der Bosheit mißbrauchen — welche auf nichts Anderes sinnen, alsnach dem Umstürze alles Bestehenden sich zu Despoten über unsere mate-riellen, wie über unsere geistigen Güter auszuwerfen, nicht nur unser leib-liches, sondern auch unser geistiges Leben zu beherrschen?
Doch zu diesem äußersten Grade der Sklaverei wird eS und kann eS,wenigstens in Deutschland , nicht kommen, wenn der im verflossenen Jabregerade im Momente der wüthendsten Verfolgung unserer heiligen KircheinS Leben getretene, mit dem Namen, wie mit den glänzenden Tugendenunseres heiligen Vaters PiuS IX. geschmückte katholische Verein, welcherdermalen in der alten katholische» Rheinstadt Mainz, wo einst der großeApostel der Deutschen, der heil. BonifaciuS, den Hirtcnstab führte- leinenMittelpunct hat, von dem aus er seine Wirksamkeit zur christlichen Wieder-belebung Deutschlands bereits durch alle Gauen desselben verbreitet, wenn,sagen Wir, dieser katholische Verein Deutschlands die ihm gebührende An-erkennung und Theilnahme findet. Denn wo dieser fruchtbare Ast an demLebensbaume unserer heiligen Kirche bis jetzt seine Verzweigungen hinge-trieben, da setzte er dem Bunde der Verblendung und Gesinnungslosigkeitnicht nur eine unüberwindliche Schranke, sondern brachte auch durch diegesunde, kräftigende Nahrung, die er bietet, Viele von den Verirrungenihres Geistes und Herzens zurück.
Darum, Geliebte! können Wir, indem Wir Angesichts deS fürDeutschland noch nicht entschiedenen KampfeS zwischen dem neucrwachtenHeidenthume und dem Christenthnme bei der Wiederkehr der heiligen Fasten«zeit Uns abermals verpflichtet fühlen, Euch zur freudigen Ausdauer unterder Fahne Christi zu ermuthigen, die unumwundene Erklärung Euch nichtvorenthalten, daß UnS unter den vielfachen traurigen Erfahrungen, welcheUnS die Gegenwart in Unserem BcrusSkreise bicrer, nichts mehr zu tröstenund zu erfreuen vermöchte, als wenn alle Gemeinden Unserer Diöcese rück-sichtlich der Gründung von Filialvereincn und deren Anschluß an denkatholischen Verein Deutschlands dem schönen Beispiele folgten, welchesmehrere Gemeinden deS BiöthumS bereits gegeben haben. Damit wollenWir zwar keineswegs sagen, daß man nur alö Mitglied eines solchenVereines sich als einsichtsvollen und gesinnungStüchtigen Katholiken bewähren könne; zieht ja der katholische Verein Deutschlands seine ganze Lebens-kraft selbst nur a»S dem großen, von Christus gestifteten und seinem Geistebeseelten Vereine unserer heiligen Kirche; allein warum sollen, wenn diedurch den Zeitgeist irregeleiteten Glieder der Kirche mit den Feinden desChristenthums gegen dieselbe gemeinschaftlich wirken, nicht auch die auSUeberzeugung ihr treu Gebliebenen zur Förderung ihrer Lebensthätigkeit ineinen engeren Verband miteinander treten? Sollen sie sich hierzu nicht umso mehr berechtiget und bestimmt fühlen, wenn die Wirksamkeit dieser Vereine, ohne das Recht auch nur eines Einzigen zu verletzen, nicht nur dasWohl der Kirche, sondern auch das deS Staates fördert? Daß aber diesesder Fall ist, muß Jeder einräumen, der die löbliche Aufgabe, welche derkatholische Verein Deutschlands mit lallen seinen Zweigvcreinen sich gesetzt,und die niitadelhaften Mittel, die er zu ihrer Verwirklichung einzig erlaubt,gehörig kennt und unparteiisch beurtheilt.
