihnen bei piesir Frage darbietet. Der höchste Vortheilist vielmehr der, daß Sie mit der ganzen Größe und Macht Frankreichs in dieser katholischen Frage einschreiten können, und ich bitte Sie, dieBedeutsamkeit dieser Frage nicht auS dem Auge zu verlieren. Hören Sie!Zweihundert Millionen Meirichen, die da zerstreut sind über die ganze Erdenicht nur in Europa, in Irland, in Spanien, in Polen, sondern bis indie chinesischen Missionen, und tief in die Wüsteneien des Oregongebieteshinein, diese zweihundert Millionen Menschen, die da verbreitet sind überdie ganze Erde, sie werden erfahren, — WaS? Sie werden erfahren,Einer nach dem Andern, daß das Oberhaupt ihres Glaubens, der Lehrerihres Gewissens, der Führer ihrer Seelen, mit einem Worte Derjenige,den sie alle ihrer, Varer nennen, in seinem Palaste insullirt, belagert, unter-drück! und gefangen worden ist, sie werden alle im Ingrimm und Schmerzdarüber knirschen, was werden sie aber gleichzeitig damit erfahren? Siewerken erfahren, daß Frankreich mit derselben Hand, mit welcher es seitsechzig Jahren in alle seine Gesetzbücher und Verfassungen den Grundsatzder Gewissens- und Cultusfreiheit eingeschrieben, daß es mit derselben Handnunmehr ras Schwert Karls deS Großen gezogen ..... (Unterbrechung
und Lärm auf der äußersten Linken. Beifall auf anderen Bänken.).
ja wohl das Schwert Karls des Großen gezogen, um die Unabhängigkeitder Kirche zu schützen, die da bedroht ist in ihrem Oberhaupte. Und raSist für Frankreich eine gar nickt zu berechnende Ehre, es ist schon vomrein menschlichen, vom politischen Gesichtspunkte auS für die französischeRepublik ein gar nicht zu berechnender Glücksfall. Wenn ich an das Ge-fühl der Dankbarkeit und Bewunderung für Frankreich denke-, welches inalle Herzen einziehen, welches ihrem Schmerz und ihren Unwillen wiederbesänftigen wird, so fühle ich selbst neben dem Schmerze und dem Unwillen,der als Christen mich ergreifen mußte, so fühle ich als Franzose eine Freude,ein Glück und einen Stolz, dessen Verkündigung auf dieser Tribüne mirzu hoher Freude gereicht. (Sehr gut!)
So viel von der Ehre und dem Interesse Frankreichs. Nun aberkommt auch noch unser Recht, das Recht Frankreichs, oder vielmehr dasRecht jener katholischen Majorität, auf welche der ehrenwertste Herr LedruRollin so eben hingewiesen hat. Ja, wir sind die Majorität der Franzosen, obgleich dieses nicht mehr in Eurer Verfassung geschrieben steht, wie esfrüher in der Charte geschrieben stand, allein wir sind eS doch, weil alleWelt eS anerkennt als eine Thatsache, weil unsere Religion eS ist, an dieIhr appelliret, wenn unsere großen Nationalfeste, die Constitution, die
Abreise unserer Bruder nach Algier gesegnet werden sollen. Wir sind alsodie Majorität, und wag verlangen wir alS dir Majorität? Keine Privi-legien, keine Gunstbezcugungen, sondern waS Ihr uns in der Constitutionversprochen, waS wir uns selbst versprochen haben, weil wir eS sind, diedie Constitution gemacht haben, — die Freiheil! Nun bemerken Sie aberwohl: die religiöse Freiheit der Katholiken in Frankreich hat zur ersten undunerläßlichen Vorbedingung die Freiheit deS Papstes; denn wenn der Papst,der höchste Richter, die letzte AppellaiionSinstauz, das lebendige Organ deSGesetzes und des Glaubens nicht mehr frei ist, so hören wir auch auf freizu seyn. Wir haben also daS Recht, von der öffentlichen Gewalt, vonder Regierung, die uns repräseutirt, und die wir gebildet haben, cS zuverlangen, daß sie unS eben sowohl unsere persönliche Freiheit in Sachendex Religion, als die Freiheit Desjenigen garanlirl, der für uns daS leben-dige Christenthum ist. (Lebhafter Beifall auf vielen Bänken.)
