Bei einer Präger Barricade.
Sonntag führt unS in einen Krankensaal voll crdensarbner, schmerzver-zehrter Menschen, in vessen Mille ein Mann voll erhabener Würde sitzt.Der Priester bittet ihn um Erbarmen; aber sein Gebet wird mit „Nein"beschicken; denn die Zeii eines Gerichtes, der Tennesäuberung und einesneuen Reiches sey angekommen. Die in Buhe harren und den Glaubennicht verletzen, werden gesammelt werden wie die Küchlein der Henne.Eine Deutung dieses Gesichtes möchte vielleicht seyn: „Die Glaubensfrei-heil wird die Anhänger Jesu und seiner Kirche und die Abtrünnigen auseinander scheiden. Am dritten Sonntag sieht der Priester eine wohl-riechende Blume, die aber, vom giftigen Thaue berührt, plötzlich verdorrt.Die dahinsterbenden Menschen im Hospitale, die schwarzen Leichenkarrenund der Trauergesang: „Kisorero mei, Daus!" erinnern nur zu deutlichan die Wiener Herbstscenen, die sich noch blutiger wiederholen werten,wenn cö auf den NadicaliSmuS ankömmt. Der vierte Sonntag istder einzige, der auch die Deutung deS Gesichtes enthält. Der vom Thurmesich losmachende Quaderstein stellt nämlich vor den Tod deS PapstesPiuS VIII. am 6. December 1830. Der Thurm wankt zwar, aber stür-zen wird er nicht wegen der Fundamente. So wankt auch gegenwärtigPetri Schifflein, aber' sinken wird eS nicht, und der NamenönachfolgerPiuS des Sechsten und Siebenten, der zwar gegenwärtig auch ihr Leidens-gefährte ist, wird wieder nach Rom zurückkehren und der Vertheidigerkirchlicher Freiheit seyn. Am fünften Sonntag wird der Scher imGeiste versetzt nach Egyptcn, wo die ungestalteten Nilpferde lauschen aufBeute, und das Krokodil! den gelben Rachen spaltet. Lybiens Wüste undArabienS Felseumassen uinstarren ihn, während er im breiten Stromeschrecklich einsam und verlassen steht, und als er um einen AuSweg fragt,wird er auf die dornigen, alpcnvollen und unebenen Berge, auf Schlan-gen und Basilisken hingewiesen, über die er schreiten muß, um zum Lebenzu gelangen. Da er wieder in die Heimath zurück kommt, sieht er seineKirche zum Waarcnmagazine verwendet, und auf dem Gottesacker reihensich frische Leichcnhügel und viele offene Gräber aneinander. Ein in schwar-zes Gewand gehüllter Fremder begegnet ihm und durchbohrt ihn mit wil-dem Feuerauge. Hier sind die Verfolgungen des Gottes- und Menschen-FcindeS, deS Satans, die er durch seine Diener auf Erden über die Gutenverhängt, meisterhaft gezeichnet. Die zerstörte Kirche und der leichenvollcGottesacker verkünden den Umsturz deS Christenthums in Europa und denKampf auf Leben und Tod, den ein Religionskrieg bringen wird. DaSGesicht des sechsten SonntageS zeigt dem Priester den Markt dieserWelt, der plötzlich durch den Ueberfall wilder Thiere aufgehoben wird.Gegen den Anfall zweier Tiger setzt er sich mit dem Messer zur Wehre,das ihm aber nichts hilft, sondern seine Kniee retten ihn, mit denen erdie Thüre deS Hauses zuhält. Durch demüthigeS Gebet und Fasten könn-ten manche Leiden, die uns drohen, wieder zurückgenommen oder wenig-stens gemindert werden. Der siebente, achte und neunte Sonntaggibt an daö Aufhören alles Gottesdienstes auf die Dauer von „Einhun-dert sechse" (Tage, Wochen oder Monate?), deS Predigend und Beicht-hörenS. Die