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9 (13.5.1849) 19
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Ihr ganzes Leben war ein Gelübde. Fragst du, waS dieses Leben füi^Früchte gebracht? Es hat die Sklaverei vernichtet, deS WeibcS Würde;hergestellt, ven heidnischen Staat als solchen gestürzt, Las Panier der Frei,!heil der Religion, der Nationalität, der Person in die ganze Welt siegreich!hinausgetragen.

Doch diese heroische Zeit endete mit der politischen Anerkennung deSChristenthums, aber die Gelübde nicht. Sind sie ja doch das Herz, dasPalladium desselben. Die wilden Völker zogen über die versänke römischeWell hin, der morsche Koloß krachte zusammen; die rohen Horden aber-)die sich auf den Trümmern tummelten, ungeduldig, ihren Beruf zu einerbessern Ordnung der Dinge zu erfüllen, harrten einer mütterlichen Bild-nerin, die sie alle mit gleicher Liebe umfassen und zur gleichen Mündigkeitund Selbstständigkeit im christlichen VölkerhauSyalt erziehen sollte. Undes begann von der immergrünen, heiligen Insel der Kirche aus auch eineWanderung, nicht zerstörend, verheerend, sonvern von Frieden und Segenbegleitet. Es waren die Jünger des heiligen Benedict, welche die Bar-baren mit Einsetzung ihres Lebens in ihren Wäldern aufsuchten, ihnen dieKunde von einem gerechten und unendlich liebreichen Gott brachten, sie vonden blutbespritzten Götzen Hinwegrissen, und die Wildmß ihres Landes, wieihrer Herzen lichteten, befruchteten, belebten. Da regte sich mit einemMale eine mächtiges Treiben und Wirken in immer weiteren Kreisen umdie stillen Wohnstätten der Mönche. Uralte Eichen, deren dunkle Schattendie Schlupfwinkel von Bären und Elennthieren gewesen, sanken unter denStreichen ihrer Aerte, wallende Saaten breiteten sich über die sonst mitGestrüpp und undurchdringlichem Tnckicht bedeckten Thäler aus, in derenMute Meiereien, Höfe, Dörfer, Städte sich an des KtvsterS heiligeMauern, wie die Kinder an das Kleid der Mutter, anschmiegten. Dawohnten gesegnete Familien und kosteten zum ersten Mal das Glück derCivilisation und segneten die Hände der Mönche, die ihnen dieselbe gebracht.War das nicht so recht das Bild deS christlichen Lebens: In der Mitte,gleichsam im Herzen, die Männer, die Frauen der Gelübde, und um sieher die zu erziehenden Geschlechter! Auch die Staaten begannen sich zubilden; die Männer der Gelübde verfaßten Karls deS Großen Capitularien,leiteten die Könige zum Heil der Völker, senkten den Samen der Wissen-schaft, die durch sie gerettet war, den Samen jeglicher Tugend in diestrebsamen Geister ein, kurz sie waren die Schutzengel, die Väter der euro-päischen Menschheit.

Nun begannen die großen Bewegungen deö eigentlichen Mittelalters,voran der Niesenstreit, das Papstthum gegen maaßlose Fürstengewalt, diedie Kirche knechten wollte, um dann dle wehr- und rettungslosen Völkerin die Fesseln orientalischer Sklaverei schlagen zu können. Waren es nichtauch hier die Männer der Gelübde, die sich den Ränken und Gewalttha-ten der Fürsten und ihrer Knechte entgegenstellten, ein Bollwerk der Frei-heit der Kirche und der Völker? Wenn es gegenwärtig den Völkern wenig-stens nicht an dem Bewußtseyn ihrer Rechte und der Kraft, sie zu behaup-ten,*) fehlt, so haben sie dieß den Männern der Gelübde und ihren da-maligen Anstrengungen zu danken.