DaS ist cS, waS feil tausend Jahren stets gefühlt, und ich scheuemich nicht, es trotz dem Murren dorten zu wiederholen, waS seit Karl demGroßen in Frankreich begriffen worden ist. Ja, schon seit tausend Jahrenhaben alle katholischen Völker es begriffen, daß der Papst daS Joch keinerMacht, und merken Sie sich das wohl, eben so wenig daS Joch seinerUnterthanen, als daS Joch deS Kaisers von Oesterreich oder deS Kaisersvon Rußland tragen dürfe. Was für u»S das Wichtigste ist, das ist irrUmstand, daß der Papst frei sey, frei von jedem fremden oder weltlichenEinflüsse. Warum könne» wir es nicht zugeben, daß der Papst von demKaiser von Oesterreich abhänge, und warum wird anderniheils OesterreicheS nicht zugeben, daß er von der französischen R-pnblck abbänge? Weildie Autorität, die Reinheit und die vollkommene Unabhängigkeit seiner Ver-ordnungen nie auch nur in den mindesten Verdacht kommen darf, und indiesen Verdacht würben sie kommen und zwar mil Recht, wenn er je unterdas Joch einer Macht geriethe, als seiner eigenen. Dieß ist der Grundder Unabhängigkeit, der Legitimität und Unverletziichkeit, der zeitlichen Machtdes Papstes.
Der ehrenwcrthe Herr Ledru-Rollin bat hier gesagt, daß wir amEnde eben so sehr den Fürsten, wie den Papst vertheidigen müßte», undich für meinen Theil erkläre, daß ich darauf zähle. (Ach! ach! VerschiedeneRufe ) Ich höre Ihre Unterbrechungen, sie sollen indtssen meine» Gedan-ken nicht verdrehen. Es versteht sich von selbst, daß hier der geordnetenund konstitutionellen Entwickelung der politischen Institutionen in den römi-schen Staaten kein Hinderniß in den Weg gelegt werden sott; allein ebenso wichtig ist es, daß mit der Autorität und der Person deS Papstes auchdie Freiheit und Autorität des Fürsten vertheidigt weide. (Wideripruch aufder äußersten Linken.) Bemerken Sie wohl, meine Herren, daß ich michnicht in Abstraktionen bewege, ich prüfe nicht diese oder jene Theorie, dieseoder jene Eventualität, sondern halte mich rein auf dem Gebiete der That-sachen, auf dem Gebiete der Geschickte, auf dem Gebiete Dessen, was seittausend Jahren die Geschichte der Welt ist. Gerade in dieser Beziehungaber, ich gestehe es offen ein, sind die Mittheilungen, welche tei Chef dervollziehenden Gewalt unS gestern gemacht hat, mangelhaft, meiner Ansichtnach hat er die Mission deS französischen Agenten zu sehr beschränkt, indemer denselben nur auf den Schutz der Person deS Papstes anwieS, und ichhoffe, daß er unS in dieser Beziehung befriedigendere, empfehlendere Expli-kationen geben wird. (Aufregung.) Die Person deS Papstes ist unS aller»dings unendlich theuer und heilig, allein eS gibt Etwas, waS unS nochtheurer und heiliger ist, — seine Autorität! Wie steht eS nun aber mitdieser seiner Autorität? Hören Sie, waS der französische Gesandte darüberberichtet: „Die Autorität dcö Papstes ist gegenwärtig vollkommen null undnichtig."
Ein Mitglied der Linken. Desto besser!
Graf M ontalembert. Desto b> sser! ruft man mir zu. Ich gebediese Unterbrechung der öffentlichen Meinung preis. (Beifall aus vielenBänken.) Also der französische Gesandte berichtet: „Die Autorität de«Papstes ist im Augenblicke vollkommen null und nichtig; sie eristirt nurnoch dem Namen nach, und keine seiner Handlungen wird frei und unge-zwungen seyn." So berichtet der Gesandte der Republik zu Rom .
Herr Laissac . ES handelt sich hier aber doch nur von seinerzeitlichen Gewalt.
(Schluß folgt.)
Großbritanvte«.
* Der Klerus und die Katholiken Englands und Irlands geben dierührendste» Beweise ihrer Theilnahme a« dem Schicksale deS heil. ValerS,PiuS IX. Alle Diöcescn flehen in Folge deS Aufrufe» der apostolischen
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