Ausgabe 
9 (22.4.1849) 16
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Schneller als ich dachte, hielt unser Train stille, und wir waren inLütt ick. Herzlich war der Abschied von dem Landpfarrer, der mich mitEinladungen überschüttete, nachdem wir unS gegenseitig auS unseren Bre-vieren ein kleines Andenken gegeben harten. Lüttich ist eine große Han-delsstadt, bietet aber nur gegen den von Schiffen belebten Maaßfluß hin,den so freundlichen Anblick belgischer Städte, sonst sind die Straßenwinklig und thcilweise auch schmutzig. ES lebt und webt alles in demInnern der Stadt und in das Gerassel der Wägen und Gewerke mischtsich daö vorn Thurme herab ertönende Glockenspiel. Mein Hauptaugen-merk war auf die Kirchen gerichtet, und ick machte mich daran, die Revuezu beginnen. Doch eS war Bormittag, und da mußte ich zu meinem freu-digen Staunen hören, daß Fremden nur Nachmittags, wenn die Kirchenleer sind, die Besichtigung gestattet sey. Ich gab mich willig in daSSchicksal und schlenderte indeß in den Straßen herum, besichtigte dengroßartigen Justizpalast, wo ein Beamter mir mit ungemeiner Freundlich-keit ein Plafondgemälde, das das Glück Belgiens symbolisirte, erklärte.WaS mir bei dieser Häuserschau auffiel, war, daß oft ganz in der Näheder katholischen Gotteshäuser Freimaurerlogen sich befanden, nichts zu sagenvon den protestantischen und jüdischen Tempeln, welche sich in gleicher Un-befangenheit erheben. Nicht minder siel mir auf, daß die Geistlichen ohneUnterschied auch auf der Gasse ihre lange schwarze Kleidung mit dem Abbi-hute trugen, ja daß (Iwrribilo ciiotu!) Jesuiten und Redcmptoristen inihrem Ordenöhabite gingen, ohne daß sie jemand beirrte. Da ich ebenvon Oesterreich kam, wo man auf diese Patres förmlich Treibjagden ange-stellt hatte, so glaubte ich anfangs zu träumen, und fragte einen Herrn,der mir eben unterkam, um gütigen Aufschluß.O, meinte dieser, dieseHerren können in unserem Lande ganz ungenirt leben und wirken; dasVolk hat Vertrauen zu ihnen, und als vor ein paar Jahren in der Kam-mer der Antrag auf ihre Ausweisung gestellt wurde, widersetzten sich derprotestantische König und das protestantische Ministerium, weil dieß einHohn der Freiheit seyn würde, und so blieben sie; ja man stellte ihnendie Militärmacht zu Diensten, falls sie in ihren Rechten sollten angegriffenwerden, WaS aber bis jetzt noch nicht geschehen ist." Da sp tzte ich freilichdie Ohren und bekam von der Freiheit andere Begriffe. Nachdenkend ver-fügte ich mich in eine Restauration, wo mir aber nichts recht mundenwollte. Nachmittags begann der Kirchenbesuch. Im Dome hatten sicheben die Canonici mit ihren hohen Baretten versammelt, und eS beganndie BeSper, welche im Choral gemessen gesungen wurde. WaS mir indem herrlichen GvtteShause abging, waren die Betstühle, welche wir inder Heimath so gewohnt sind. Die ganze Kirche steht frei da und kühnund majestätisch steigen die Pfeiler und Säulen empor, und verschlingensich oben in zierliche Schiffchen. Diese Leere und Stille, die in allen nachfranzösischer Manier eingerichteten Kirchen BelgienS herrscht, hat etwaseigenthümlich Ergreifendes und zur Andacht Stimmendes. Der Contrastgegen daS bewegte überfüllte Außenlcben ist zu auffallend. Die Sesseln,welche eigens zum Knien und Sitzen eingerichtet sind, befinden sich ineiner Ecke der Kirche; wer einen gebraucht, bezahlet einen Sous. Bondem Dome weg richtete ich meine Schritte zur Kirche St. Martin, wo dieNonne Juliana der bekannten Offenbarungen gewürdiget wurde, in Folgederen man im Jahre 1246 in dieser Stadt die erste FronleichnamSprocessionfeierlich abgehalten. Ich besuchte noch andere Gotteshäuser, unter welchensich durch Nettigkeit und neueren Geschmack das der Rcdemptoristen aus-zeichnet, mußte aber zu meinem nicht geringen Staunen bemerken, daßeigene Tafeln in den Pfeilern und Altären befestiget waren, auf welchendie Namen der Mitglieder dieser oder jener Bruderschaft ganz öffentlichverzeichnet waren; eS fanden sich auch viele van (Herr von) darunter.Eben so befremdeten mich die vielen gedruckten Annoncen, die an den Kir-chenthüren befestiget waren, und zu einer Masse von nenntägigen Andach-ten ihre Einladung machen. Wo nimmt denn der Belgier bei seinen Ge-schäften nur die Zeit dazu her? bei unS ist oft kaum an Sonntagen einViertclstündchen für den Geist zu erübrigen! Besonders waren eS Andachtenzu Ehren Mariens. In den meisten Kirchen wird an größeren Festen fürdie seligste Jungfrau ein eigener Thron oft mitten in der Kirche, odernahe am PreSbyterium cnichtet, auf dem sie reich ausgestattet prunket,und ein ganzer Wald von wohlriechenden Blumen und kleinen Bäumchcnumstellt ihn. Obwohl schon müde, wollte ich auch den PP. Jesuiten, diehier ein großes HauS haben, eine Visite machen, konnte sie aber trotzvielen Fragens nicht auffinden; die guten Patres werden sich indeß nichtgedacht haben, daß sie für einen constitutioncllcn Oesterreichs deS Jahres4848 ein gesuchter Artikel wären. Eben so erging eS mir mit den äußerstthätigen Schulschwestern und den kröreg clo I'eools ellretisnne ich mußtemich mit dem Lobe begnügen, das ich ihnen von allen Seiten spenden hörte.

