andererseits sind cS jene vorgeblichen Volksfreunde, die zwar für sich alleWillkür zum Bösen und Schlechten uiuer dem Namen der Freiheit gebie-terisch fordern, unS aber die einzig wahre Freiheit, die zum Guten, diedes christlichen Glaubens und Lebens, hartnäckig verweigern, obwohl dieseFreiheit sich zu allem VolkSwohle keineswegs hinderlich, vielmehr nur för-derlich ja durchaus erforderlich beweiset. Freilich sind jene Staalsbiencrund diese Volköfreunde in vielen Meinungen und Bestrebungen weit voneinander entfernt, ja einander gerade entgegengesetzt: allein beide nur vonirdischen Gesinnungen ausgehend und nur zeitliche Zwecke verfolgend, sindsie wider die Kirche Gottes und deren Ordnung und Wirksamkeit immereinverstanden und zusammenhaltend, und sowohl die schrankenloseste Aus-gelassenheit wie die eingeschränkteste Gebundenheit im bürgerlichen Lebenwollen für die Kirche nur Druck und Schmach, oder gar Tod und Ver-derben. Wären wir in Deutschland nicht auch schon w früh zu dieserschmerzlichen Erfahrung gelangt, sie hätte sich uns in diesen Wochen auf-drängen müssen von dem Mutterlande der Kirche her, wo der allgemeineVater der Christenheit aus seinem Gottgcgründeten Sitze hinausgedrängtworden von seinen ehr- und treulosen Unterthanen, die für die ungezügel-teste Freiheit und hoffähigste Volksthümlichkeit schwärmen, wie Er vorvierzig Jahren von dem übermüthigen und undankbaren Inhaber der schran-kenlosesten Gewalt von eben diesem seinem Sitze weggeschleppt ward. Gott wird die frechen Empörer schlagen, wie er den stolzen Eroberer geschlagenhat. Wir Kinder der Kirche aber vermögen dem geschlossenen Reiche desBösen, dem die Kinder dieser Welt angehören, nur in geschlossener Eini-gung zu widerstehen, und daS Jahr, wo die deutschen Katholiken, von densich aufdrängenden Befreiern eben so schmählich verrathen, wie von denDienern der zurückgedrängten Herren mißhandelt, die Nothwendigkeit ein-sahen, wie Ein Mann sich zu erheben und zusammen zu stehen, um ihrgutes Recht und heiliges Gut wider Willkür und Gewaltthat zu schützen,dieß Jahr wird hoffentlich der Anfang einer bessern Zeit und der wahrenFreiheit für unS alle seyn. Doch nicht für uns allein, sondern auch fürdie Anderen. Die Völker ringen nach Freiheit, und Deutschland strebtnach Einheit; aber nur daS Heil kann befreien und nur die Wahrheit kanneinigen, und Wahrheit und Heil sind nur da, wo Gott sie den Menschenhinterlegt hat, im Schooße Seiner Kirche. Ohne allgemeine Rückkehr zudieser Kirche, ohne allgemeine Anerkennung ihrer Wahrheit und Annahmeihres Heiles, ist weder in Deutschland noch sonst wo in der Welt Freiheitund Wohlfahrt, ist weder unter den deutschen Stämmen, noch unter denVölkern deS Erdkreises Einheit und Friede möglich. Die Erkenntniß dieserWahrheit und den Gebrauch dieses Heiles zu verbreiten und herzustellen,so weit sein Wirkungskreis reicht, daö ist die Aufgabe des katholischen NcreinS, der sich in diesem Jahre in unserm zerrissenen Vaterlande gebildethat. Der, welcher den Sinn und Muth zu solchem Unternehmen verliehen,wird demselben auch seinen mächtigsten Schutz und Segen nicht versagen.Ist Er doch am heutigen Tage gekommen „aus der Höhe und hat unsheimgesucht, um zu erleuchten, die in Finsterniß und im Schatten deSTodes saßen, und zu leiten unsere Füße auf den Weg deS FriedenS."
