74
er durfte es vor dem allsehenden Auge deS Herrn sagen, hatte er ronJugend auf getreu erfüllt. Aber noch lebte in ihm ein ganz eigenthüm-liches Verlangen nach etwas Höherem, er fühlte sich zu einer größerenVollkommenheit angetrieben; das war eS, waS ihm der gute Meister beu-ten sollte. JesuS aber sprach: Willst du vollkommen seyn, so gehehin, verkaufe, waS du hast, und dann komme und folgemir nach!
Unv ein ander Mal, als Er den Aposteln die Gesetze der Ehe erklärthatte, so daß sie dem ehelosen Stande den Vorzug gaben, sprach Er: Esgibt Ehelose, die eS freiwillig geworden sind, um deS Him-melreiches willen. Wer eS fassen kann, der fasse eS.
Und zum dritten Male, als die Apostel sich einst um den Vorrangstritten, sprach Er: Wer unter Euch der Erste seyn will, dersoll der Letzte von Allen unv Aller Diener seyn.
Diese drei Worte, so unansehnlich und so zufällig scheinend, gcspro-chen von Dem, der die Welt in seiner Hand trägt, sind durch alle christ-liche Jahrhunderte durchgeschlagen, und, zur gewaltigen Flamme in vielenHerzen entzündet, haben sie Völker gebildet, Staaten geschaffen, Jahrhun-derte gelenkt, die Menschheit gerettet. Oder waren eö nicht die Armuth,die Jungfräulichkeit und die heroische Resignation, deren blutigem SiegeLaS Heidcnthum zuletzt unterlag, — die anS dem Völkersturm Glaubenund Wissenschaft gerettet, die die Wildnisse urbar gemacht, die noch wil-dern Völker mit dem Kreuze an Ordnung und Gesittung gewöhnt, dieKönige und Unterthanen geleitet, in den großen Kämpfen des Mittelalters,wenn oft Anarchie oder Tyrannei Jahrhunderte erschütterten, die empörtenElemente an den ewigen Felsen der göttlichen Ordnung befestiget haben, —die der Kirche in den drangvollsten Augenblicken eine starke Wehr waren,und so die Bedingung der Entwickelung der Menschheit erhallen haben?
An der Geschichte von achtzehn Jahrhunderten haben die drei Gelübdeein vollgewichtiges Zeugniß für ihre sociale Bedeutung; eS wäre lächerlich,zu läugncn, daß ihnen im Plane des Herrn der Geschichte eine ganzungewöhnliche große Wirksamkeit angewiesen ist. Wem daö Geheimniß derGeschichte klar geworben, wer nicht mehr glaubt, daß der Menschengeistmit seinen Fort- und Rück- und Seitenschritten ihre Mitte ist, kann nichtdaran zweifeln: die drei evangelischen Räthe haben die Bestimmung, diesociale Welt aufrecht zu erhallen.
AIS Gott Wesen erschuf, die deS Bewußtseyns ihrer selbst undanderer Wesen fähig waren, konnte er keine andere Absicht habet?, alsdaß Er, das Wesen im eminenten Sinne, der Grund und AuSgangs-punct ihres Daseyns, auch eben so Grundlage und AuSgangSpunctihrer ganzen Lcbenöthätigkeit sey. War die Ebenbildlichkeit GolteS derVorzug der geistigen Natur, so mußte die Aufnahme des göttlichen Willensdie Vollendung des geistigen Lebens seyn. Die göttliche Idee vom Men-schen erforderte also nicht, daß ihm der Wille Gottes als objectives Gesetzvorschwebte, nach welchem er ängstlich und mühsam ringen und seineSchritte berechnen müßte, sondern derselbe muß lebendig in seinem Innernleben, muß die Seele seiner Seele seyn, muß so innig mit dem mensch-lichen Willen vereinigt werden', daß dieser nach jenem sich transfvrmirt,sich ihm, so viel es dem Geschöpfe möglich, verähnlicht, so daß zuletztdaS (geistige und Natur ) menschliche Leben von Gott getragen und gehal-ten war, ja, ohne Aufhebung der Freiheit, ganz im göttlichen Leben auf-gegangen ist. Natürlich kann da die Freiheit keineswegs leiden, wennjenes Leben in ihr herrschend wird. Vielmehr mag sie dann, von derBleischwere der knechtischen Natur entlastet, in jenen reinen Höhen desgöttlichen Lebens, von wann sie ja stammt und wo in ewigem Sonnen-glanze der Urfrciheit die höchste Seligkeit waltet, erst recht kräftig ihreSchwingen entfallen.