So liberal der Belgier in seinem öffentlichen bürgerlichen Leben ist,eben so genau kann er seyn, wenn eS die Prüfung deS Inneren gilt.Nirgends z. B. wird der fremde Priester so angelegentlich um seine bischöf-lichen Formaten u. dgl. gefragt, als eben hier. Dieß erfuhr ich in deralten Universitätsstadt Löwen, wo ich die heilige Messe crlebriren wollte.Ich wandte mich an den Geistlichen, den ich eben in der Sacristci traf,und zeigte ihm freiwillig meine Meßlicenz. Er nahm sie und laS sie wohldreimal durch, stellte sogar die etwas auffallende Frage: on aver vouseouclier? und alS ich ihm daS Hotel cle Luecle nannte, schien er garnicht befriedigt, wahrscheinlich, weil daselbst, wie ich später erfuhr, dieneuverlodten Brautpaare ihr Absteigquartier zu nehmen pflegen. Indeßertheilte er doch freundlich die Erlaubniß und traf selbst Anstalten, währendich meine kraoparstio verrichtete. Als ich damit fertig war, stellte ich michzu den Paramenten, allein keine Hand wollte mir bei Anziehung derselbenbehilflich seyn. Dieß ist Gepflogenheit in ganz Belgien, der Priester mußsich selber an- und ausziehen, dafür hat er einen großen Spiegel in derSacristei vor sich, daß er sieht, ob er seine Sache gut gemacht.

(Fortsetzung folgt.)

Die Charwoche in Köln.

Köln, 9. April. Die Charwoche in der katholischen Kirche ist vonwundervollen Eindrücken auf das fromme Gemüth: sie ist voller Poesie,malerisch schön und erhaben in ihren hervorstehenden Momenten; eineCharwoche in Köln liefert hiezu-die deutlichsten Belege. Der christ-lich classische Boden, die allwärtS in die Augen springende Denkmaleeiner altersgrauen Vorzeit, der vielartige Kreis antiker Tempel, der leb-hafte Sinn der eigentlichen Kölner für kirchliche Feste: alles das vereinigtsich, um den eigenthümlichen Ton der Charwoche hier besonders scharfhervortreten zu lassen. Nach der Morgenfeier eröffnet um Mittag diesogenannte Römerfahrt, schmucklos und einfach, die heilige Woche; ist wohl kein HauS in Köln , daS nicht zu dieser Römerfahrt, die sicham GrünendonncrStage wiederholt, seine Person liefert; letztere, am Grü-ne ndonnerStage, scheint die beliebteste. Am späten Abend, nach eigensabgehaltenem Gottesdienste und Predigt in einer der neunzehn Kirchen,zieht die zahlreiche Procession durch die nächtlichen Straßen betend undsingend, von Kirche zu Kirche, in oder vor der Kirche bestimmte Gebeteverrichtend; außer und neben ihr zahlreiche einzelne Gruppen, die vongleichmäßigen Gefühlen belebt, sich zusammenfinden zu gemeinsamer Andacht.Dieß Wallen und Wandern von Kirche zu Kirche setzt sich auch am stillenFreitage fort, wo in jeglicher Kirche in eigener Weise das heilige Grabbereitet und von frommen Betern ohne Aufhören bis zum späten Abendeumgeben ist. Bei der heurigen freundlichen Luft waren KölnS Straßenvon früh bis spät mit frommen Pilgern gefüllt. Das ist eben die schöneEigenthümlichkeit des katholischen Glaubens, daß er sich in seinen Anhän-gern nach allen seinen Richtungen durchlebt und wie die Kirche als derunsterbliche Leib deS Herrn erscheint, so auch seine Lebeirs- und Leidens-geschichte fort und fort durchwandert. Deßhalb bedarf es bei dem Katho-liken weniger deS anregenden Wortes; sein Cultus ist ihm fortlaufendePredigt, Belehrung, Ermahnung und Erbauung, eindringlicher und kla-rer für den schlichtesten seiner Bekenner, als alle Reden nur seyn mögen.So durchwandert der katholische Christ in stiller Enthaltung, in frommemGebet und in anschaulichen Betrachtungen die heilige Woche, gleichsammit dem Herrn den Kreuzweg machend, vom Triumphzuge am Palmsonn-tage bis zur trostlosen, schmerzvollen Grablegung. Und von gedoppelterBedeutung wird ihm der erste Strahl der Ostersonne, das erste freudigeAlleluja am Tage der Auferstehung! (Katholik.)

PiuSverein e.

Frankenthal , 18. März. Endlich ist auch hier der schon längstgewünschte PiuSverein inS Leben getreten, und zwar als Cantonalverein,welchem sich die Vereine in fünfzehn Gemeinden als Filialvereine ange-schlossen haben. ES wäre übrigens schon früher ein PiuSverein bei unSzu Stande gekommen, wenn nicht den Freunden der kirchlichen und reli-giösen Freiheit die Erlangung eines VersammlungSlocaleS von der Intole-ranz unmöglich gemacht worden wäre. Um so erfreulicher muß es darumerscheinen, daß sich ein Ehrenmann fand, der, begeistert für den schönenZweck der PiuSvereine, ein Versammlungslocal eigens erbauen ließ undzwar so groß, daß 3 400 Menschen darin Platz finden, und so zweck-mäßig eingerichtet, daß ein kleines Parlament in demselben seine Sitzungenhalten könnte.

Verantwortlicher Redacteur: L. Schönchen.

Verlags-Inhaber: F. C. Kremer.