Kanzeln wanken, und die Beichtstühle werden vom Sturmein die Wüste fortgeblasen. DaS aus Europa wandernde Christenthumwird sich in einem andern Welttheile eine neue Heimatb suchen. NachBayern , auf welchem Lande der Himmel lange heiter strahlte, werden wiram zehnten Sonntage im Geiste mit dem Scher versetzt, auf dasjetzt schwere Schlossen fallen. Der auf ein Tuch von groben Linnen ver-schüttete Wein, den zwei Priester in das Faß zurückgießen, mag wohl dasviele Gute bedeuten, vaS man da noch antrifft, wenn man eS nur auchzu benützen wüßte, und nicht zu groß die Mühe wäre, die Gutdenkendenum sich zu schaaren. Hätte man weniger Mißtrauen und mehr Vertrauenauf die Kirche, so dürfte man nicht bei Kirchen- und Königöfeinden umRath fragen. Die Kirche hat ältern und bessern Wein, als der brausendeMost der Revolution es ist. Der eilfte Sonntag zeigt unö ein Lava-land ausgebrannter Städte und Fabriken, und weist uns auf die Jncu-rabcln von St. Franciscus, die wahrscheinlich gegen die Armuth Rathschaffen sollen. Ganz Europa ist am zwölften Sonntage ein Kriegs-lager gegen die Kirche auf einer Felsenfeste, an welcher der Ritter inschwarzer Rüstung nebst seinem Sireitrosse zerschellt. Die drei letztenSonntage stellen unS vor die triumphirendc Kirche, wie sie nach vielen,langen und heißen Kämpfen voll göttlicher Würde und Erhabenheit dasteht.Ergriffen von der überirdischen Schönheit der Braut Jesu sinkt der Seheran den Tcmpclstufen nieder und ruft entzückt aus: „O wie herrlich ist dieWohnung meines Gottes auf der Erde!"
DaS Gesagte wirb genügen, um daö Büchlein selbst zu lesen, vondem eS wohl auch heißen mag: „Wird eS wohl Glauben finden?" Seinebescheidene und ungekünstelte Darstellung und Sprache verdient wenigstensmenschlichen Glauben. Göttliche Autorität maßt sich dasselbe nicht an.
Die Spuren der Juniereiguisse voriges Jahrs verschwinden allmälig;bald dürften die Narben an der Stirne des Altstädter Brückenkopfes dieeinzigen Erinnerungszeichen bleiben, weil doch zu erwarten steht, daß dieenthaupteten Heiligen und Engel auf der Brücke nicht lange im Zustanddieser traurigen Verstümmelung bleiben sollen. Die Mühlen, der Herd deSfurchtbaren Brandes, zumal haben eine glänzende Metamorphose erfahren:anstatt der elenden Bretterbuden sind palastähnliche Häuser emporgestiegen,zum Theil von kühnen Wölbungen getragen, um den Wassern freien Durch-zog zu lassen. Kaum ragt der Rumpf LeS ausgebrannten Wasscrthurmsüber die herrlichen Bauten hinweg, seines noch zweifelhaften LooseS har-rend. Ein aus den UntcrsuchungSactcn gezogenes, eben erst in zweiterAuflage bei Sommer in Wien erschienenes Schriftchen weckte die altenErinnerungen lebhafter, und Manches, was eine gewisse Partei mit Sorg-falt zu verwischen suchte, trat in unliebsamer Wirklichkeit an's Licht. ESwird die Zeit kommen, wo die ganze Tünche sich ablösen, und daS pansla-wische Bild sich in seinen deutlichen Umrissen zeigen wird.
Ich schweifte mit einem guten Freunde im Gebiete dieser Reminis-cenzen herum, als:wir auf einen Verfall kamen, welcher in den stürmi-schen Tagen seinen Eindruck nicht verfehlte, obschon daS Gemüth so viel-fältig ergriffen war. Er verdient niedergeschrieben zu werden.