Eine andere Bewegung deS MittclaltcrS waren die Kreuzzüge.Seitdem das kleinstädtische Wesen der neuern GeschichtSbehandlung zulangweilen beginnt, begreift man allmälig, welchen ungeheuern Anstoßdieselben der geistigen Entwickelung Enropa's geben mußten, wie ohne diesegroße Strömung nach dem Orient die ungeschlachte Naturkraft der Völkerdem Geiste nie Unterthan geworden wäre, und der Geist nie jene wunder-samen, manchfaltigen Blüthen getrieben hätte, welche selbst eine Zeit, wie-die unserige, nur anstaunen kann. Es wäre überflüssig, die Wohlthatender Kreuzzügc speciell von ihrer socialen Seite darzustellen; auch würdedadurch der innige Zusammenhang und das Großartige der mittelalterlichenVerhältnisse nur leiden. Wir können kühn behaupten, wäre unsere Zeitfür einen solchen Gedanken zu begeistern, er enthielte die Rettung derGesellschaft und den Samen deS Glücks auf Jahrhunderte hinaus. Da^malS aber waren die Männer der Gelübde die Träger, die Verbreiter,!die Vollender des großen Gedanken. Bei ihnen fand auch derjenige einstilles Asyl, der sich, von der sturmbewcgten Well verfolgt, getäuscht oberauch nie getäuscht, nach Schutz und Ruhe sehnte. Bet ihnen fand jedeWunde Heilung oder Linderung, jede Noth Hilfe oder Trost. Von demGrimm der Verzweiflung an allem Göttlichen und Menschlichen, von dersocialen Zerrissenheit unserer Tage wußte man Nichts. Aber wie kam denndas? fragt man vielleicht. Ja freilich, wenn man meint, eS verstehe sichvon selbst, daß Jeder so viel besitzt, genießt und regiert, als er eben kannoder auch nicht kann, dann bleibt die Zerrüttung der Gesellschaft einunauflösliches Räthsel, sie scheint dann eben dazu bestimmt zu seyn. Dann

*) Lb sie auch noch die Weisheit bewahren, ihre Kraft und ihre Stechte zugebrauchen, ist natürlich eine andere Frage.

gibt nur Commissionen, Vorschläge, Worte zur Hebung der Noth undes gibt am Ende keine anderen öffentlichen WohlthätigkeitSanstalten, alöKasernen, Zuchthäuser, Narrenhäuser, Pfandhäuser, Enlbindungöhäuscrund andere Häuser. Daß aber der Uebervölkerung nur durch das Verzich-ten Vieler aus die Ehe gesteuert werden kann, will, obgleich eS so klar ist,alS 2X24, der hochweiscn Gegenwart nicht einleuchten, daß die Ver-armung mir gehoben werden kann, wenn Viele dem Eigenlhume zn Gun-sten der Armen entsagen und arm werden wolle», um die Armuth undAlmosen mit dem Armen zu theilen, daß der Geist des Gehorsams, dieAchtung vor der Autorität, ohne die noch keine Gesellschaft bestanden, nurhergestellt werden kann, wenn Viele Angesichts der Welt sich freiwilligeinem Obern untergeben und ihren Eigenwillen Gott zum Opfer bringen, das Alles kann offenbar eine Zeit, die an Einsicht in das Wesen derGesellschaft tief unter demfinstern- Milielalter steht, nicht erkennen.Die Reformation, die eben Nichts war, als die Verwerfung der Geheim-nisse deS Christenthums, mußte natürlich die Gelübde eben so unmittelbarüber Bord werfen, als das Christenthum sie hervorgebracht; ihre Früchte,die sie nun, abgelebt, zurückläßt, sind eben die Geißeln unserer Zeit.

Werden sie Europa in rasendem Kampfe zeifleischen und aufreiben?Wird Gott seine Hand zurückziehen, und sie den Kommenden ein Denkmalvollenden lassen, daß noch kein Volk ungestraft sich vom Geiste deö Chri-stenthums lossagt?

