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Alle Insurrektionen gleichen sich wohl in der Form, in Bezug aberauf ihre Ursachen und ihre Resultate unterscheiden sie sich sehr von einan-der. Ich muß dem Herrn Ledru Rollin , der in diesen Dingen ein mehrkompetenter Richter ist als ich , die Erklärung überlasten, in wie weit nachUrsachen und Resultaten die Insurrektion vom 24. Februar sich von derletzten römischen Jwurrection unterscheidet. Ich für meinen Theil habegar keinen Grund mich hier über die Insurrektion vom 24. Februar zuerklären, wohl aber muß ich mich. erklären über die Rechte und die Inter-essen der Republik , der constiluirten, der organisirten Republik. Washaben Sie bezweckt, meine Herren, als Sie die Republik gründeten? Siewollten eine geordnete, eine gesetzliche, eine legitime Regierung schaffen,eine Regierung, die das Recht hat, Aufruhr unv Aufstand in ihrem eige-nen Hause zu unterdrücken, wie sie das bereits gethan hat, und die al>oin keiner Weise verpflichtet seyn kann, für alle Erneuten und Ausständeaußerhalb unseres Vaterlandes solidarisch einzutreten. (Sehr gut! Lärmauf einigen Bänken.) Einen solchen Grund können nicht Sie, die ächtenRepublikaner, sondern nur Ihre Feinde geltend machen. Ich für meinenTheil wußte nicht, ob der unversöhnlichste und listigste Feind der republicauischen Regieruugsform im Allgemeinen und der französischen Republikim Besondern eine schmählichere Anklage, eine gröbere Beleidigung gegenSie aufbringen könnte, als die ist, die Republik verantwortlich machen zuwollen für alle Ausstände, für alle Erneuten, für alle Revolutionen, diesich in Europa noch auflhun werden. (Sehr gut!) Ohne dieß habenSie, Gottlob, gegen diese Doktrinen schon selbst protestirt. In den Juni-tagen haben Sie eure Kriegserklärung unterzeichnet gegen diese Solidaritätmit der Anarchie unv allen Revolutionen, und riefe Kriegserklärung habenSie unterzeichnet mit dem reinsten und edelsten Blute von ganz Frankreich .(Beifall.) So viel von dieser Theorie im Allgemeinen.
Wenn ich murr aber erst gar die Thatsachen, von denen in diesemAugenblicke die Rede war, auf die römischen Zustände anwenden soll, —dürfte ich eS da wohl wagen, könntet Ihr, die Ihr mich unterbrechet,könntet Ihr, französische Republikaner, irgend eine Aehnlichkeit zwischen derLage der Dinge in Rom unv der Lage unv den Pflichten Frankreichs aus-findig machen? Könnte ich z. B. diese römische Versammlung, die ich nichtanders charaklerisiren will, als durch Verlesung einer Stelle, welche derehrenwerihe Herr Ledru-Rollin so eben und zwar gegen uns angeführthat: „Die Versammlung, vor deren Thüre der Mord begangen worcen,setzte rnhig die Vorlesung ihres Protokolles fort und während des ganzenVerlaufes der Sitzung wurde der Vorfall auch nicht im Geringsten er-wähnt — dürfte ich wohl riefe Versammlung, meine Herren,
mit der französischen Nationalversammlung, mit Ihnen vergleichen, dieSie am 15. Mai und am 23. Juni die herrlichsten Beweise von IhremMuthe und Ihrer Ruhe gegeben? Gleicht diese römische Versammlung uns,oder gleichen Sie ihr? (Nein; nein; sehr gut.) Darf-ich unsere Armee,so unerschrocken im Kampfe und so gemäßigt im Siege, darf ich sie mitjenen Soldaten des Papstes vergleichen (allgemeine Heiterkeit), die nichteinmal diesen Namen verdienen, darf ich sie mit jenen angeblichen römi-niischen Soldaten vergleichen, die nur stark gewesen sind gegen einen schwa-chen Mann, die nur muthig gewesen sind gegen ihren Vater, gegen Den-jenigen, der ihr Vaterland mit Wohlthaten überhäufte und, noch einmalsey eS gesagt, keine andere Vertheidigung hatte, als achtzig alte Männer?Soll ich unsere Soldaten mit solchem Volke vergleichen? Nein, tausendmalnein! (Sehr gut! sehr gut!) Soll ich endlich unsere Naiionalgarve, dieso großartig und standhaft an allen Gefahren, an allen Unternehmungenunseres HeereS gegen die Erneute sich delheiligt, soll ich sie vergleichenmit jener Bürgerwehr, die ich mit nichts Anderem charaklerisiren will, alsmit den Worten Ihres Gesandten: „Der Mörder Rossi'S ist nicht verhaftetworden, man hat nicht einmal einen Versuch dazu gemacht, die Bürger-gardisten, welche an Ort und Stelle waren, ließen Alles gewähren,' —soll ich unsere Nationalgarde mit dieser Civica vergleichen? (Nein, nein!Beifall.)