DaS ist mein Wunsch und mein Gebet, die ich nicht nachlassen willdem Herrn darzubringen, während ich Euer Hochwürden bitte, für Sie unddie sämmtlichen verehrten Abgeordneten der katholischen Vereine Deutsch-lands und alle deren Mitglieder den Ausdruck meiner tiefen Hochachtungund warmen Ergebenheir zu empfangen.
7 Johannes Theodor Laurcnt ,Bischof». Chersoncs, Ap. Vic. v. Lur.
An Seine Hochwürden Herrn Donieapitular Lennig, d. Z. VorsitzenderdeS PiuS-VereinS zu Mainz, ersten Vororts der katholischen VereineDeutschlands.
Das Klerikalsenrinar in Strastbnrg.
Unser Seminar ist an daS hohe Münster angebaut und bildet mitdem daranstoßendcn Lyceum ein ganzes Ouadrat von ungefähr 200 Fuß.DaS Seminar allein besteht auS einem Viereck, dessen eine Seite jedochvon einem mit einem Dach versehenen Holzlager eingeschlossen ist. DasGebäude hat fünf Stockwerke. Im untern Stock ist die CapeUe, der Speise-saal, die Küche uiid die Hörsäle, welche alle mit Sandsteinen geplättetsind. Im zweiten Stock (ontresol) wohnen die Köche und deren Gehilfen.Daselbst sind auch einige Fremdenzimmer, so wie noch einige andere Zim-mer, welche leer stehen. Im dritten Stock wohnen der Superior, einige-Professoren und wir 130 Seminaristen, die wir zur Winterszeit in zweiStudirsälen arbeiten. Den Sommer hindurch studirt Jeder auf seinemZimmer. Im vierten Stock wohnen der Director,- zwei Professoren und
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Seminaristen; im fünften Stock zwei Professoren und Seminaristen. Auchunter dem Dachstuhl wohnen Seminaristen. AuS dem ersten CurS habenj immer je zwei Seminaristen ein Zimmer, von dem zweiten, dritten und! vierten CurS hat Jedweder ein Zimmer allein. Jeder Seminarist besorgt> sich sein Zimmer selbst und reinigt auch selber sein Schuhwerk. Wie mansich selber bedient, so hat man es. Unsere Capelle ist einfach, aber rechtschön; Speisesaal und Studirsäle sind geräumig und angenehm. Die bau-^ liche Einrichtung läßt kaum etwas zu wünschen übrig.
Was die Lebens- und Hausordnung betrifft, so gibt jedenMorgen um fünf Uhr ein Seminarist mit der Glocke das Zeichen zum
Aufstehen. Sogleich zündet dann einer der Hausbedienten auf den ver-
schiedenen Zimmern die Lichter an und weckt Solche, die etwa den Rufder Glocke überhört haben sollten. Um halb sechs Uhr schallt es zur Ver-sammlung im Studirsaale, wo gemeinsames Morgengebet stattfindet. Dieseswird abwechselnd von einem Seminaristen gehalten. Nach dem Gebet,nämlich um Uhr hält der Director eine Homilie. Um 6 Uhr woh-nen wir in der Capelle der heiligen Messe bei, welche der Superior liest.