Die streitenden Parteien wachten besonders darüber, daß den Geg-nern kein Schießbedarf zugemittelt wurde. Aus diesem Grunde mußte essich Mancher gefallen lassen, wenn er in ruhigen Augenblicken über die,die Lager abgränzenden Barricaden kletterte, eine strenge Taschendurch-suchung zu bestehen. Da erschien auch eine alte, häßliche Frauengestalt;ihr wilder, scheuer Blick, ihr ganzes unheimliches Wesen zog die Aufmerk-samkeit deS wachsamen Proletariats besonders auf sich. Sie wurde ange-halten, und da sie mit Gewalt durchdringen wollte, um desto genauervisitirt. Bald wurden unter wildem Geschrei Patronen auS ihrem Busenhervorgezogen. Ging es bei der Untersuchung schon heftig zu, so geriethdie rohe Masse bei der Entdeckung in eine wahre Höllenwuth, die sich auf'SAeußerste steigerte, als sie hartnäckig daS Geständniß verweigerte, für wensie die Munition getragen habe. Sie lag bereits auf dem Boden, manschleifte sie herum, und mißhandelte sie ferner mit Stößen und Fußtritten,ja man drohete ihr den Tod. Ueber die letzte Drohung brach sie in daSGelächter einer Verzweifelten aus, indem sie rief: Ich will den Tod, daSMaaß meiner Sünden ist voll! Und wirklich stürzten dann, als hätten sieden Rathschluß der göttlichen Gerechtigkeit zu vollziehen, eine Rotte Wei-ber über sie, und erdrosselten sie auf die schauerlichste Weise. Die Leichewurde über die Barricade geschlendert, denn man konnte ihren Anblicknicht ertragen. AIS man später die Gebliebenen sammelte, und großen-theilS in eine gemeinsame Grube bei dem Kloster EmauS senkte, war mandagegen, dieses AaS, wie man es nannte, zu ehrlichen Leichen zu legen,und man scharrte eS besonders ein. So läßt sich die schauerliche Thatnach den mitunter abweichenden Erzählungen der näher Gestandenen nach-erzählen.
Welches sind aber die Anfänge eines solchen Endes? Wir müssenweit zurückgehen, zurückgehen in eine Zeit, welche von vielen hoch gepriesenwird, in die achtziger Jahre, und in die nächstfolgenden Jahrzehente, wodie gestreuete Saar der Achtziger da am üppigsten wucherte. Unter denvielen Klöstern Böhmens zeichnete sich eines aus, von Söhnen deS heiligenFranciScuS bewohnet. An demselben ging wohl der Geist der Scculari-sirung schonend vorüber, aber auch nur um den Preis, daß dem frivolenWeltgeist, seinem Bruder, der damals, wie heut zu Tage, der Geist derAufklärung hieß, freier Zutritt gestattet wurde. Nachdem er längere Zeitsich umgesehen hat, fand sich der Mann, dem er seine Weihe geben konnte,und man muß gestehen, daß dieser Vorsteher des HauseS den Zeitgeist aufeine Weise begriff, und ihn zu rcpräsentiren verstand, wie vielleicht wenigeseines Gleichen. Mit dem zartesten Puder war täglich der nettfnsirte Kopfangehaucht, der geschmackvollste Anzug schmiegte sich an seine Glieder.Die geschliffensten französischen Manieren machten den Mann in den elegan-testen Zirkeln unentbehrlich. Die ohne Widerrede erste Romanenbibliolhek,welche er zu schaffen verstand, bot seinem Geist reichliche Nahrung undGelegenheit auf zeitgemäße Bildung in weiteren Kreisen, besonders bei demzarten Geschlechte einzuwirken. Das Ausgezeichnetste aber waren die HauS-feste; die überstrahlten AehnlicheS weit und breit. Von Mittag bis in diesinkende Nacht fesselten immer sich erneuernde Gaumenreize über hundertGäste an die üppigste Tafel, und war die Nacht da, suchte man Kühlungin den Gärten, wo die schönsten Harmonien durch die duftenden Büschedrangen; da überraschte die Heiteren die Frauenwelt, und daS Ganze krönteein abgebranntes Feuerwerk. So rauschten einige Jahre vorüber, der Mannwar ein wahrer Allerwelimann, ein Ideal, wie eS die schwunghafteste