Und weil der Name Rossi'S über meine Lippen gekommen, so erlau-ben Sie mir einen Rückblick, eine Erinnerung zu fiiner Ehre, von Seiteneines Mannes, der sein College und noch mehr als das, der sein Gegnergewesen ist. Ja, meine Herren, ich habe ihn gekannt, ich habe ihn be-kämpft mein ganzes Leben lang in seiner Stellung als Professor, als Pairvon Frankreich , als Gesandter. DaS erste Mal, als er in der PairS-kammer sprach, hatte er das Wort ergriffen, um mir zu antworten, unddas letzte Mal, als er die Tiidune im Lurembourg bestieg, da geschah eS,wenn ich nicht irre, um mich zu bekämpfen. Gerade diese Erinnerungenaber legen mir die Pflicht auf, ihm hier eine feierliche Anerkennung zuzollen. (Sehr gut! sehr gut! — Lebhafter Beifall.) Welches auch dieIrrthümer oder Fehler seines Lebens gewesen seyn mögen, oder wenigstens,waS ich für Irrthümer oder Fehler gehalten habe, — sie sind in meinen
Augen alle ausgelöscht durch seinen herrlichen Tod. (Verschiedenartige Be-wegung.) Ja, meine Herren, sein Tod macht ihn würdig, eine feierlicheAnerkennung zu empfangen auS dem Munde eines ehemaligen GeguerSund zwar hier in der Nationalversammlung Frankreichs , den, er in seinemLeben so würdig gedient und durch seine» Tod Ehre gebracht hat. (Sehrgut! — Lärm auf mehreren Bänken.) Nun noch ein Wort über dieseangebliche Analogie und Gemeinsamkeit der Bestrebungen, welche ich soeben bekämpft habe.
Man.beruft sich unaufhörlich im Namen Italiens, im Name» NomS ,welches sich empört hat und PiuS IX. unte^cksickt, anf die Interessen derdemokratischen Sache. Ich habe nun diMraus nicht die Absicht, hier alsLobredner oder Apostel der Demokratie/aufzutreten . . . (Lärm aus derLinken.) Eine solche Prätcusion wäre bei mir sehr übel angebracht . . . .
Eine Stimme auf der.äußersten Linken. Ja wohl, sehrübel angebracht!