Betrachtet nur, Geliebte! die Aufgabe deS katholischen Ver-einS Deutschlands im Hinblicke auf die Hauptmißstände unserer Zeit,und Ihr sehet sogleich ein, daß sie die Grundübel der Gegenwartan ihrer Wurzel faßt und durch die einzig zureichendenMittel ihre Heilung versucht. Diese Grundübel sind, was wohlnicht erst eines Beweises bedarf: eine hie und da bis zum Hasse der christ-lichen Frömmigkeit gesteigerte Irreligiosität, eine durch keine Autoritätin Schranken zu hallende Ungerechtigkeit und Unfittlichkeit, undendlich die aus beiden entsprungene Noth und Unzufriedenheit,welche, so lange ihre wahre Ursache nicht erkannt, und in geeigneter Weiseihr entgegen gewirkt wird, die Gefahr staatlicher und gesellschaftlicher Um-wälzungen stets unterhalten.
Jeder Einsichtsvolle wird zugeben, daß hier eben darum mit neuenStaatSversassungcn, Verwaltungsformcn, menschlichen Gesetzen und Ein-richtungen, so weise und zweckmäßig sie auch seyn mögen, wenig geholfenist, so lange nicht durch die Rückkehr zum lebendigen Glauben an Christum der in ihm uns offenbarte Wille Gotteö wieder als höchstes, unver-letzliches Gesetz anerkannt, und durch die auS dem Glauben quellendeLiebe die Erzeugerin der bestehenden Zwietracht und Noth, nämlich dieSelbstsucht, überwunden wird. Soll aber das Christenthum wiederumdiesen Einfluß auf die menschliche Gesellschaft erhalten, soll es die Ansich-ten, Neigungen, Wünsche und Bestrebungen der Menschen wiederum bestim-men, und insbesondere durch seine göttliche Autorität der weltlichen Obrig-keit den ihr gebührenden Gehorsam sichern; so darf die Trägerin desselben,unsere heilige katholische Kirche , nicht länger unter der Bevormundung deS
i) i Ksr. s, 14. . .
StaateS in Erfüllung ihres hohen BerufeS sich gehemmt fühlen; sondernsie muß, wie eS für den Naffauischen Theil Unserer Diöcese schon durchdie landesherrliche Proclamation vom 5. März deS verflossenen Jahres ver-heißen und seitdem für die katholische Kirche in ganz Deutschland durchArt. 5. 8 . 17. der Grundrechte ausgesprochen worden ist, in Allem, waSzu ihrem Bereiche gehöret, — in Lehre, Gottesdienst, Anstellung undAbberufung ihrer Diener, Handhabung der Disciplin und Verwaltungihres Vermögens frei und setbstständig werden. Dem entsprechend stellt derkatholische Verein Deutschlands an die Spitze seiner Aufgabe: „Die Ver-wirklichung der Freiheit der Kirche und aller ihrer Rechtedurch die ihm zu Gebot stehenden Mittel zu erstreben."
Sieht man nun, Geliebteste! auf die Anwendung der Freiheit derKirche, als der Grundbedingung ihrer ungeschmälerten segensreichen Wirk-samkeit, so. erscheint dieselbe im Interesse der Anbahnung einer besserenZukunft nirgends dringender geboten, als da, wo sie ihr lange Zeit amhartnäckigsten verweigert worden ist und zum Theil noch verweigert zuwerden pflegt, — im Gebiete deS Unterrichtes und der Erziehung.