Nein, Las wird Er nicht. Groß ist das Elend und der socialeVerfall, groß, wie in der ganzen Vergangenheit zusammengenommen; abergrößer noch ist die Macht, der Reichthum der Kirche, denn in ihrem unver-wüstlichen Heiligthum birgt sie die Garantie der Gesellschaft, die Gelübde.

Der große Kirchenbann, ausgesprochen über den Priester

Joseph Aigner.

Valentin,

durch göttliche Erbarmung und deö heiligen apostolischen Stuhles GnadeBischof von Regens bürg.

Um noch größere Uebel und Aergernisse von der Kirche Gottes undden Unserer Obhut anvertrauten Gläubigen abzuwenden, sehen Wir U»S mittief bekümmertem Herzen genöthigel, gegen einen Priester Unserer Diöcese,üachde,m alle Belehrungen, Ermahnungen und Bitten vergeblich gewesen,Gebrauch zu machen von der Lurch unsern Herrn unv Heiland JesuS Christus seinen Aposteln und ihren Nachfolgern (Match. 18, 1518) übertragenenGewalt, zu strafen und von der Gemeinschaft der Kirche auszuschließen.

Im Laufe des Jahres 1848 erschien unter dem Namen TbeororTrautmann in zwanglosen Blättern eine Schrift mit dem Titel: ckkehrzum apostolischen Christenthum, welche offen darauf hinzielt, LaSganze positive Christenthum zu untergraben und zu stürzen. Denn eS werdendarin die Grundfesten der christlichen Religion, daS Geheimniß der allerheilig-sten Dreieinigkeit, die Gottheit Jesu Christi und des heiligen Geistes, dieErbsünde, die Erlösung und daher auch alle Mysterien des Heiles, daSOpfer deö neuen BundeS und die Sacramcnte, so wie die Auferstehung derLeiber mit dürren Worten geiäugncl und bestritten, nichts davon zu sagen,daß sie damit beginnt, die ganze heilige Kirche, die bereits durch achtzehnJahrhunderte alle Stürme siegreich überstanden, und welcher der BeistanddeS heiligen Geistes verheißen ist bis zum Ende der Welt, darzustellen alsin die größten Irrthümer verfallen.

Bald nach dem Erscheinen der ersten Hefte dieser Schrift verbreitetesich daS Gerücht, daS auch in öffentliche Blätter überging, der wahreVerfasser der unchristlichenzwanglosen Blätter" sey Hr. Joseph Aigner,(seil dem 13. November 1835 Stadtpfarrer und Sladtvccan zu Amberg). Wir durften nun Kraft Unseres Oberhinenamtes nicht säumen, über denGrund ober Ungrund dieses Gerüchtes Uns volle Gewißheit zu verschaffen,und beauftragten daher unter dem 2. Dezember 1848 den Herrn Decan,sich binnen gewisser Frist persönlich vor Uns zu stellen, oder wenn er derVerfasser genannter Schrift nicht sey, eine Gegenerklärung bei der oberhirt-lichen Stelle einzureichen und sie zugleich in öffentliche Blätter einrücken zulassen. Wie groß war Unser Schmerz, alS derselbe in einer Zuschrift anUnser Ordinariat vom 10. December sich als wirklichen Verfasser der zwang-losen Blätter mit dem Beifügen erklärte:er sey von der Wahrheit ihresInhaltes so innig überzeugt, daß er um Alles nicht davon abstehen könne!"Ja, wie groß war Unser Schmerz, daß ein Priester Unsers BiSthumS,den die heilige Kirche so lange in ihrem Schooße getragen, eben dieseKirche so schnöde verrathen und den Gläubigen so großes Aergerniß gebenkönne! Wir haben sofort den Herrn Decan Aigner, der in seinem Schrei-ben vom 10. Dec. zugleich seine Pfarrei resignirte, unter dem 14. Dec.zu UnS beschieden, um ihn wo möglich von seinen Irrwegen zurückzurufen,