Nach der heiligen Messe ist Studium bis halb 8 Uhr. Hierauf gehl eSzum Frühstück, welches in einer Suppe besteht. Gleich nachher besorgtJeder sein Zimmer. Von 8 bis 10 Uhr ist Dogmatik; von 10 bis 11^
Uhr Privakstudium. Um 11^/) Uhr ist Besuch des allcrheiligsten AltarS-
saeramcntö, und um 12 Uhr Mittagessen. Während dem Mittagessenmuß ein Seminarist predigen; nur zwei Mal wöchentlich wird vorgelesen.Dieses öftere Predigen macht es möglich, daß alle Seminaristen darankommen; sonst wäre diese wichtige Uebung nicht genugsam bedacht. BeiTische bedienen acht Seminansten, welche aus der Küche die Speisenholen, die übrigen. Nach Tische ist Freizeit bis halb 2 Uhr. Um halb2 Uhr hat der erste Curs Choralgesang und die Uebrigcn Ceremoniendienst.Dieß dauert bis 2 Uhr. Um 2 Uhr wird die beim Mittagessen gehaltenePredigt kritisirt, welche Kritik sehr scharf und genau ist. Von halb 3 bis4 Uhr sind je nach den Tagen verschiedene Vorlesungen. Von 4 bis 4'/zUhr ist frei. Von halb 5 bis 6^ Uhr ist Privatstudium. Um vor
7 Uhr findet wieder Besuch deS allerheiligsten AltarssacrameutS statt. Um
7 Uhr ist Nachtessen, während welchem ein Seminarist die Lebensgeschichtedes Heiligen vorn folgenden Tage von der Kanzel herab vorlieSl. Nachdem Nachtessen ist frei bis halb 9 Uhr, worauf das Nachtgcbet im Studir-saal gehalten wird. Hierbei werden auch die Puncte der am folgendenTage zu haltenden Homilie angegeben. Um 9 Uhr geht Alles zu Bette.Dienstag und Donnerstag sind, es mag schönes oder schlechtes Wetter seyn,Spaziergänge von 2 bis 4 Uhr. Donnerstag Abends ist Aussetzung deSallerheiligsten AltarssacrameutS mit Segen, wobei die Litanei vorn allcr-heiligsten Sakramente gesungen wird. Freitag Abends um halb 7 Uhrwird der Rosenkranz gebetet. Bei allen Andachtsübungen, bei allen gemein-schaftlichen Handlungen steht der Director an der Spitze; die Altardicnsteund Tischgebete verrichtet ausschließlich der Superior.
Vorstände und Professoren sind im Ganzen acht Personen,nämlich der Director und der Superior und sechs Professoren. Alle sind,sowohl in religiöser wie in wissenschaftlicher Hinsicht, ausgezeichnete Män-ner. Was sie lehren, das leben sie und was sie leben, das lehren sie.Der Hauptgrundsatz deS ganzen Seminars, der sich wie ein Goldfadendurch das ganze innere Leben zieht, ist die Nächstenliebe, durch welche diegrößte Ordnung, die herzlichste Freundlichkeit, kindliche Offenheit und männ-licher Biedersinn herrscht. Ueberhaupt ist das ganze Leben völlig unge-zwungen; man gehorsame! nicht aus Zwang deS Gesetzes,sondern auS Liebe.*) Seit meinem Hierseyn habe ich noch nichtdaS mindeste Verletzende von Seiten der Vorstände gesehen oder gehört.Der Superior, Namens Specht ist einer der größten Dogmatiker Frank-reichs ; der Director, Namens Möchler, ist ein Herzguter Mann und vonwahrhaft christlichem Geiste beseelt. Um eS kurz zu sagen: cS sind aposto-lische Männer, die gleichmäßig durch ihr Wort wie durch ihren WandeldaS Evangelium predigen.
Die Seminaristen sind sehr religiös und gemüthlich. Sie sindnicht so, wie man die französischen Kleriker in Deutschland oft schildernhört, wo man von Manchen, die freilich weder Personen noch Zuständerecht kennen, nicht selten das Urtheil vernehmen kann, als sey der franzö-sische KleruS nur äußerlich glatt und kirchlich streng, dabei aber kalt undgemüthloS. Diejenigen, welche den französischen Klerus so beurtheilen,schreiben dann dem deutschen KleruS gewöhnlich eine etwas zu hoch gegrif-fene Gemüthlichkeit zu, eine Gemüthlichkeit, welche jenes französische strenge
Diesen Satz mögen sich besonders die Feinde unserer heiligen Kirche merken, welcheimmer von hierarchischer Tyrannei, von Gewissenszwang nnd blinder Psaffenknechtschaftschwadroniren. Wer den Geist erfaßt, dem sind diese Formen nicht nur keine Last, son-dern eine wahre Erleichterung und gereichen zur Freurc.
(Anmerkung des Einsenders.)
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