So lange der Mensch, noch nicht zu der verhängnißvollen Entschei-dung hingedrängt, in diesem Zustande lebte, wußte er Nichts von einemvon Außen ihm gegenüberstehenden Gesetze; er trug daS Geheimniß deSgöttlichen Willens in eigner Brust, und kannte kein anderes Leben, als!nach dem Zuge jener Macht, der seine Seele ganz ergeben war. Doch jals daö Unselige geschehen, alö sein Geist sich von jener nur freizwingen-^den Macht in völligem Widerspruch losgerissen und den geheimnißvollenLcbcnSbund mit klarem Bewußtseyn aufgekündigt hatte, so konnte zwarauch dadurch die Nothwendigkeit der beständigen Gegenwart des göttlichen!Willens bei jenem wesenbewußtcn Geschöpfe, weil die Idee derselben, nichtaufhören; aber dieser Wille mußte den Charakter der Gesammtheit, derAeußcrlichkeit in seiner Erscheinung an sich tragen, er mußte Gesetz wer-den, daS sich, wie früher der göttliche Wille mit dem doppelweseittlichenIch in Verbindung gestanden, dem Menschen so auch nun geistig (Gewis-!sen) und körperlich (geschriebenes, gesprochenes Gesetz) entgegensetzte, sozwar, daß diese beiden Wege sich gegenseitig unterstützten und ergänzten.!Da aber durch jene Aufkündigung auch im Menschen selbst die Ordnung
gewichen und der Geist dem Sklavenjoch des Körpers unterlegen war, somußte sich dieß Mißverhältniß auch in der überwiegenden Kundgebung deSGesetzes auf materiellem Wege zeigen, und der Geist auch die Demüthi-gung hinnehmen, daß der göttliche Wille mit ihm mehr mittelbar, durchdie Natur, als unmittelbar verkehrte. DaS war das Gesetz vom Sinai.Dieser Zustand war nicht der Zweck der Menschen. Nichtsdestowenigerkonnte auch Gott das Resultat der einmaligen freien That deS Menschennicht aufheben. Wie aber, wenn er die ganze Menschheit durch ein wun-derbar in sie geschaffenes Glied so mit sich verband, daß sie mit ihm, wieein Geschlecht unter sich verbunden war, sofern nur ein Jeder auch geistigdiese Gemeinschaft affirmirte? Dann war freilich der Wille Gottes imGeiste dcö Menschen wieder zu Recht gekommen und in dessen Lebensver-band überall aufgenommen, wo die gejchlechtliche Gemeinschaft mit jenemneugeschaffenen Gottmenschen auch geistig asfirmirt worden. Geschieht nundiese Affirmation, so ist „lebendiges Wasser" verheißen, die „leichteBürde," das „sanfte Joch," dann ist das Gesetz wieder „in unsere Her-zen geschrieben", unv wir sind nicht mehr „Knechte", sondern „Kinder undErben GotteS".