Niemand kann es bestreiten, daß, wie hoch man auch die LeistungendeS neueren Schulwesens, insbesondere in Beziehung auf die Entwickelungder geistigen Kräfte, anschlagen mag, dieselben dock für das Wissen, wiefür das Leben weit hinter den Leistungen aus der Zeit zurückstehen, wodie Kirche unbehindert Schulen errichten und leiten konnte. Zwar hat dieSchule seit mehreren Decennien Alles aufgeboten, um den Verstand mög-lichst zu bilden, ihn mit Kenntnissen zu bereichern und den Menschen fürseinen irdischen Lebensberuf zu befähigen; allein weil sie nicht vom Stand-puncte des Christenthums auS in gleichem Maaße auf die Veredlung seinesHerzens hinwirkte und seine ewige Bestimmung im Auge behielt: so hatdiese naturwidrige Einseitigkeit sowohl der. Aneignung höherer Weisheit,als dem friedlichen Genusse deS Lebens unberechenbaren Abbruch gethan,lind konnte die Folge dieser verkehrten Richtung eine andere seyn? Wennder Verstand nicht ein gebildetes, für die Liebe deö Ueberstnnlichcn undGöttlichen empfängliches Herz zur Begleiterin hat, so tritt er nur allzubald in den Dienst niederer Leidenschaften; und wo diese den Menschenbeherrschen, da verliucrn sie ihm nicht nur jeden Lebensgenuß, sonderntrüben auch den Blick seines Geistes so sehr, daß er zuletzt die einfachstenWahrheiten, wenn sie nicht mit der Befriedigung seiner Neigungen und
Begierden in naher oder entfernter Beziehung stehen, z. B. die klarsten reli-
giösen und sittlichen Begriffe und Grundsätze nicht mehr zu fassen vermag,— bestätigend das Wort des Apostels: „Der sinnliche Mensch nimmt nichtauf, waS des Geistes ist; ihm ist eS Thorheit und er vermag eS nicht zufassen, weil es nur geistig gefaßt werden kann Hierin, geliebte BiS-
lhums-Angehörige! liegt auch der tiefste Grund des Unglaubens der heu-
tigen Generation und die ausreichendste Erklärung ihrer traurigen Lage.Unzählig viele Menschen haben sich nämlich eine Glaubenslehre gebildet,wie sie die Beschaffenheit ihres Herzens verlangte; aber auch eine Lage sichbereitet, wie ihr verdorbenes Herz sie verdiente. Weil sie so leben, daßsie den Himmel, den sie wohl gerne nach dem Tode annähmen, nichthoffen können, und die Hölle, die sie freilich fliehen möchten, fürchtenmüssen; so läugnen sie beide und suchen den Himmel schon auf der Erdein der ungezügelten Befriedigung ihrer niederen Triebe; aber statt ihnhierin zu finden, verwandelt sich ihnen die Erbe gleichsam zur Hölle, näm-lich zu einem Orte steter Unruhe und steigender Qual; indem daS, wor-nach sie haschen, sie täuscht, uns das, was sie beglücken könnte, ihrenNeigungen zuwider ist. Gewiß zeugt eS darum nicht weniger von demrichtigen Blicke in die Bedürfnisse unserer Zeit, als von dem lobenSwerthe-sten Willen des katholischen VereincS Deutschlands , daß er als nächstenTheil seiner Aufgabe bezeichnet: „Die Freiheit des Unterrichtes zuerringen und zu sichern."
Der Verein begnügt sich übrigens nicht damit, rücksichtlich der För-derung christlicher Weisheit und Tugend seine Fürsorge der Jugend zuwidmen. Die unmittelbar folgende weitere Bestimmung seiner Aufgabegeht dahin, auch „für die geistige und sittliche Bildung desVolkes zu wirken;" und daß er dafür eine nicht minder lobende Aner-kennung verdient, bedarf nach dem über den dcrmaligen geistigen und sitt-lichen Zustand des Volkes bereits Erwähnten wohl keiner Erinnerung.
Wie nun der katholische Verein Deutschlands in den angeführten dreiBestimmungen seiner Aufgabe die geistigen und sittlichen Bedürfnisse dermenschlichen Gesellschaft erfaßt und ihnen abzuhelfen strebt; so richtet er inder vierten, in welcher er sich vorsetzt: „zur Hebung der herrschen-den socialen Mißverhältnisse und Uebelstände nach Kräf-ten beizutragen," seine Aufmerksamkeit auf die aus der geistigen undmoralischen Verkommenheit entstandene Schwankung der gesetzlichen Ordnungund Verwirrung der materiellen Verhältnisse. Unv wie er hinsichtlich jenersowohl dem Mißbrauche als der Nichtbeachtung der gesetzlichen Gewalt