Graf Moutalembcrt. Finden Sie das auch? Nun so sind wirja ganz einverstanden. (Allgemeine Heiterkeit.) Indessen werden Sie mireS doch nicht verwehren wollen, hier offen eS auszusprcchen, daß die De-mokratie daS höchste Gesetz deö Landes ist, in welchem ich bin, und derZeit, in welcher ich lebe. Ich habe deßhalb mit Ihnen Allen dafür gestimmt,daß die Republik eine demokratische seyn soll, weil eine aristokratische odermonarchische Republik in Frankreich, im neunzehnten Jahrhunderte ein Un-sinn ist. (Sehr gut!) Als ich aber für diesen Namen oder b.sser gesagtfür diese Idee stimmte (und ich bin fest überzeugt, daß fast das ganze Landund die bei weitem größte Majoriät der Nationalversammlung mit mireinverstanden ist), da habe ich durchaus nicht daS gewollt, waS man j tztin Italien den Triumph der demokratischen Dolche nennt. (Lärm auf deräußersten Linken.)
V'iele Stimmen. Sehr gut! sehr gutl
Auf der äußersten Linken. DaS hat aber kein Mensch gesagt!
Graf Montalembert. Ueberall hat man eS gesagt in Italien ,eS ist angeschlagen worden in Livorno ; in den Zeitungen ist eS gedrucktzu lesen; auf den Straßen RomS ist es gesungen worden. Rossi'S Meu-chelmord nennen sie den Triumph der demokratischen Sache und singenLoblieder zu Ehren des heiligen Dolches, deS demokratischen Dolches, derihn hmgeopfert hat. Ich aber beschwöre alle wahren Demokraten, alleaufrichtigen Demokraten, alle alten Demokraten, alle honetten Demokratensich mit mir zu vereinigen und gegen einen solchen abscheulichen Mißbrauchder Worte zu protcstiren. Frankreichs Ehre erfordert schon eine solchePvotestation; denn wenn Frankreich sich zum Träger der Demokratie inder Well gemacht hat, so muß es in dieser seiner Eigenschaft aueb gegendie blutige Entweihung der Idee und des Namenö Protestiren, die eS zumSymbole seiner Constitution gemacht. Indem ick also die römische Frageunv die italienische Frage im Allgemeinen sorgfältig auSeinanderhalte undvoraussetze, daß die Regierung in dem Maaße, als es ihr möglich ist,ihr Unternehmen auch zu Ende führen und nicht allein die Person deSPapstes, sondern auch seine Autorität schützen wird, erkläre ich, daß siewohl gethan hat. Ich danke ihr dafür und sage weiter, Laß die Regie-rung der Rtpublik nichts hätte unternehmen können, waS ihr größere Ehrebringen wird in den Augen der Nachwelt und was sie mehr befestigt indem Herzen deS französischen Volkes. (Sehr gut! sehr gut! — LebhafterBeifall auf fast allen Bänken.)
Der katholische Klerus und da- Verlangen nach Frei-heit und Gleichheit.
Allüberall herrscht daS Vorurtheil, oder wird wenigstens zur Ver-unglimpfung ausgebreitet, die Geistlichen seyen nicht aufrichtige Freundeder Freiheit und Gleichheit. Wie in Deutschland und theilweise in Frank-reich, so auch ergehet wider sie diese Anklage in Italien . Darauf hat dergroße und fromme Philosoph Abbv RoSmini, dem, nach den neuerenBerichten auS Rom , ein Portefeuille und der Vorsitz deS MinisterratheSangetragen war, in folgender Weise geantwortet: „In Wahrheit, derKlerus ist jener Stand in der Gesellschaft, der am längsten zögert, seineAnhänglichkeit an politische Revolutionen kund zu geben; eS wäre aber eingewaltiger Irrthum, wenn man daraus schließen wollte, er liebe nicht dieFreiheit, nicht die Gleichheit aller Bürger. Freiheit und Gleichheit machenso zu sagen daS Wesen deS Klerus und der katholischen Kirche auS; seineWorte sind nichts weiter und können nichts anderes seyn als Worte derFreiheit und Gleichheit; dieß ist der stete und einzige Gegenstand seinerPredigten, und nie hat er einen andern gehabt, nie kann er einen andernhaben. Wollte er je davon lassen, so würde er damit aufhören daS Evan-