Geschieht die Affirmation nicht, so bleibt daS Gesetz immer ein Frem-des, ja Feindliches, wird zur Strafe. So lange die Gemeinschaft deSGeschlechtes dauert, kann die Affirmation geschehen; aber so lange auchkann sie (denn auch die Sünde ist durch das Geschlecht gekommen) wiedernegirt werden, unv deßhalb ist der Wille Gottes auf Erden selbst Denen,die in ihn eingegangen, nicht nur inneres Lebenselement, sondern auchäußeres Gesetz. So trägt also der Christ den Willen GotteS wieder ineigner Brust, „die Liebe Christi drängt ihn," „die Gnade ist auSgegossenin sein Herz durch den heiligen Geist," „von Gott kommt sein Wollen undsein Vollbringen," — und zugleich steht ihm jener Wille GotteS alsäußeres Gesetz gegenüber, so daß er, obgleich nicht mehr Knecht, sondernKind GotteS, doch „sein Heil wirkt in Furcht unv Zittern". Nun ist daschristliche Gesetz zwar, einem dornigen Zaun gleich, hinreichend, auf denTriften deS Heils zu bewahren und die wilden Thiere abzuwehren. Auchist eS schon deßhalb ein Ansang der christlichen Vollkommenheit, weilgeschrieben steht: „Ich bin den Weg deiner Gebote gelaufen: da hast dumein Herz erweitert." Aber wo in einer Seele der Wille GotteS , so vieleS die Erve zuläßt, herrschend geworden, welches Ziel kann da wohl dieVollkommenheit und Liebe haben? Miß die Liebe des unendlichen GotteSauS und dann sage eS mir! Welch' eine Ertövtung der Augenluft, Flei-scheslust und Hoffart deS Lebens! Doch nein! welch' eine Geringschätzungalles BesitzeS alö Koth und Auskehricht, welch' ein Abscheu gegen alleLüste der Erde, welch' eine Furcht vor dem eignen Willen — nur Gott Alles in Allem!
Diese Vollkommenheit durch den innewohnenden Geist Gottes ist aberauf Erben nicht unverlierbar; denn noch besteht der Verband deS Geschlech-tes und durch das Geschlecht die Sünde. — So müssen auch sie, dieseHügel und Berge auf der Trift des Heiles, mit einem Dorncnzaun, miteinem Gesetz umfriedigt werden; aber dieses Gesetz wird nicht von Gott gegeben, wie das andere, sondern von dem in Gott eingegangenen, inGott erstarkten und in Gott freiwirkenden Willen. Denn Gott ist nichtmehr außer ihm, sondern in ihm. Und dieses selbst gegebene Gesetz höhe-rer Vollkommenheit, dreifach nach unserer Beziehung zu uns selbst, denäußern Dingen und den Nebenmenschen, ist daS Gelübde.
Gehen wir nun nach dieser nothwendigen Darstellung seines Wesensauf.seine Erscheinung in der Geschichte näher ein, so sind zuvörderst diedrei ersten Jahrhunderte zu betrachten. Gewiß war in jener Zeit, da eineSittenreinheit und GotteSliebe zur Taufe nöthig war, wie sie jetzt bei derletzten Oelung selten ist, das höchste Vorbild Jesus Christus , Er, der,obgleich der Reichste, der Seligste und der ewige König der Könige, dochder Aermste, der Mann der Schmerzen, und Aller Diener geworden ist.Doch damit nicht der Glanz der Gottheit von Seiner Nacheiferung abschreckteunv verwirrte, so hat auch dem schwachen Geschlechte Jene sich Ihm zurSeite gestellt, die da heißt „Mutter der schönen Liebe, Mutter der heiligenHoffnung, Magd des Herrn." Man schaute nach der Sonne der Gerech-tigkeit, nach dem Morgenstern hin — und dieser Blick war das Gelübde,ihnen in ihrer Vollkommenheit nachzustreben. Wie herrlich war sie da, dieheilige Braut Christi , die Kirche, in der Jugendschöne heiliger Liebe undim Purpurschmuck deS Martyriums! Wie hätten damals ihre Kinder denWeg der Gelübde verfehlen können, wie „das Wort nicht fassen" sollen!Wie hätte» sie sich an die Erdengüter hängen können, die man ihnen ent-riß, an die Lüste der Welt, die sie verfolgte, an die Eitelkeit des Lebens,das ihnen sein Elend seine Oede und Erbärmlichkeit zu zeigen wetteiferte!Ihnen blieb Nichts, als der Herr; darum genossen sie, als genössen sienicht, besaßen, als besäßen sie nicht, litten Verachtung und Gewaltthat,indem sie mit Entsagung den Blick auf die unverwelkliche Krone hefteten.